MAKE AMAZON PAY

„Wir sind Maschinen, wir sind Roboter. Es ist, als würde man sich selbst an einen Scanner anschließen.“

von Marius Bickhardt

Dieses Interview mit Genoss*innen vom Bündnis „Make Amazon pay“ wurde im Dezember 2017 auf dem Blog „Plateforme d’enquêtes militantes“ (PEM) veröffentlicht und zeigt am Beispiel Amazon, was die linke Strategie in der Debatte um Digitalität sein muss: die Thematisierung und Sichtbarmachung von Arbeit und Leiderfahrungen sowie der Aufbau von politischen Allianzen zwischen Gewerkschaften und gesellschaftlicher Linke. Es muss klargemacht werden, dass hinter dem von Jeff Bezos erklärtem Ziel der künftigen Zustellung der Produkte noch am Bestelltag selbst härteste Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse stehen, die jedoch kaum sichtbar werden. Nur so kann man der Klassenblindheit der gegenwärtigen Technologieverherrlichung und dominanten Begriffen wie dem der Informationsgesellschaft beikommen. Nur auf Grundlage einer solchen Kritik der Technik als ein von sozialen Verhältnissen abgeleitetes, kann ein linker Diskurs dann vielleicht auch das Blatt wenden: Indem er aufzeigt, inwiefern Technologie und Algorithmen unter anderen gesellschaftlichen Vorzeichen die notwendige Arbeit reduzieren würden.

Zu Beginn wäre eine kurze Vorstellung gut, wer ihr seid, welche politische Vorgeschichte der Großteil von euch hat und wann ihr als Soli-Bündnis aktiv geworden seid.
Viele von uns waren, bevor sie im Streiksolibündnis aktiv wurden, in den typischen linksradikalen Gruppen organisiert, die einmal pro Jahr eine Vortragsreihe machen, dann organisieren sie noch eine Demo und bestenfalls klappt es, alles noch in einer Jahreskampagne zusammenzubringen. Ein Jahr ohne Kampagne ist dann ein verlorenes Jahr. Auf diese Politik hatten
wir keine Lust mehr. Denn es fehlen vor allem zwei Dinge:
Zum einen findet diese linksradikale Politik immer in einem bestimmten Milieu statt, das linke Studierende und ihre Freunde umfasst. Wer kommt denn sonst zu den Vorträgen zur europäischen Finanzkrise, dem richtigen Rassismusbegriff oder Parlamentarismuskritik? Wer nimmt an unseren Demos teil und nimmt sie nicht nur als Störung seiner Shoppingtour in der Innenstadt wahr? Ich will diese beiden Formen politischer Praxis nicht pauschal zurückweisen, aber sie müssen Teil einer größeren Strategie sein. Zum anderen hat eben genau diese Strategie gefehlt. Auch im Solibündnis haben wir keine abschließende Strategie, die wir goldeneingerahmt in unserem Plenarraum hängen haben, aber ich denke wir haben eine Idee. Wir wollen die Bildung der Klasse für sich selbst als Antwort auf Nationalismus und Neoliberalismus vorantreiben. Das ergibt sich ja schon aus der Mitgliederstruktur unserer Gruppe. Die meisten in der Gruppe haben Arbeitsverträge an Universitäten, andere studieren noch und müssen zu miesen Bedingungen nebenbei arbeiten – auf mich etwa treffen alle genannten Kriterien momentan zu – wieder andere arbeiten im Care-Sektor, der in der BRD ohne die notwendige emotionale Bindung der Arbeiter*innen zu ihrem Job morgen einpacken könnte. Hinzukommen dann die Amazon-Arbeiter*innen. Es kommen also verschiedene Segmente der Arbeiter*innenklasse in unserer Politik zusammen.
