Archiv für Juli 2018

Identität und Gruppe

Anmerkungen zur Geschichte und Sozialpsychologie von individueller und kollektiver Identität

von Julian Bierwirth

Kollektivität in der frühen Arbeiter*innen-Bewegung
Für die Gründungszeit der Falken-Bewegung zum Beginn des 20. Jahrhunderts kann der Traditionelle Marxismus als hegemoniale Welterklärung innerhalb der Arbeiter*innenbewegung angesehen werden. Dieser versteht den Kapitalismus als „Anarchie des Marktes“ und erkennt in jedem Bezug auf das Individuum Selbstbereicherung und Egoismus. Demgegenüber erscheint die Arbeiterklasse als Trägerin von Kollektivität und damit als Ermöglichungsinstanz wahrer Menschlichkeit.
Diese Perspektive war in den 1920er Jahren weitgehend durchgesetzt. Wir finden sie exemplarisch auch bei den Vordenker*innen sozialistischer Erziehung, so etwa bei Kurt Löwenstein: „In dem Einzelbesitz und seiner Tendenz zur Anhäufung aus Selbsterhaltungsgründen liegt notwendigerweise die rücksichtslose Tendenz zur Ellenbogenfreiheit.“1 Diesem kapitalistisch geprägten Individualismus steht für Löwenstein jedoch die solidarische Kollektivität der Arbeiter*innenklasse gegenüber: (mehr…)