Rezension: »Postnazismus revisited«

von Jan Schneider

Der Band »Postnazismus revisited« von Stephan Grigat (Hrsg.) ist die zweite, erweiterte und aktualisierte Auflage von »Transformation des Postnazismus. Der deutsch-österreichische Weg zum demokratischen Faschismus«. Der Text »Die Verhärtung der politischen Form. Das Kapital und die Zukunft des Faschismus am Ende der liberaldemokratischen Epoche« von Johannes Agnoli ist aufgrund von Urheberrechtsstreitigkeiten nicht mehr abgedruckt und auch »Anständiger Widerstand. Der patriotisch-politiksüchtige Protest gegen die demokratische Barbarei« fehlt, die restlichen Texte wurden überarbeitet. Hinzu kamen drei Beiträge von Stephan Grigat, Clemens Nachtmann und Gerhard Scheit.

„Der Nationalsozialismus lebt nach, und bis heute wissen wir nicht, ob bloß als Gespenst dessen, was so monströs war, dass es am eigenen Tode noch nicht starb, oder ob es gar nicht erst zum Tode kam; ob die Bereitschaft zum Unsäglichen fortwest in den Menschen wie in den Verhältnissen, die sie umklammern.“4

Das Buch widmet sich, wenn die Autoren nicht gerade ihr Wissen abladen, vor allem der Frage, woran zu sehen ist, dass der NS in der Gegenwart fortwest und inwieweit das, was sich selbst »Antifaschismus« nennt, anti-faschistisch ist. Damit verbunden ist immer auch die aufschlussreiche Frage, was den NS eigentlich ausgemacht hat. War der NS-Staat ein aufgeblähter Verwaltungsapparat oder ein schlanker Staat? Diktatur oder Demokratie? Die Nazis autoritätshörige Duckmäuser oder antiautoritäre Wutbürger?
Die Autoren wissen, was Adorno sich fragte: der Nazismus lebt nach, nicht in Massenaufmärschen oder im Geschichtsrevisionismus, sondern im Appeasement gegenüber den islamischen Djihadisten und der Delegitimierung des Zionismus. Damit ist eigentlich auch schon das meiste gesagt. Der Rest des Buches ist im Grunde nur Beiwerk.
So entlarvt das Buch den Gegensatz zwischen politischer Mehrheit und Minderheit als „antagonistische Kooperation“ – mit dem Schwerpunkt auf »Kooperation«: Die Linke, die „scheinbar in extremem Gegensatz zur Mehrheit, in Wahrheit deren verschwiegene Sehnsüchte artikulierte, dafür von jener zunächst gehasst und verfolgt wird, was der Minderheit wiederum den moralischen Mehrwert verleiht und die Zähigkeit zum Durchhalten eingibt, bis schließlich die Mehrheit […] sich widerstrebend dem ‚Lauf der Dinge‘ oder dem ‚Zug der Zeit‘ beugen darf und die dann stattfindenden gesellschaftlichen Reformen als Ergebung in ein unabwendbares Schicksal darstellen kann. Und ein Ende dieser Spiegelfechterei ist nicht absehbar, man hat sogar den Eindruck, dass diese um so munterer weitergeht, je scheinhafter die sachlichen Differenzen in Wahrheit sind“.
Eine ähnliche Arbeitsteilung wird der EU in Sachen Israelkritik (ein Kapitel ohne Israel wäre keins) konstatiert: einerseits verkaufen Schweden und Spanien ihre „Enthemmtheit gegenüber Israel als besondere Glaubwürdigkeit“, andererseits muss sich Deutschland nicht „die Finger selber allzu schmutzig“ machen.
Und noch zwei scheinbare Gegner arbeiten in Wirklichkeit auf das Gleiche hin: die Rechte und der Islam. So ähneln sich Umma und Volksgemeinschaft in ihrem Hass auf Differenz und individuelle Unabhängigkeit, ihrer patriarchal-familiären Ordnung und ihrem Antisemitismus so sehr, dass von einer Feindschaft von Nazismus und Islamismus keine Rede sein kann. Ihre Feindschaft rührt nach Meinung der Autoren nicht von der Differenz, sondern gerade von ihrer Gleichartigkeit her. Sie ist die Folge ihrer Konkurrenz um die gleichen Ziele, gepaart mit dem Neid der Rechten auf den Erfolg der Djihadisten, die der Umma näher sind als die Nazis der Volksgemeinschaft. Breivik gilt den Autoren folglich auch nicht als »islamophob« und Feind der Islamisten, sondern als ihr Konkurrent. Auch der politischen Linken wird mit ihrer Begeisterung für »fremde Kulturen«, in denen die Menschen noch unvermittelt aneinander gekettet sind und eine »unhintergehbare Identität« haben, Sympathie für den Islam konstatiert. Und schon stellt sich nur noch die Frage, warum die Linke die Scharia nicht zum Sozialismus erklärt und sich den Islamisten anschließt. Die Antwort soll im Unterschied der Arbeitsfetische zwischen der deutschen (und also postnazistischen) Linken und Rechten und den Islamisten liegen. Erstere fetischisieren die Arbeit als Dienst und Opfer an der Gemeinschaft (gelang doch auch der Holocaust nur als Ergebnis industrialisierter Arbeit). Demgegenüber ist der Islam die Religion derjenigen, die der Weltmarkt nicht braucht, die keine Industrie haben und folglich weder arbeiten können, noch müssen.
Die BRD hat zwar ein Mehrparteiensystem mit Gewaltenteilung und eine kapitalistische Ökonomie mit individueller Freiheit, aber ein Zurück hinter den NS ist in ihr dennoch nicht möglich. Denn die wiederhergestellten ökonomischen und rechtlichen Vermittlungen bleiben scheinhaft. So gibt es in Deutschland keine Klassen mehr, sondern nur noch »vereinzelte Einzelne« (Marx), denen die Relativierung ihrer Interessen und Bedürfnisse in Mark und Bein übergegangen ist. Sie sind eher Ein-Mann-Staaten, die Herrschaft und Unterdrückung von sich aus wollen und gegen sich richten, als Individuen. Ganz von sich aus sorgen sie sich um die nationale Ökonomie und besorgen so gemeinsam-einsam das, was früher der Staat als Großkonsument tat und tun musste. Die bürgerliche Herrschaft muss vom NS nicht gerettet werden, wenn eh schon jeder verinnerlicht hat, dass das Eigeninteresse zuallererst dem Gemeinwohl zu dienen hat, die Wirtschaft eine große Volksfürsorge ist und die Sozialpartner gemeinsam an der reibungs- und krisenlosen Ökonomie arbeiten. Die Parteien sind faktisch eine Einheitspartei, das Recht nur eine dürftige Verkleidung des überrechtlich verlangten Bekenntnisses zur fdGO und noch die individuelle Freiheit ist in Deutschland Staatsziel.
Auch wer sich fragt, ob es jemals die Vereinigten Staaten von Europa geben wird, findet im Buch die Antwort: weil im nationalsozialistischen Europa die Souveränität des (in Wirklichkeit zerfallenden) Staates immer bloß behauptet war und vielmehr der Holocaust die Einheit der Gesellschaft sichergestellt hat, kann es keine EU als echten Souverän geben.