Das war vielleicht nicht immer die Ausrichtung des Bündnisses. Es ist keines der Gründungsmitglieder mehr dabei. Die Struktur existiert ja bereits seit fünf Jahren. In der jetzigen Konstellation seit ungefähr sechs Monaten, zuvor waren wir lange im Prinzip zu zweit. Wir profitieren heute in unserer Arbeit von dem Vertrauen, das die erste Generation geschaffen hat. Vielleicht hat der ersten Generation unsere Klassenperspektive etwas gefehlt. Außerdem war das Bündnis damals wirklich ein Bündnis mit Delegierten verschiedener Gruppen. Das ist heute nicht mehr der Fall.

Amazon scheint ein Knotenpunkt zu sein, in dem die aktuelle Neuzusammensetzung von Produktions- und Verkaufsformen des digitalen Kapitalismus im 21. Jahrhunderts zum Ausdruck kommt. Wir haben es mit einem neuen Grad an reeller Subsumtion zu tun, in dessen Zuge das einstmalige Fließband durch Algorithmen und Apps ersetzt wird. Objektiv vollzieht sich eine technologische Umstrukturierung und subjektiv eine neue Qualität an Kontrolle und Überwachung sowie Entqualifizierung der lebendigen Arbeit. Mit Amazon Flex begibt sich das Unternehmen nun auch in die Gig Economy des Plattformkapitalismus. Wie interpretiert ihr das Phänomen Amazon im digitalen Kapitalismus?
Ich würde die alte Frage: „Was produziert Amazon eigentlich?“ gar nicht in den Mittelpunkt stellen. Denn dann müssten wir über Marx diskutieren. Amazon hat natürlich auch eigene Güter wie Serien oder Alexa, aber im Wesentlichen ist Amazon ein Versandhändler und gleichzeitig Anbieter von verschiedenen Dienstleistungen, die den Warenhandel betreffen. Amazon zentralisiert das Warenangebot im Internet auf sich. Es ist also zugleich Konkurrent im Internet als auch die Plattform des digitalen Marktes und der Warenauslieferer selbst.
Im Arbeitsprozess von Amazon finden wir wirklich eine neue Qualität der Kontrolle vor. Der Handscanner verbindet den*die einzelne*n Amazon-Arbeiter*innen mit einem größeren Netzwerk, das Arbeitsprozess und konkreter Laufwege mit für den*die Einzelnen nicht durchschaubaren Algorithmen steuert. Die Arbeiter*innen sollen am besten ihren Kopf bei der Arbeit ausschalten und wie Roboter agieren. Es gibt außerdem viele Hinweise darauf, dass der Handscanner mehr Daten sammelt, als Amazon allgemeinhin zugibt. Anders ist nicht zu erklären, weshalb die Leads oder Abteilungsleiter*innen so viel personenbezogenes Wissen über den*die Einzelne*n haben.
Gleichzeitig setzt Amazon auf ganz konventionelle, fast anachronistische anmutende Formen der Kontrolle. Die Arbeiter*innen sind in kleinere Teams unterteilt, die jeweils einen Lead, also Leitende*n haben. Dieser ist nur dazu da eine bestimmte Anzahl von Arbeiter*innen zu kontrollieren bzw. zu nerven.
Gestützt auf die gesammelte Datenbasis werden die Arbeiter*innen in Feedbackgespräche geladen, wo Druck auf sie ausgeübt wird. Diese zweite Ebene findet sich in anderen Betrieben.
Diese Formen der Kontrolle kotzen die Arbeiter*innen natürlich an!
Diese digitale Überwachung, eingesetzt in einer Quasi-Fabrikhalle, ist nun etwas, was die Regel zu werden droht. Die menschliche Personenüberwachung kann ausgetrickst werden, oder man kann mit ihr verhandeln – das kann man mit dem Algorithmus nicht. Wie gesagt, Amazon kann messen, wie viel jede*r in der Schicht leistet und nutzt dieses Wissen, um Druck aufzubauen. Gleichzeitig laufen die Amazon-Arbeiter*innen sehr atomisiert durch das Warenlager, es gibt keine Kontrolle durch das Fließband wie im klassischen Fordismus. Daher musste das Kapital die Überwachungsmethoden verändern. Das Kapital wird versuchen, diese Formen in diesem Sektor zu perfektionieren und zugleich auf andere Produktionssektoren auszudehnen. Die Fragmentierung der Arbeiter*innenschaft ist eine Tendenz der heutigen Zeit. Unheimlich ist es, wenn tausende Arbeiter*innen isoliert durch die Fabrikhallen laufen und ein kleines Gespräch die Leistung sinken lässt bzw. Leads hinter der Säule lauern und Gespräche unterbinden.
