Von »deutschen Männern« und »deutschen Frauen«

von Jakob Becksmann, erschienen in ThUg Magazine #1

Die AFD ist eine „Partei der Rechten mit bestimmten extrem rechten Tendenzen im Hinblick auf ihre Inhalte und ihr Personal“ 1. Teilt man diese Analyse, wird es einen wenig überraschen, dass die AFD neben euro(pa)skeptischen, nationalistischen und marktradikalen Positionen auch im Hinblick auf geschlechtspolitische Themen mehr als einfach nur unsympathisch ist. Gerade der Kampf gegen »Gender Mainstreaming« wird mit harten Bandagen geführt. Es ist von »staatlicher Umerziehung«, »Indoktrinierungs- und Missionierungsversuchen« oder den Machenschaften einer »Homolobby« die Rede2. Die Art der Begriffe, mit denen hier gearbeitet wird, legt schon die Brutalität nahe, mit der dieser Kampf von rechten Organisationen weniger bürgerlichen Anstrichs geführt wird. Besonders drastische Äußerungen rufen in regelmäßigen Abständen die erwartete mediale Empörung hervor. Wirklich überrascht scheint aber auch hier nie jemand, denn es gilt als allgemein bekannt, dass Rechte sich die Frauen zurück an den Herd wünschen und Homosexualität am liebsten abschaffen würden.

Tatsächlich spielt das Thema »Geschlecht« bzw. eine generell geschlechterreflektierende Arbeitsweise bei der Auseinandersetzung mit der extremen Rechten3 in gesellschaftlichen Debatten und ebenso in der Forschung nur selten eine Rolle. Ausnahmen aus jüngerer Vergangenheit bilden dazu die Diskussionen um Beate Zschäpes Funktion im NSU oder die Forderungen des beurlaubten Geschichtslehrers Björn Höcke nach einem »mannhafteren« Deutschland. Dabei zeigen sich an diesen Beispielen bereits sehr deutlich wichtige Punkte, denen unbedingt näher auf den Grund zu gehen wäre. Zum einem die Frage danach, wie gut sich die Realität rechtsextremer Frauen mit einer Beschränkung auf eine passive Rolle der Mutter und Hausfrau tatsächlich fassen lässt. Zum anderen eine Klärung dessen, warum Höcke nun gerade der Etablierung bestimmter Geschlechterbilder einen zentralen Stellenwert in seiner Rede einräumt bzw. darin eine adäquate Antwort auf die postulierte Diagnose von »Islamisierung« und »Asylchaos« sieht.

An diese Fragen möchte ich anknüpfen. Zunächst sollen dazu generelle Überlegungen und Erkenntnisse über Geschlechterrollenbilder innerhalb der extremen Rechten nachgezeichnet werden. Anschließend werde ich, um zu erklären warum geschlechtspolitische Themen überhaupt so eine große Relevanz innerhalb der extremen Rechten einnehmen, argumentieren, dass die Vorstellung von »richtigen Männern und Frauen« ein zentrales Element extrem rechten Denkens ist, dessen Wichtigkeit kaum zu überschätzen ist.

»Geschlecht« in der extremen Rechten

Der organisationsbezogene Rechtsextremismus ist in Deutschland von einer hohen Zersplitterung betroffen, was seine Ursache in der Heterogenität rechtsextremer Positionen findet 4. Diese Zersplitterung findet nicht zuletzt einen Ausdruck in einer verwirrenden Vielfalt mehr oder weniger spezifisch rechtsextremer Formen von Weiblichkeit und Männlichkeit5. Im Rahmen dieses Artikels wird es weder möglich sein, die Vielzahl rechtsextremer Verbände und Gruppierungen mitsamt den komplexen Interaktionen zwischen diesen und ihrem subkulturellen Umfeld, noch die sich daraus ergebende Vielzahl von Geschlechterbildern, umfassend in den Blick zu nehmen. Es soll hingegen ein Überblick über das Thema geschaffen werden, der hilft gängige Fallstricke zu vermeiden und die konstitutive Funktion der Kategorie »Geschlecht« für extrem rechtes Denken aufzuzeigen.