Die Autoren wollten zeigen, dass die „soziale Marktwirtschaft ohne die nazistische Vernichtungsgemeinschaft“ undenkbar, die „Sozialpartnerschaft ohne die Betriebsgemeinschaft des Faschismus“ unmöglich, die „gegen Jugoslawien angewandte Taktik, das ‚Recht auf nationale Selbstbestimmung‘ zur Zerschlagung des letzten Systemfeindes in Anschlag zu bringen, ohne die geschichtliche Erfahrung der Okkupation etwa des Sudetenlandes“ unvorstellbar wäre. Das ist die Zusammenfassung des Buches – sie ist zwei Jahre älter als es selbst.2
Im ganzen Buch wird nicht klar, ob es sich beim Postnazismus nun um eine Ideologie, die auch wieder verschwinden könnte, oder um eine objektive Gegebenheit handeln soll. Ersteres wäre wohl nicht »radikal« genug, aber für letzteres findet sich im Buch kein wirklich überzeugender Beleg, außer dass die BRD auf den NS folgte: es „bleibt darauf zu beharren, dass ähnliche Entwicklungen schon auf Grund der unterschiedlichen historischen Bezüge nicht die gleiche Bedeutung haben“.
Es gelingt dem Buch auch nicht wirklich, nachzuzeichnen, was genau noch der Unterschied zwischen Deutschland und Österreich einerseits und den nicht postnazistischen Ländern andererseits sein soll. Es erscheint auch zweifelhaft, ob ein grundlegender Unterschied überhaupt noch besteht. Faschismus und Nazismus waren die Gesellschaftsform der damaligen sozialen und ökonomischen Situation. Und sie existierten in einer Epoche, in der in den entwickelten Ländern überall die gleichen Tendenzen zu einer solchen Gesellschaftsform vorhanden waren. Auch die USA, Frankreich und Großbritannien waren in diesem Sinne nicht einfach antifaschistisch, was bspw. die »Studien zum autoritären Charakter« oder Leo Löwenthals »Falsche Propheten« beweisen. Die faschistischen und nazistischen Bewegungen haben dort nicht die Oberhand gewonnen und waren noch nicht einmal annähernd so stark wie in Deutschland. Aber sie stellten dennoch nennenswerte gesellschaftliche Strömungen dar. Insofern wird schon damals der zentrale Unterschied zwischen Deutschland, den USA und anderen Ländern nicht die ideologische und ökonomische Qualität der faschistischen und/oder nazistischen Bewegungen, sondern vor allem ihre Größe und Stärke gewesen sein. Warum sich dieser quantitative Unterschied im Laufe der Jahre nicht einebnen oder vielleicht auch völlig umkehren können sollte, wird auch durch die Lektüre des Buches nicht klar. Insofern sollte man m.E. nicht nur vom Postnazismus Deutschlands reden, sondern eher von dem der ganzen Welt. Nicht nur die Deutschen kennen jetzt die »Möglichkeit« der Aufhebung der fesselnden, abstrakten Seite des Kapitals durch die Judenvernichtung. Der Nazismus hat „die ganze Welt qualitativ verändert, das heißt, einen geschichtlichen Umschlagpunkt markiert“.