Uns ist es aber auch wichtig zu betonen, dass diese Prozesse alle menschengemacht sind und wir uns dagegen wehren können! Wenn die Amazon-Arbeiter*innen gemeinsam das Arbeitstempo drosseln, was schon dadurch passieren kann, dass sie für eine gewisse Zeit die Sicherheitsregeln penibel befolgen, dann können sie den Produktionsablauf immer noch stören.
Simplifizierung und Entqualifizierung der Arbeit finden wir in allen möglichen Branchen. So gibt es auch bei Amazon digitale Facharbeiter*innen und die Geringqualifizierten. Durch die zunehmende Automatisierung können die einfacheren Arbeiten immer weiter maschinell ersetzt werden. Amazon verheimlicht dies den Arbeiter*innen nicht und baut somit auch zusätzlichen Druck auf.
Die Automatisierung, bei der noch unklar ist wie weitreichend sie bei Amazon sein wird, ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bringt sie Arbeitslosigkeit hervor und treibt die Prekarisierung voran, andererseits fallen bei Amazon zumindest die krankmachenden Tätigkeiten weg, die selbstverständlich auch nicht so sein müssten wie sie sind. Bei der ganzen Debatte über Digitalisierung der Arbeit darf der Faktor der Gesundheit nicht vergessen werden.
Kurzum – für uns ist Amazon ein Vorreiter bei der Herstellung der neuen Arbeitsbedingungen des digitalen Kapitalismus. Deswegen gehen sie uns alle etwas an. Uber, Foodora usw. sind die Weiterführung ihrer Prinzipien. Es liegt an den proletarischen Kräften dafür zu kämpfen, diese digitalisierten Arbeitsverhältnisse so einzurichten, dass sie möglichst wenig Schaden für das Wohl der Arbeiter*innen anrichten!

Der enorme Anteil an befristeter Beschäftigung, die periodenhafte Anstellung von Saisonarbeiter*innen in der Weihnachtszeit sowie das repressive Vorgehen des Unternehmens gegenüber gewerkschaftlicher Betätigung scheinen betriebliche Organisierung unmöglich zu machen. Wie ist es euch dennoch gelungen eine relative Organisationsmacht dauerhaft herzustellen und welche Möglichkeiten der Interaktion seht ihr zwischen radikaler Linker und Gewerkschaftskampf? Welche strategische Rolle spielt die Logistik dabei für euch? Kann man eurer Meinung nach das Soli-Bündnis als Teil des neu aufkommenden Interesses der Linken an sozialen Kämpfen sehen?
Die Organisationsmacht ist ein Problem. Ich werde nicht über Zahlen sprechen, aber über Praktiken von Amazon, die dazu führen, sie gering zu halten. Der Konzern versucht auf verschiedene Weisen, Arbeiter*innen mit unbefristeten Verträgen – bei den Entfristeten ist selbstverständlich der Organisationgrad deutlich höher – loszuwerden. Das Unternehmen versucht die Arbeiter*innen wegen Bagatellen abzumahnen oder bietet ganz offen Geld an, wenn die Entfristeten gehen. Vielleicht ist der absolute Organisationsgrad gar nicht das Hauptproblem. Amazon stellt auch immer mehr Personal ein, sodass gerade zur Weihnachtszeit, wie Du richtig gesagt hast, der relative Organisationsgrad immer weiter sinkt und die Wirkungen des Arbeitskampfes gering gehalten werden. Diese Strategien gibt es nicht nur in Leipzig, sie wurden zumindest auch von den Kolleg*innen aus Poznań bestätigt.