Eine gängige Fehlannahme, die vor allem in der medialen Wahrnehmung noch äußerst einflussreich ist, ist die Einschätzung der extremen Rechten als reines Männerphänomen. Weiblichen Rechtsextremistinnen wird dabei höchstens die Rolle eines Anhängsels oder der Mitläuferin zugeschrieben. Wie zentral diese Auffassung tatsächlich ist, wird gerade auch am Beispiel Beate Zschäpes deutlich. So schien ihre bisher für die mediale Berichterstattung interessanteste Eigenschaft ihr Liebesleben zu sein. Dies schien Zschäpe auch selbst nutzen zu können, indem sie es als adäquate Strategie begreift, sich vor Gericht durch den Rückgriff auf gängige weibliche Geschlechterstereotype zu verteidigen6. Eine solche Auffassung der extrem rechten Geschlechterrollenbilder in der öffentlichen Wahrnehmung mag natürlich mindestens ebenso sehr durch eine Projektion des bürgerlichen Rollenverständnisses, wie durch eine schlechte Analyse der tatsächlichen Verhältnisse innerhalb der extremen Rechten zustande kommen, falsch bleibt sie aber in jedem Fall.

Während schon im historischen Nationalsozialismus die Rolle der Frau durchaus komplexer war, als gemeinhin angenommen wird, Frauen demnach nicht ausschließlich in ihrer Mutterrolle aufgingen, sondern komplexe Handlungsräume innehatten7, wäre eine derartige Einschätzung für die moderne extreme Rechte ebenfalls nicht korrekt. Entwicklungen innerhalb der extremen Rechten auch in geschlechterpolitischen Positionen werden dabei übersehen. Auch in der rechten Szene haben aber während der letzten Jahrzehnte Transformationen der Geschlechterrollenbilder stattgefunden8.

In der extremen Rechten lassen sich die unterschiedlichsten Formen von Weiblichkeit finden, von der klassischen Zentrierung der Rolle der Frau auf die Mutterschaft, über modernisierte Varianten, die zum Beispiel die Bekleidung politischer Ämter ermöglichen, bis zum »sexismuskritischen Nationalismus« der sich von einer Überbetonung der
Mutterrolle lösen will und eine Art nationalistischer Patriarchatskritik übt9. Verschiebung des gesamtgesellschaftlichen Geschlechterverhältnisses haben sich auch auf die extreme Rechte ausgewirkt. Neue rechte Frauen verfügen häufig über ein höheres Selbstbewusstsein, als Frauen die unter anderen Bedingungen aufgewachsen sind und legen es beim Eintritt in die rechte Szene nicht einfach ab, was wiederum Theorie und Praxis innerhalb der rechten Szene graduell verändert10.

Festzustellen ist, dass auch wenn es extrem rechten Frauenorganisationen in erster Linie darum gehen mag extrem rechte Ideologien zu propagieren, die Frage nach einer »Aufwertung« der (deutschen) Frau durchaus gestellt wird11. Dieser »rechte Feminismus« ist dabei kein klares und eindeutiges Konzept, sondern teilt sich in verschiedene Strömungen. Gemein ist ihnen, dass sie eine Gleichwertigkeit der Geschlechter fordern12. Dabei beziehen sie sich zum einen auf differenzfeministische Ansätze – die nutzbar gemacht werden, um eine Gleichwertigkeit trotz Ungleichheit der Geschlechter zu postulieren – aber auch auf gleichheitsfeministische Ansätze. Letzteres funktioniert indem die Aufwertung der völkisch definierten Eigengruppe und die damit verbundene Abwertung der Fremdgruppen dadurch untermauert wird, „dass die Überlegenheit der eigenen Gemeinschaft auch daraus resultiere, dass alle Teile der Gemeinschaft – also Männer und Frauen – gleichwertig (überlegen) seien“13. Ein exemplarisches Beispiel dafür stellen die Ausführungen der extrem rechten Religionswissenschaftlerin Sigrid Hunke dar, die 1987 in einem Aufsatz erörterte, „der nordische Mensch sei evolutionsmäßig der höchst entwickelte und deshalb prädestiniert dazu, die Gleichberechtigung von Mann und Frau umsetzen zu können“14.

Birgit Rommelspacher bringt die Debatte um sexismus-kritischen Nationalismusauf den Punkt, indem sie schreibt, dass der »Feminismus« rechter Bewegungen eine Gleichheit in der Ungleichheit fordert: „Nur die ‚besten‘ Frauen sollen wiederum mit den ‚besten‘ Männern gleichziehen. Gleichheit gilt immer nur im Bezugsrahmen von gleichem ‚Stand‘ und gleicher ‚Rasse‘“15. Dies verdeutlicht, dass ein Bild der passiven Unterstützerin die komplexen Handlungsräume von Frauen innerhalb der extremen Rechten keinesfalls hinreichend beschreibt. Aber auch Männlichkeitsentwürfe finden sich innerhalb der Szene in einer wesentlich größeren Vielfalt als gemeinhin angenommen wird, wie im Folgenden anhand verschiedener Organisationen gezeigt wird.

