Archiv der Kategorie '#1 - Mai 2017'

Rezension: »Postnazismus revisited«

von Jan Schneider

Der Band »Postnazismus revisited« von Stephan Grigat (Hrsg.) ist die zweite, erweiterte und aktualisierte Auflage von »Transformation des Postnazismus. Der deutsch-österreichische Weg zum demokratischen Faschismus«. Der Text »Die Verhärtung der politischen Form. Das Kapital und die Zukunft des Faschismus am Ende der liberaldemokratischen Epoche« von Johannes Agnoli ist aufgrund von Urheberrechtsstreitigkeiten nicht mehr abgedruckt und auch »Anständiger Widerstand. Der patriotisch-politiksüchtige Protest gegen die demokratische Barbarei« fehlt, die restlichen Texte wurden überarbeitet. Hinzu kamen drei Beiträge von Stephan Grigat, Clemens Nachtmann und Gerhard Scheit. (mehr…)

Schlaglichter aus dem Lohnzwang

Um die Motivation zu steigern, seinem Recht auf freie Berufswahl auch rasch nachkommen zu wollen, empfiehlt das Sozialamt seinen Kund*innen gelegentlich die Bewerbung auf zumutbare Stellen. Als inspirierendes Bewerbungsbeispiel möchten wir euch diese couragierte Leseprobe mit auf den Weg geben:

„Durch meinen Jobvermittler beim Jobcenter wurde mir empfohlen mich auf die Stelle eines Jobvermittlers beim Jobcenter zu bewerben. Im Rahmen meiner Suche nach sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung habe ich mit diesem Berufsbild bereits erste Erfahrungen gesammelt. […] Es ist mir ein besonderes Anliegen meine Schaffenskraft zum Wohle der gesellschaftlichen Entwicklung unseres Landes mehrwertorientiert einzusetzen, um als Staatsbürgerin meinen Beitrag zum sozio-ökonomischen Fortschritt zu leisten, denn damit werde ich nicht nur meinem Anspruch gerecht. Dieser lautet: Sozial ist was Arbeit schafft. Dafür stehe ich ein und sehe mich in der Position als Jobvermittlerin am richtigen Platz zur richtigen Zeit, um das zu schaffen, was uns allen wichtig ist: Arbeit.“

Die Autorin ist der Redaktion bekannt.

Zur Kampagne »Stadt, Land, Volk«

Die Genoss*innen vom KV Marburg weisen auf die Kampagne »Stadt, Land, Volk – Rechte Netzwerke überall bekämpfen« hin:

„Diese richtet sich vor allem gegen Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus und Sexismus, sowie Menschen, die solche Diskriminierungsstrukturen gesellschaftlich zu festigen versuchen. Wir als Falken haben diesen und den Verhältnissen, welche sie hervorbringen, seit jeher den Kampf angesagt, und halten es für nötig, im Angesicht der erfolgreichen rassistischen Mobilmachung der letzten Jahre, dort wesentlich genauer hinzuschauen und aktiv zu werden. Die Marburger Genoss*innen nehmen besonders die Überschneidungen zwischen Burschenschaften, der AfD sowie ihrer Parteijugend, der Jungen Alternative (JA) ins Visier. Die Analyse und daran anschließende Bekämpfung faschistoiden Gedankenguts sollte jedoch nicht nur Antifa-Strukturen zur Aufgabe werden. Der fortschreitenden Regression, mitangeführt von oben genannten Akteuren sowie deren Umfeld, wollen wir als Falken unsere Idee eines besseren Lebens für alle entgegenstellen und durch Bekanntmachung der Kampagne auch in sich nicht linksradikal nennende, zivilgesellschaftlich engagierte Kreise, die notwendige Aufmerksamkeit verleihen. Besonders hinsichtlich der Bundestagswahl im September, die einer mindestens rechtspopulistischen Partei für vier Jahre durchs Mandat legitimierte, permanente Agitation auf Bundesebene zugestehen könnte, halten wir es für unabdingbar – um genau das zu verhindern -durch sachliche Kritik, wie im Kampagnentext exemplifiziert, jedes irrationale Ressentiment zu thematisieren und als solches zu entlarven. Wir wünschen unseren Genoss*innen viel Erfolg bei ihrer Kampagne!“

(SJ – Die Falken Ortsverband Marburg) Den Aufruf zum Auftakt der Kampagne legen wir euch ans Herz, er kann auf der Webseite der Kampagne StadtLandVolk.noblogs.org gelesen werden.