Außerdem fängt die Gewerkschaft im Grunde bei jedem neuen Warenlager wieder bei Null an. Die Menschen, die dort anfangen, haben in der Regel keine gewerkschaftlichen Vorerfahrungen. Amazon eröffnet praktisch jährlich irgendwo in Europa und im Rest der Welt mindestens ein Warenlager. Jedes neue Warenlager erhöht den Druck auf die anderen.
In vielen dieser Warenlagern schließen sich die unzufriedenen Arbeiter*innen zusammen und versuchen etwas zu verändern. In Leipzig führen die Arbeiter und Arbeiterinnen diesen Kampf organisiert in der DGB-Gewerkschaft ver.di. Linke Aktivist*innen können ganz klassisch selbst bei Amazon anfangen. Die Anforderungen bei Amazon anzufangen sind tatsächlich nicht so hoch. Wie lange man dort durchhält ist eine andere Frage.
Wir haben uns für einen anderen Weg entschieden, der unserer Lebensrealität näher ist. Wir arbeiten mit den Streikenden und vor allem den Vertrauensleuten, den gewählten ver. di-Vertreter*innen im Betrieb, von denen uns einige sehr wohlgesonnen sind, zusammen. Mit ihnen gemeinsam stimmen wir die Strategie ab. Sie haben gemerkt, dass sie außerbetriebliche Unterstützung im Arbeitskampf brauchen oder diese ihnen zumindest hilft. Deswegen werden wir akzeptiert. Die Vertrauensleute erhoffen sich von uns vor allem Unterstützung in der Öffentlichkeitsarbeit. Als die erste Generation von uns sich vor fünf Jahren mit Kaffeekannen den Arbeiter*innen bei einem Streik vorgestellt hat, haben sie sich noch gewundert, was wir Studierende eigentlich da wollen.
Wir unterstützen den Arbeitskampf genau deswegen, weil wir ihn für so zentral für die Entwicklung der Arbeitsbedingungen halten. Der breite Diskurs über Amazon ist unabhängig von uns da, weil die Öffentlichkeit merkt, dass sich was ändert. Auch wenn die Diskussion über Amazon zu oft in befremdliche Faszination bei Journalist*innen oder Wissenschaftler*innen umschlägt. In diesen Diskurs, in dem die öffentliche Meinung über Amazon sich generiert, intervenieren wir, indem wir sagen: Digitalisierung ist ein Feld des Klassenkampfes und nur durch solidarisches Handeln können wir diesen Kampf gewinnen!
Unsere politische Arbeit sehen wir als ein Experiment, in dem die Linke lernt, Klassenallianzen aufzubauen und solidarische Klassenkämpfe zu führen. Ich hoffe, die Linke kann einiges aus diesem Experiment ziehen. Der Unterschied unseres Ansatzes zu anderen ist, dass wir dem Betrieb extern bleiben. Wir führen unser Leben weiter, aber lassen unsere Kollegen nicht im Stich. Wenn wir unsere eigenen Biographien betrachten, dann sind die meisten bestimmt bei einer Welle mitgeschwommen. Gerade die Arbeitskämpfe in Frankreich haben die Linke da bestimmt inspiriert. Die meisten von uns haben früher andere politische Arbeit gemacht, wie bereits erwähnt. Jedoch haben wir unabhängig von diesem Trend, sich mit sozialen Kämpfen in der Sphäre der Arbeitsbeziehungen zu beschäftigen, die Erfahrung gemacht, dass unsere Politik nie die Grenzen des Milieus verlassen hat.Wir haben fast nie versucht jenseits der eigenen Szene Kontakte aufzubauen. Allerdings sind diese Beziehungen die Grundvoraussetzungen für gesellschaftliche Veränderungen. Die Entstehung einer Klasse für sich selbst – und wir gehören auch zur Klasse der Lohnarbeiter*innen, auch wenn wir überwiegend Staatsangestellte sind – ist unserer Meinung nach kein Automatismus, sondern die Folge politischen Handelns.