Für das Beispiel der NPD kann ein Dilemma rechtsextremer Männlichkeit konstatiert werden, das sich aus gleichzeitiger radikaler Systemgegnerschaft und Streben nach demokratischer Wählbarkeit ergibt und dabei Auswirkungen auf die öffentlich vermittelten Männlichkeitsbilder der Partei nimmt16. Mit der angestrebten Fremdwahrnehmung der NPD als Partei in der »Mitte der Gesellschaft«17 entstand das Bild des »NPD-Parteifunktionärs« als neues Leitbild von Männlichkeit innerhalb der Partei18. Dieses Ideal lässt sich als eine Verkörperung »bürgerlicher Zivilität« samt ihren Sekundärtugenden Ordnung, Pünktlichkeit und Fleiß sowie einer pragmatischen »leistungsorientierten Manager-Männlichkeit« mit intellektuellem Anspruch beschreiben19. Die Vertreter dieser Männlichkeit lassen in der Regel zumindest in der Öffentlichkeit keine Befürwortung von Gewalt erkennen, die nicht durch gesellschaftlich anerkannte Ordnungskräfte ausgeübt wird20. In diesen Kreisen besteht kaum Zwang, die eigene Männlichkeit durch Zurschaustellung intersubjektiver Dominanz zu beweisen. Orientierung an männlicher Hegemonie bleibt in diesen Gruppen zumindest im politisch relevanten Bereich vor allem darauf bezogen, Absetzungsformen von abgelehnten gesellschaftlichen Gruppierungen zu pflegen, die die Männlichkeit der diesen Gruppen Zugehörigen in Frage stellen, dabei aber meist kaum über symbolische und verbale Standortbekundungen hinausgehen21. Konkret: Hier wird geredet und nicht geboxt.

Ein anderes Bild, rechtsradikaler Männlichkeitsvorstellungen zeigt sich zum Beispiel in den sogenannten freien Kameradschaften. In den hier vorherrschenden Narrationen werden vor allem die Soldaten der Wehrmacht und der Waffen-SS als Männlichkeitsideale stilisiert22. Diese Darstellungen verweisen auf ein stabiles Set an Eigenschaften einer soldatischen Männlichkeit, das sich mit den Attributen Härte, Opferbereitschaft, Todesmut, Tapferkeit, Zähigkeit, Schneid und sexuelle Leistungsfähigkeit beschreiben lässt23. Zu vermuten ist hier, dass häufig bereits vor dem Eintritt in rechtsextreme Zusammenhänge ein Bezug auf Muster interpersonaler Dominanz zur Aushandlung maskuliner Hegemonie besteht. Das Ausleben von Männlichkeit in Verbindung mit Gewalt, dient dem Ersatz anderer Möglichkeiten – wie etwa Bildung, institutioneller Macht, ökonomischen Ressourcen und ähnlichem – zur Behauptung der gesellschaftlichen Position24. Beim Eintreten in rechtsextreme Zusammenhänge kommt es dann zu einer Verbindung der Gewaltakzeptanz mit Ungleichheitssvorstellungen oder gegebenenfalls zu einer Verfestigung dieser25.

Ein besonders interessanter Aspekt im Hinblick auf Männlichkeitskonstruktionen innerhalb der extremen Rechten stellen zudem die Positionen zu männlicher Homosexualität dar. Obwohl in der extremen Rechten insgesamt die »Familie als Keimzelle der Nation« und die damit einhergehende heterosexuelle Norm das Idealbild bleibt, zeigt sich, dass zumindest in Teilen der rechtsextremen Szene Toleranz für homosexuelle Männer in den eigenen Reihen geübt wird26. Das Thema Homosexualität erscheint deshalb „in der extremen Rechten weitaus widersprüchlicher, als es gängige rechtsextrem intendierte Äußerungen zunächst nahelegen“27. Als prominentes Beispiel für eine derartig widersprüchliche Darstellung, ist die Schrift des einflussreichen Neonaziführers Michael Kühnen (†1991) mit dem Titel »Nationalsozialismus und Homosexualität« zu nennen. Kühnen hat in dieser Schrift versucht, „Homosexualität in das Bild von rechtsextremer Männlichkeit zu integrieren“28, indem er die Existenz homosexueller Männer mit der Entstehung großer Zivilisationen verbindet und ein Bild des homosexuellen Mannes entwirft, das im Einklang mit den Idealen der soldatischen Männlichkeit steht29.

