Rezension: „Sozialismus und Pädagogik“

Wir veröffentlichen an dieser Stelle einen Text unseres Genossen und ThUg-Autoren Julian Bierwirth


Sebastian Engelmann, Robert Pfützner (Hrsg.)
Sozialismus und Pädagogik. Verhältnisbestimmungen und Entwürfe.
Bielefeld : Transcript 2018.
298 Seiten
ISBN 978-3-8376-3973-5

Schon eine ganze Zeitlang trieb Sebastian Engelmann und Robert Pfützner etwas um: die beiden Pädagogen wollten gerne mal mit Kolleg*innen über das Verhältnis von Sozialismus und Pädagogik sprechen. Sie hatten den Eindruck, dass viele neuere Konzepte innerhalb pädagogischer Debatten durchaus in einer gewissen Nähe zu Konzepten sozialistischer Pädagogik stünden. Also veranstalteten sie im Herbst 2016 eine Tagung zu diesem Thema, luden ein paar handvoll Kolleg*innen ein und veranstalteten eine wissenschaftliche Debatte. Die Beiträge der Tagug wurden schließlich verschriftlicht und bilden nun den wesentlichen Teil des von Engelmann und Pfützner herausgegebenen Bandes „Sozialismus und Pädagogik“. Ergänzt werden die Beiträge durch einige Repliken aus der Perspektive des Feminismus und des Postkolonialismus, der Kritischen Theorie und der Sozialen Arbeit.
Um eines geht es in dem Buch hingegen an keiner Stelle: um die reale Praxis einer sozialistischen Erziehung, wie sie Tag für Tag in Gruppenstunden, Workshops und Zeltlagern stattfindet. „Sozialismus“ ist für die Autor*innen ersteinmal die DDR – weshalb es umständliche Begriffskonstruktionen braucht, um den Begriff der sozialistischen Pädagogik irgendwie zu retten. Wollen wir den Sozialismus vielleicht auf marxistische Art und Weise verstehen? Welche Bedeutung spielt das Werk von Platon für die zeitgemäße Definition dieses Begriffes? Oder doch lieber neukantianisch? Und was ist mit den Definitonsversuchen von Axel Honneth?
Völlig unter gehen dabei die Voraussetzungen, unter denen der Begriff einst wirkmächtig werden konnte. Das er nämlich von einer Kritik an realen Verhältnissen geleitet war, unter denen konkrete Menschen konkret gelitten haben. Und das sich in den Konzeptionen des Realsozialismus entsprechend auch die Vorstellungen des Traditionellen Marxismus als erster großer Befreiungstheorie widerspiegeln. Das Befreiungsbewegungen aus den Fehlern und Unzulänglichkeiten dieser Befreiungsversuche gelernt haben, dass sie neue Theorien sozialer Befreiung entwickelt und damit die faktischen Vorstellungen von einer nachkapitalistischen, um den Menschen statt um das Kapital kreisenden sozialistischen Gesellschaft verändert haben. So wird beispielsweise das Konzept des „wissenschaftlichen Sozialismus“ von Engels zwar angeführt und angezweifelt, doch weder wird dessen Wirkmächtigkeit und Bedeutung für den Realsozialismus, noch dessen Kritik im Laufe der folgenden 150 Jahre soziale Emanzipationsversuche nachgezeichnet. Auf diese Weise bleibt die Darstellung insgesamt sehr oberflächlich und eben – akademisch. Sie spart sich die Auseinandersetzung mit den realen Erfahrungen sozialer Bewegungen.
Ganz ähnlich nimmt sich dann auch die von verschiedenen Autor*Innen aufgeworfene Frage aus, ob Pädagogik denn „funktional“ sein dürfe, ob also eine Pädagogik überhaupt auf so etwas wie „Sozialismus“ verweisen dürfe. Oder ob damit nicht das pädagogische Handeln dem höheren (politischen) Zweck untergeordnet und die Kinder damit instrumentalisiert würden. Aus der Perspektive der Praxis sozialistischer Erziehung stellt sich diese Frage freilich genau andersherum: wenn eine Pädagogik nicht auf Befreiung ausgerichtet ist, dann zementiert sie die gesellschaftlichen Verhältnisse und stärkt den kapitalistischen Vergesellschaftungszusammenhang. Auch eine unpolitische Pädagogik ist eben nicht unpolitisch – sie ist nur „politisch, ohne es zu merken“. Rosa Luxemburg als Klassikerin der sozialistischen Theorie war dies noch bewusst. Offensichtlich ist viel von ihrem Wissen verlorengegangen.
Alles in allem bleibt nicht viel, was eine sozialistische Erziehungspraxis aus den „Verhältnisbestimmungen“ und „Entwürfen“ lernen könnte. Die wenigen Impulse, die es zu geben vermöchte, sind im Verband ohnehin präsent. Zur Annäherung an eine Verhältnisbestimmung von
Sozialismus und Pädagogik sei daher auch weiterhin der Vorbereitungsreader zur Verbandswerkstatt 2018 empfohlen.