Amazon kann schnellstens auf Streikaktivitäten reagieren, indem das Unternehmen Bestellungen in andere Fulfillment Center und Versandzentren umleitet, wie beispielsweise nach Poznań in Polen. Welche Rolle spielen die Soli-Bündnisse in der Herstellung transnationaler Orga-Netzwerke wie der Transnational-Social-Strike-Plattform? Welche Bilanz zieht ihr aus der transnationalen Zusammenarbeit in Leipzig mit den polnischen Kolleg*innen, die ja über Bummelstreiks versucht haben keine Streikbrecher*innen für die deutschen Kolleg*innen zu werden?
Eine Sache ist klar, die internationale Vernetzung ist aus den von euch genannten Gründen, gerade in diesem Kampf sehr wichtig. Nicht nur weil Amazon ein international agierender Konzern ist, sondern weil die nationalen Belegschaften gegeneinander als streickbrechende ausgespielt werden. Das haben auch institutionalisierte Gewerkschaften wie ver.di erkannt. Bei der internationalen Vernetzung müssen zwei Ebenen unterschieden werden. Es gibt eine Zusammenarbeit auf der Ebene der Sekretär*innen und Betriebsräte und es gibt die Ebene – und hier kommen wir ins Spiel – der prekarisierten Lohnarbeiter*innen Europas. Über die erste Ebene kann ich nicht viel sagen, da wir ja ein gewerkschaftsnahes, aber doch außergewerkschaftliches Bündnis sind.
Einige von uns haben, ohne schon im Streiksolibündnis aktiv gewesen zu sein, an dem, ich glaube, zweiten Transnational-Social-Strike-Treffen 2015 in Poznań teilgenommen. Wir finden die Idee, die dahinter steckt, sehr wichtig. Wenn wir es hochtrabend formulieren wollen, geht es ja um die Förderung der Bildung der Klasse für sich auf transnationaler Ebene. Allerdings, wir waren auch auf weiteren Treffen, ist uns das Bündnis ein wenig zu unorganisiert und Entscheidungen wirken intransparent auf Leute wie uns, die wenig Zeit haben, sich aktiv dort einzubringen. Unterschiedliche Zeitressourcen sind in solchen großen Bündnissen immer ein Problem. Ich werde aber sobald ich wieder mehr Zeit habe, auf die Treffen fahren und versuchen aktiver zu sein.
Über solche Treffen haben wir dann Kolleg*innen von der polnischen Basisgewerkschaft IP (Inicjatywa Pracownicza) in Poznań kennen gelernt, aber auch andere Kolleg*innen aus Deutschland, etwa Bad Hersfeld. Die Stimmung bei diesen Treffen ist was ganz besonderes, weil dort Leute sind, die verstanden haben, dass nationale Standortpolitik – zumindest für die Branchen, die dort vertreten sind – keinen Sinn hat. Mit Kollegen aus Bad Hersfeld kommen wir leichter ins Gespräch, aber die Organisationform muss gleich eine transnationale sein. Allerdings ist es ja der Anspruch der IP und auch unser Anspruch, dass die Arbeiter*innen aus Poznań und Leipzig zusammenkommen. Bei der IP ist das einfach, weil die IP eine Gewerkschaft ist, die im Warenlager in Poznań die Mehrheit stellt. Es ist natürlich gut, wenn wir den Arbeiter*innen in Leipzig erzählen, dass es in Poznań diese basisdemokratische Gewerkschaft gibt und ihre Mitglieder ihre Jobs in einem Bummelstreik riskieren, um nicht Streikbrechende gegenüber euch zu werden. Aber es ist eine andere Sache, wenn die Kolleg*innen aus Poznań hier auftauchen. Sie waren schließlich am 30. Oktober 2017 im Streikzelt vor dem Leipziger FC mit einer Delegation, haben mit den Kollege*innen direkt gesprochen und zusammen 95 Thesen gegen Amazon verfasst – wir begehen ja in Deutschland 500 Jahre Reformation als Staatsakt. Im Anschluss gab es noch ein Treffen im kleineren Kreis, wo konkretere Schritte geplant wurden. Nun soll es Ende Januar 2018 ein Treffen der Amazon-Arbeiter*innen Europas geben in Leipzig. Wir hoffen, dass Kolleg*innen aus Deutschland, Polen, aber auch aus Frankreich, Italien – in den beiden Ländern wird auch gestreikt – Großbritannien und Spanien vorbeikommen werden.