Ganz abgesehen von der Kritik, die die Schrift Kühnes aus rechtsextremen Kreisen erfahren hat, ist die Argumentation Kühnes ein Beleg dafür, dass die »Toleranz« gegenüber schwulen Männern in Teilen der Szene nicht mit einer Akzeptanz für Homosexualität an sich gleichgesetzt werden dürfe30. Anhand der Ausführungen Kühnes vom Homosexuellen als besonders geeignetem Soldaten zeigt sich: „Homosexuelle Nazis müssen jedwede Effeminiertheit vermeiden, wollen sie mehr oder minder offen zu ihrer Homosexualität stehen und als ‚vollwertige‘ Männer anerkannt werden“31. Es wird versucht Homosexualität mithilfe von »Hypermaskulinität« zu legitimieren. Daran zeigt sich, dass sich eine homophobe Haltung innerhalb rechtsextremer Zusammenhänge mehr gegen eine »dem schwulen Mann« zugeschriebene »Verweiblichung« richtet, als gegen sein privates sexuelles Begehren32.

Volksgemeinschaft als innere Ordnung extrem rechter Ideologie

Im vorherigen Abschnitt ist dargestellt worden, dass sowohl Weiblichkeits- als auch Männlichkeitsvorstellungen innerhalb der extremen Rechten weitaus heterogener sind als gemeinhin angenommen wird. Dabei ist allerdings auch deutlich geworden, dass dem breiten Spektrum an akzeptiertem Verhalten dennoch klare Grenzen gesetzt sind, die vor allem an den marginalisierteren Positionen wie dem »nationalen Feminismus« oder anhand der Ablehnung von (vermeintlich effeminierten) schwulen Männern sichtbar werden.
Die vorherrschende Geschlechtervorstellung innerhalb der extremen Rechten kann insgesamt durchaus als »Wunsch nach einer Renaturalisierung«33 verstanden werden. Den Geschlechtern werden also, aufgrund ihrer unterschiedlichen Funktionen bei der Zeugung, bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, die dann entsprechend als spezifisch männlich oder weiblich aufgefasst werden. Geschlecht als soziale Praxis zu denken, statt als biologische und natürliche Tatsache ist aus dieser Perspektive nicht möglich34. Da aber die Kategorie »Geschlecht« faktisch der Historizität unterliegt, sie „sich also innerhalb einer patriarchalen Rahmung an die jeweils spezifischen zeitlichen Bedingung angepasst hat“35, sind auch die in der extremen Rechten zugrunde liegenden Vorstellungen von Geschlecht gezwungen, mit auftretenden Widersprüchen umzugehen.

Dies wird zum Beispiel deutlich, wenn in Teilen der extremen Rechten zwar durchaus männliche Homosexualität toleriert wird, diese jedoch am ehesten über eine »Hypermaskulinität« legitimiert werden kann, die die Zuschreibung von »natürlich« männlichen und weiblichen Eigenschaften nicht in Frage stellt. Auch die Diskussion über die Rolle der Frau in extrem rechten Organisation und der sexismus-kritische Nationalismus können als Versuch gesehen werden, an die maßgeblich durch die Frauenbewegung in Frage gestellte und beweglicher gewordene Geschlechterordnung, anschlussfähig zu bleiben, ohne die eigene Ordnung aufzubrechen. Die vorangegangenen Ausführungen zur Komplexität und Heterogenität des Geschlechtsverhältnisses innerhalb der extremen Rechten widersprechen dieser Analyse somit keineswegs, sondern belegen zum einem, dass sich diese Konstruktion eben in permanenten Widersprüchen befindet, zum anderen, dass bestehende Widersprüche bisher durchaus in diese Konstruktion integriert werden konnten, ohne dabei die Ordnung als solche zu gefährden36.