Der Unterschied zwischen Deutschland und anderen Ländern ist durch die Kapitulation natürlich nicht verschwunden. Aber warum sollte er nie verschwinden können? Mögen Demokratie und Marktwirtschaft bloß Schein gewesen sein, es sieht so aus, als wären sie damit »der Platzhalter der Wahrheit« (Adorno) gewesen. So richtig fällt auch den Autoren nicht mehr ein, als dass Deutschland eben Nazi-Deutschland war und andere Länder nicht. Überzeugende Beispiele oder Indizien dafür, dass sich der deutsche Wahn in die Gegenwart retten konnte, sucht man vergebens. So wird beispielsweise als Beleg dafür „wie die Stimmung im deutschen Südwesten ist und die ersten Schritte in die politische Ökonomie der Barbarei konkret aussehen“, angeführt, dass mal ein CDU Politiker in Baden-Württemberg »Islamic Banking« als ethische Variante des Bankwesens gelobt hat.
Für die Autoren ist Postnazismus offenbar jeder Versuch, kapitalistische Härten oder offensichtliche Asozialität nicht-kommunistisch bekämpfen zu wollen. »Typisch« kapitalistische Ideologien (wie das Gerede vom Allgemeinwohl), eher hilflose Versuchen die Schädlichkeiten dieser Gesellschaft und Ökonomie zu verringern und spezifisch nazistische Einstellungen sind für die Autoren das Gleiche. Für die Autoren scheint es den Gedanken des allgemeinen Wohls vor dem NS nicht gegeben zu haben. Da war noch jedem die rücksichtslose Konkurrenz und allseitige Feindschaft bewusst und wurde bejaht.
Kern der Argumentation sind dabei die scheinbar heiß geliebten »Vermittlungen« wie Recht, Geld, Ware usw., die verdinglichten sozialen Beziehungen der Bürger und Warenhüter. Weil die Nazis sie abgeschafft haben, müssen sie antifaschistisch gewesen sein. Dass der Kapitalismus mit ihnen den Nazismus hervorbringen konnte, scheinen die Autoren vergessen zu haben. Ihre Vermittlungen, also letzten Endes der Wert, ist nichts anderes als die Abwesenheit des Vereins freier Menschen.
Alles in allem ist »Postnazismus revisited« das Buch zum (antideutschen) Film: das gleiche in Langform plus eine Handvoll »Making-Ofs« zu den bekannten antideutschen Bekenntnissen. Wer das immergleiche Kunststück, jeden Sachverhalt auf Israel oder den Islam bezogen zu bekommen, nochmal in Buchform genießen will, wird den Band spannend finden. Allen anderen sei »Endstation« von Wolfgang Pohrt3 empfohlen: es ist erheblich kürzer, kurzweiliger und einleuchtender. Anders als die Autoren macht Pohrt das spezifisch Nazistische, beispielsweise die Angst Jungdeutschlands vor „Verfälschungen durch Machenschaften jüdischer Art“, vor allerlei nicht wahrnehmbaren Gefahren und „abstrakt-chemischen“ Erzeugnissen deutlich. Und im Unterschied zu »Postnazismus revisited« muss man bei ihm nicht schon vor der Lektüre an das Nachleben des Faschismus in der Demokratie glauben.

Stephan Grigat (Hrsg.) (2012): Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert (Freiburg: ça ira-Verlag), 288 Seiten, 18 €.

Autoreninfo: Jan kommt aus Erfurt und lebt in Weimar. Er ist Student und ist bei den Falken in Thüringen aktiv.

  • Joachim Bruhn (2001): Flugschriften. Gegen Deutschland und andere Scheußlichkeiten (Freiburg: ça ira-Verlag), 158 Seiten. [zurück]
  • Wolfgang Pohrt (1983): Endstation. Über die Widergergeburt der Nation – Pamphlete und Essays (Berlin: Rotbuch-Verlag), 139 Seiten. [zurück]
  • Theodor W. Adorno (1977): Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in Gesammelte Schriften 10.2. Kulturkritik und Gesellschaft II: Eingriffe. Stichworte (Suhrkamp: Frankfurt/Main), 555. [zurück]