In einer nationalstaatlich-strukturierten Welt denken auch die meisten Menschen nicht über die Staatsgrenzen hinaus, obwohl die Politik und das Kapital sich längst transnationalisiert haben. Solche Begegnungen sind daher wichtig. Sie brechen das Nationalbewusstsein auf! Es zeigt sich, dass Nationalismus den Interessen der Arbeiter*innen in diesen Branchen widerspricht. Das alles sind selbstverständlich notwendige Stufen bei der Bildung der transnationalen Klasse für sich selbst.

Wie sieht euer konkretes taktisches Vorgehen aus? Blockaden, Konsument*innen-Streik, etc.?
So diskutieren wir natürlich nicht über unsere Taktik. Wir haben kleine Ziele und überlegen uns, mit welchen Mitteln und Praxisformen wir diese erreichen. Da wir, wie ihr schon gemerkt habt, die transnationale Vernetzung so extrem wichtig finden, versuchen wir Aktionen, die die Bildung eines entsprechenden Bewusstseins fördern. Wir hoffen das zumindest! Wir stecken unsere Zeit also in Aktionen wie Organisation und Besuch internationaler Treffen auf der Arbeiter*innen-Ebene oder eben in die Planung niedrigschwelliger, transnationaler Aktionen.
Aber wir haben noch andere Ziele. Wir wollen den Arbeitskampf materiell unterstützen, deshalb haben wir am 24.11. mit 150 Freunden die Arbeiter*innen beim Streik besucht. Dann sind wir mehrmals über die Fußgängerampel bei der LKW-Einfahrt gegangen – natürlich nur wenn für uns grün war. Leider war die Grünphase gleichzeitig mit den abbiegenden LKWs. Ihr wisst schon.Wir machen Aktionen, die die Arbeiter*innen nicht selbst machen können bzw. wollen, weil sie Furcht vor Konsequenzen haben. Doch diese Aktionen erfüllen noch mindestens zwei weitere Ziele. Zum einen haben uns viele Arbeiter*innen gesagt, dass sie die große Solidarität gefreut hat, zum anderen kam es zu vielen Begegnungen zwischen Menschen, die ja letztlich zu einer Klasse gehören. Studierende, Arbeitslose, prekär arbeitende Linke und Amazon-Arbeiter*innen. Amazon hat innerhalb des Warenlagers über Ansprachen der Leads vor unserer Aktion gewarnt, deswegen bin ich froh, dass die Stimmung bei der Belegschaft überwiegend positiv war.
Es ist uns immer wichtig, dass unsere Aktionen, Kampagnen usw. erfolgreich sein können. Für uns heißt das, wir setzen uns Ziele und dann schauen wir, ob wir die Ziele erreicht haben. Das macht Aktionen wie den Konsument*innenstreik schwer. Wir haben diese Aktion vor drei Jahren schon mal initiiert. Es war sehr aufwendig und der Schaden ist schwer messbar. Klar, wir haben auf den Arbeitskonflikt aufmerksam gemacht. Ich denke, solche Aktionen müsste man um einiges größer aufziehen, als wir es getan haben. Wir müssten überall mit Plakaten und Werbeanzeigen auf die Aktion hinweisen. Wir müssten Amazon zu einer öffentlichen Reaktion zwingen, die dann medial für unsere Zwecke genutzt werden kann. Wenn es dann zusätzlich am Stichtag bei der Retour zum Paketstau kommt, wäre es super. Allerdings sehe ich diese Entwicklungen momentan nicht.

