Editorial

Liebe Genoss*innen, Liebe Leser*innen,

Für fast alle aus der Redaktion war es das erste Mal, dass sie ein solches Magazin herausgeben haben, das erste Mal nach Artikeln zu suchen, das erste Mal unbekannten Autor*innen zu antworten und auch das erste Mal ein Editorial zu schreiben. Aber das Heft ist fertig geworden und wir freuen uns sehr. Als wir auf der Bundeskonferenz in Erfurt die erste Ausgabe in den Händen hielten und lasen, wurden wir angefixt, es auch selbst mal zu probieren. Durch die Diskussionen, die wir auf dieser Bundeskonferenz geführt haben, fanden wir auch zum Thema, denn für bessere Antworten auf soziale Ungleichheiten zu streiten, schien uns aktueller, als wir es je erlebt hatten. Wir hatten uns erhofft, dass wir auch neue Leute einbinden können und uns Zeit nehmen werden, uns mit unserem Thema nähergehend zu befassen. Wir hofften, dass wir ungeahnten Input bekommen und uns selbst weiterzubilden. Das alles hat geklappt und wir können es jeder Gliederung nur weiterempfehlen, auch wenn so manche Dinge chaotisch waren oder einfach anstrengend und wir gegen Ende hin feststellen mussten, dass wir schlecht aufgestellt sind mit Korrekturlesenden ohne Legastheniehintergrund. Was wir aber auch sagen können ist: unser Themenheft zur sozialen Frage hat selbst die Soziale Frage zum Vorschein gebracht. So haben wir bei unserer Artikelsuche oft Absagen bekommen: „Keine Zeit, muss arbeiten, studieren, mich ausruhen, schlafen“ oder auch „Das trau ich mir nicht zu, so was kann ich nicht, meine Meinung ist doch nicht so wichtig“. Soweit erst mal keine Überraschung, jedoch hatten wir leider bei unserer Autor*innensuche das Gefühl, dass besonders häufig all jene absagten, die nicht studierten und/oder Frauen* waren. Das macht uns traurig und wütend zugleich. Traurig, weil wir uns an den geschätzten Haltungen und Meinungen nicht weiterbilden, reiben und erhellen lassen können und wütend, weil es uns nicht mal im Umfeld der Falken gelingt, ein gesellschaftlich gelerntes Minderwertigkeitsgefühl nicht wirksam werden zu lassen. Es bleibt noch viel zu tun; allein die Geschlechterquote in unserem Redaktionskollektiv ist nichts worauf wir stolz sein können. Zum Thema Selbstbewusstsein im Zusammenhang mit der Sozialen Frage stolperten wir bei der Vorbereitung unverhofft über eine Anekdote, die Werner Seppmann nach einer Begegnung mit Leo Kofler erinnerlich geblieben ist:

„Wir fuhren Ende der 70er Jahre zu einer gewerkschaftlichen Bildungsveranstal- tung nach Dortmund. Vor Beginn nahm der zuständige Bildungsreferent Kofler beiseite und empfahl ihm – um die »didaktische Absicht der Veranstaltung nicht zu gefährden« – sich einer unverfänglichen Begrifflichkeit zu bedienen: »Mit den Begriffen Klassengesellschaft und Arbeiterklasse können unsere Kollegen nichts mehr anfangen; sie werden eher abgeschreckt.« Kofler begann sein Vortrag mit folgenden Worten: »Liebe Kolleginnen und Kollegen, euer Gewerkschaftssekretär hat mir empfohlen, nicht zu viel über Klassengesellschaft zu reden, weil euch für solche Dinge das Verständnis fehlt. Ich habe aber in der Zeit vor dem Beginn unserer Veranstaltung eine eigenartige Beobachtung machen können. Die ersten von euch, die den Saal betraten, haben sich unsicher und verhalten umgeschaut und zunächst die hinteren Sitzreihen belegt. Welch ein Unterschied gegenüber dem Verhalten eines gutsituierten, bürgerlichen Publi- kums, vor dem ich vor einigen Tagen gere- det habe. Diejenigen, die zuerst den Saal betraten, gingen selbstbewusst zu den ersten Reihen und der Saal füllte sich allmählich von vorne nach hinten. Seht ihr, das ist Klassengesellschaft!« Die Reaktion war zustimmender Beifall.“

Wir wollen euch im Editorial keinen verschriftlichten roten Faden durch das Inhaltsverzeichnis an die Hand geben, da es keinen roten Faden gibt. Wir hatten uns bei der Suche nach Artikeln eine große Anzahl von möglichen und spannenden Unterthemen überlegt und einige davon finden sich auch in diesem Heft wieder. Uns war von Anfang an wichtig, über die Soziale Frage nicht nur abstrakt und theoretisierend zu schreiben, sondern auch konkreten Erfahrungen Raum zu geben, deswegen beginnen wir das Heft mit einem sehr persönlichen Beitrag. In unseren Debatten zum Thema der Ausgabe wurde klar, dass wir nicht nur das offensichtliche Verhältnis zwischen arm und reich in den Blick nehmen wollen, sondern tiefer graben, was sich hinter der, fast schon selbst zu Floskel gewordenen, Sozialen Frage noch verbergen kann: Wo prägen Verteilungsfragen gesellschaftlichen Reichtums und gesellschaftlicher Reichtumsproduktion denn überall die Welt, in der wir leben? Und auf welche Art prägen sie damit auch uns ganz persönlich?

Wir wollen an dieser Stelle auch nochmal alle Lesenden darauf hinweisen, dass es die Möglichkeit gibt Antworten, Kommentare und Diskussionsbeiträge zu erschienenen Artikeln in darauffolgenden Ausgaben zu veröffentlichen oder auf dem Blog allen zur Verfügung zu stellen. Dazu einfach eine Mail an thugmag@riseup.net schicken. Debatten sind also ausdrücklich erwünscht. Auf dem Blog findet ihr auch mittlerweile alle Artikel der ersten Ausgabe, falls ihr zu spät für ein gedrucktes Exemplar gewesen seid.

Freundschaft!
Euer Redaktionskollektiv, Mai 2018