Postmoderner Faschismus? – Eine Spurensuche zwischen Höcke, Orbán und Europa

von Stefan Weise, erschienen in ThUg Magazin #1

„Man erinnerte sich wohl der Lehren des Aufstiegs und der Machtergreifung des Bonapartismus wie des Werdegangs des italienischen Faschismus, ohne dass die Weimarer Republik allseitig diesen Anschauungsunterricht nutzbar zu machen verstand“1, resümierte Willi Münzenberg 1937 im französischen Exil den Niedergang der Weimarer Republik, vier Jahre nach der Machtübertragung auf die Nationalsozialisten 1933. Zunehmend distanzierte sich der rote Medienzar von der Linie der Kommunistischen Internationale, bevor er 1939 seinem Ausschluss durch Austritt aus der KPD zuvor kam.
Mai 2017. Beim ersten Wahlgang in Frankreich liegt Emmanuel Macron, der sich „weder rechts noch links“ versteht, keine drei Prozentpunkte vor Marine Le Pen. Ein Jahr zuvor unterlag Norbert Hofer in Österreich Alexander Van der Bellen knapp um 0,6%; erst mit dem notwendig gewordenen zweiten Wahlgang konnte der von einem breiten Bündnis unterstützte Van der Bellen seinen Vorsprung ausbauen. 2015 gewann die PiS von Jarosław Kaczyński die Parlamentswahlen in Polen mit einer Zweidrittelmehrheit. (mehr…)

Von »deutschen Männern« und »deutschen Frauen«

von Jakob Becksmann, erschienen in ThUg Magazine #1

Die AFD ist eine „Partei der Rechten mit bestimmten extrem rechten Tendenzen im Hinblick auf ihre Inhalte und ihr Personal“ 1. Teilt man diese Analyse, wird es einen wenig überraschen, dass die AFD neben euro(pa)skeptischen, nationalistischen und marktradikalen Positionen auch im Hinblick auf geschlechtspolitische Themen mehr als einfach nur unsympathisch ist. Gerade der Kampf gegen »Gender Mainstreaming« wird mit harten Bandagen geführt. Es ist von »staatlicher Umerziehung«, »Indoktrinierungs- und Missionierungsversuchen« oder den Machenschaften einer »Homolobby« die Rede2. Die Art der Begriffe, mit denen hier gearbeitet wird, legt schon die Brutalität nahe, mit der dieser Kampf von rechten Organisationen weniger bürgerlichen Anstrichs geführt wird. Besonders drastische Äußerungen rufen in regelmäßigen Abständen die erwartete mediale Empörung hervor. Wirklich überrascht scheint aber auch hier nie jemand, denn es gilt als allgemein bekannt, dass Rechte sich die Frauen zurück an den Herd wünschen und Homosexualität am liebsten abschaffen würden.

Tatsächlich spielt das Thema »Geschlecht« bzw. eine generell geschlechterreflektierende Arbeitsweise bei der Auseinandersetzung mit der extremen Rechten3 in gesellschaftlichen Debatten und ebenso in der Forschung nur selten eine Rolle. Ausnahmen aus jüngerer Vergangenheit bilden dazu die Diskussionen um Beate Zschäpes Funktion im NSU oder die Forderungen des beurlaubten Geschichtslehrers Björn Höcke nach einem »mannhafteren« Deutschland. Dabei zeigen sich an diesen Beispielen bereits sehr deutlich wichtige Punkte, denen unbedingt näher auf den Grund zu gehen wäre. Zum einem die Frage danach, wie gut sich die Realität rechtsextremer Frauen mit einer Beschränkung auf eine passive Rolle der Mutter und Hausfrau tatsächlich fassen lässt. Zum anderen eine Klärung dessen, warum Höcke nun gerade der Etablierung bestimmter Geschlechterbilder einen zentralen Stellenwert in seiner Rede einräumt bzw. darin eine adäquate Antwort auf die postulierte Diagnose von »Islamisierung« und »Asylchaos« sieht.

An diese Fragen möchte ich anknüpfen. Zunächst sollen dazu generelle Überlegungen und Erkenntnisse über Geschlechterrollenbilder innerhalb der extremen Rechten nachgezeichnet werden. Anschließend werde ich, um zu erklären warum geschlechtspolitische Themen überhaupt so eine große Relevanz innerhalb der extremen Rechten einnehmen, argumentieren, dass die Vorstellung von »richtigen Männern und Frauen« ein zentrales Element extrem rechten Denkens ist, dessen Wichtigkeit kaum zu überschätzen ist.

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