Das Unternehmen verfolgt die Strategie, sich vor allem in strukturschwachen Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit anzusiedeln, um so die Kosten für die Ware Arbeitskraft mittels einer Reservearmee senken zu können. Welchen regionalen Zusammenhang seht ihr zwischen dem Arbeitskampf bei Amazon und dem Erstarken der Rechten im sächsischen Raum (die AfD Sachsen erreichte 27% der Stimmen bei der Bundestagswahl 2017)? Welche Rolle spielt das Erstarken der neoliberalen und chauvinistischen AfD in den Auseinandersetzungen bei Amazon?
Es stimmt natürlich, dass Amazon versucht, möglichst wenig für die Arbeitskraft zu zahlen. Ein niedriger Durchschnittslohn, niedrige Lebenshaltungskosten sind für Unternehmen wie Amazon hervorragende Standortfaktoren. Allerdings geht es auch darum, dass die Orte strategisch gut liegen. So sind die in Polen liegenden Warenlager nahe an der deutschen Grenze, obwohl in der Nähe der ukrainischen oder weißrussichen Grenze der Zugriff auf migrantische Arbeitskraft leichter wäre. Dabei muss beachtet werden, dass Amazon in Polen vorrangig für den deutschen Markt Waren ausliefert.
Die Warenlager von Amazon in der BRD sind auf das ganze Land an günstigen Verkehrspunkten verteilt. Aber sie stehen natürlich nicht in Hamburg, München, Frankfurt oder Berlin – außer die Warenlager für den neuen Lebensmittelservice – sondern in nahegelegenen Kleinstädten und Dörfern wie Winsen, Graben, Bad Hersfeld oder Brieselang, wo die Lebenskosten niedriger sind. Leipzig ist da eine Ausnahme. Vom linksalternativen Hipsterviertel zum Warenlager brauchen wir mit dem Fahrrad 10 Minuten. Das macht unsere Arbeit viel einfacher.
Die streikenden Amazon-Arbeiter*innen, mit denen wir im engen Kontakt stehen, sind vor allem Linkspartei-Wähler*innen und sogar Mitglieder. Es gibt auch AfD-Wähler*innen unter den Streikenden. Die fanden es auch nicht so cool, als plötzlich 150 Linke beim Streik aufgetaucht sind. Es scheint jedoch nicht die Mehrheit zu sein. Auch wenn die Gründe des Erstarkens der Neuen Rechten vielschichtiger sind, betreffen zwei Aspekte unsere politische Arbeit:
Wir denken zum einen, dass der Aufstieg der Neuen Rechten eine Folge der politischen Erfahrungen in der Nach-Wende-Zeit sind. Deindustrialisierung, Neoliberalisierung und der staatlich vorangetriebene Aufbau eines Niedriglohnsektors haben ganze konkrete Auswirkungen auf den Alltag vieler Menschen. Die Menschen sind dann enttäuscht von den sogenannten „links-grünen Eliten“, die Deutschland in den letzten Jahren regiert haben und wählen die Protestpartei AfD. Viele werden auch rassistisch und nationalistisch eingestellt sein und zu den Leuten gehören, die schon seit 2013 vor Geflüchtetenunterkünften mit Fackeln aufmarschieren. Es ist für mich noch offen, inwieweit der Hass auf Geflüchtete eine Folge des Statusverlustes und der persönlichen ökonomischen Krisen der Nach-Wende-Zeit ist oder andere Ursachen viel wichtiger sind.
Zum anderen gibt es keine linke Antwort auf die soziale Krise dieser Tage, die das Kernproblem – den Kapitalismus – benennt. Es geht hierbei gar nicht so sehr um Wahlen. Die Selbstorganisierung der Arbeiter*innen in Gewerkschaften ist die traditionelle linke Antwort gegen die täglichen Zugriffe von Kapital und Staat. Die Arbeitendenvereinigungen schafften es aber gerade in Ostdeutschland nur selten, erfolgreiche Streiks zu führen. Es ist eine absolute Ausnahme, dass ver.di seit Jahren so viele Ressourcen in diesen Arbeitskampf steckt. Die Erfahrung von Erfolgen gegen das Kapital, selbst wenn es nur Mikrokonflikte sind, ist sehr wichtig, um eine linke Bewegung aufzubauen. Die letzte größere Bewegung in Ostdeutschland, die nicht von rechts kam (wie z.B. Pegida und die Fackelmärsche) waren die Hartz IV-Proteste. Klar gibt es die immer noch, aber letztlich hat der Staat diese Proteste einfach ausgesessen. Die Menschen vergessen so etwas nicht.
Kurzum, unsere Antwort auf die neoliberale Individualisierung und die rassistische Kanalisierung der Leiderfahrungen im Kapitalismus ist die solidarische, transnationale Klassenpolitik. Wir stehen aber ganz am Anfang und müssen die Antwort in unseren Kämpfen entwickeln.

Amazon ist allgemein als „union buster“ bekannt. In der Vorweihnachtszeit hatte das Unternehmen Prämien für Abstinenz bei Streiks versprochen. Selbst wenn sich Amazon seit ca. vier Jahren Arbeitskampf nach wie vor nicht auf einen Tarifvertrag des Einzelhandels einlässt, gab es doch partielle Erfolge wie Lohnerhöhungen, dezentrale Pausenräume und Weihnachtsgeld. Welche Bilanz zieht ihr nach den vier Jahren Arbeitskampf und was ist eure Zukunftsperspektive?

Du hast vollkommen Recht. Es gibt kontinuierliche Lohnsteigerungen und mittlerweile Weihnachtsgeld. Vertrauensleute bauen immer wieder die Drohkulisse auf: „Wollt ihr, dass die Zustände wieder so wie 2009 sind!“ Mit den Arbeitskämpfen kamen ein Haufen Verbesserungen. Dessen ungeachtet sagt Amazon in Interviews immer wieder, dass die Streiks keinerlei Auswirkungen haben. Dem muss entschieden widersprochen werden.
Ich denke also, dass der Arbeitskampf durchaus kleine Erfolge zeigt. Nur zeigt sich hier ein Problem, das aus der deutschen Gewerkschaftspolitik hervorgeht. Die Gewerkschaften des DGB wollen immer Tarifverträge abschließen, die eine möglichst große Fläche abdecken. Das ist ja erstmal gut. Wenn von diesem Standpunkt dann jedoch die Arbeitskämpfe bewertet werden, dann erscheinen die Erfolge gar nicht mehr so groß. Ver.di kann in ihrer Logik die Erfolge gar nicht wertschätzen. Amazon kann sich dann als Sieger darstellen.
Ich sage nicht, dass man sich mit dem Erreichten zufrieden geben soll, aber es muss anerkannt werden, alles andere sorgt für schlechte Stimmung. Nach sechs Jahren Arbeitskampf geht natürlich auch Motivation verloren. Hier muss die Gewerkschaft mit unserer Hilfe neue Strategien entwickeln. Viele Teile der Belegschaft, vor allem Saisonarbeitskräfte und Migrant*innen, sind viel zu wenig auf dem Schirm der Gewerkschaft. Ein weiterer Aspekt ist, dass wir die transnationale Arbeit intensivieren; hier ist noch viel zu tun.
Wir hoffen, dass die Arbeiter*innen den Arbeitskampf noch lange führen werden, zumindest bis die Gewerkschaft das Ziel erreicht hat. Inwieweit sich die gesellschaftliche Stimmung hinsichtlich der Problematisierung prekärer Arbeit und Ausbeutung ändert, können wir nicht sagen, aber wir versuchen weiter in dieser Richtung eine Stimme zu sein.
Ich und die anderen in meiner Gruppe haben über die Zeit persönlich viel gelernt, was den Arbeitskampf angeht. Unsere Aufgabe besteht nun auch darin diese Erfahrungen anzuwenden und Arbeitskämpfe an unseren Arbeitsplätzen zu führen, wie der Universität. Wenn wir dabei auf die Solidarität der Amazon-Arbeiter*innen zählen können, dann hätten wir wirklich was erreicht.

Marius ist seit 2017 Mitglied der Falken. Die Organisation lernte er über Sommer- und WinterdinX kennen. Er lebt derzeit in Paris, wo er studiert.