Widersprüche, die hingegen nicht integrierbar sind, werden aufs härteste Bekämpft. Dies zeigt sich zum Beispiel anhand der irrationalen Auseinandersetzung extrem rechter Organisationen mit der politischen Strategie »Gender Mainstreaming«. Die leidenschaftliche Ablehnung, die dieses Thema – unter das undifferenzierte Polemiken gegen Themen wie „Frauenförderung, Frauenforschung, Feminismus, Dekonstruktivismus, Homosexualität und das Selbstbestimmungsrecht von Kindern“37 subsumiert werden – erfährt, legen nahe, dass es als Chiffre fungiert: „Rechtsextreme fürchten um die Auflösung ihrer inneren Ordnung“38.

Die Grundlage dieser inneren Ordnung bildet für die extreme Rechte auch heute noch eine an das nationalsozialistische Modell angelehnte und ihren Grundprämissen kaum davon abweichende Konstruktion einer »Volksgemeinschaft«39. Dieser Begriff nahm eine Schlüsselposition in der nationalsozialistischen Ideologie, Propaganda und Gesellschaftspolitik ein40. Auch wenn er nicht auf die nationalsozialistische Verwendung beschränkt war, sondern von „unterschiedlichen Akteuren mit jeweils spezifischen, zum Teil sogar konträren Bedeutungsinhalten gefüllt“41 wurde, entwickelte sich die »Volksgemeineschaft« vor allem in der nationalsozialistischen Massenbewegung „zu einer der wirkungsmächtigsten Formeln“42.

Die Idee der »Volksgemeinschaft« erfüllte im Nationalsozialismus mehrere grundlegende Funktionen für den Zusammenhalt innerhalb der deutschen Bevölkerung und ihre Loyalität gegenüber der nationalsozialistischen Führung43. Zunächst spielte die Ideologie der »Volksgemeinschaft« als Antithese zur bürgerlich-liberalen Gesellschaftsauffassung eine zentrale Rolle bei der Zerstörung der rechtsstaatlichen Ordnung der Weimarer Republik und ihre Transformation in eine Führerdiktatur. Sie versprach Rechtssicherheit für »Volksgenoss*innen« und terroristische Willkür gegenüber all jenen, die nicht Teil der Gemeinschaft waren. Darüber hinaus diente sie zur Verschleierung von Klassengegensätzen und sozialen Konflikten und versprach damit gesellschaftliche Homogenität und Harmonie44. Vor allem diese Verheißungen einer goldenen Zukunft sorgten für eine emotionale Bindung der »Volksgenoss*innen« an das NS-Herrschaftssystem45.

Entgegen dem propagierten Bild der Überwindung von Klassenschranken und der völkischen Einheit, war die »Volksgemeinschaft‘« jedoch von neuen Ungleichheiten strukturiert und gingen mit der Inklusion von »Volksgenoss*innen« massive Prozesse der Ausgrenzung einher46. Die »Volksgemeinschaft« definierte sich in Bezug auf ihre Zugehörigkeit ex negativo. Wer zur »Volksgemeinschaft« gehören durfte47, war letzten Endes weniger entscheidend, als die Frage, wer nicht zur ihr gehören durfte. In Verbindung mit einer rassenbiologischen Doktrin, die von der Höherwertigkeit der »arischen Rasse« ausging, waren die Grenzen der Gemeinschaftszugehörigkeit klar bestimmt.

Darüber hinaus steht fest, dass schon im Nationalsozialismus das Konzept »Volksgemeinschaft«, neben seiner rassistischen Exklusionspolitik, auf einer genuin
geschlechterbezogenen Ordnungsvorstellung basierte48. Die Aufweichung der starren Geschlechtscharaktere während der Weimarer Republik – die vor allem aus einer veränderten ökonomischen Situation des Bürgertums resultierten, in deren Zuge auch Frauen erwerbstätig wurden – wurde als »Krise der Geschlechter« inszeniert49. Die Antwort auf diese vermeintliche Krise lautete auch damals »Volksgemeinschaft«. Gemeint war die rein biologisch begründete polare und dichotome Geschlechterordnung und daraus folgend die Teilung in klar voneinander abgrenzbare weibliche und männliche Bereiche50. Eine Wahrung der als natürlich apostrophierten Geschlechterpolarität, ist also schon immer konstitutiv für die innere Ordnung der »Volksgemeinschaft« gewesen51.

Auch für den modernen Rechtsextremismus stellt die Konstruktion einer »Volksgemeinschaft«, die sich stark an dem beschriebenen nationalsozialistischen Modell anlehnt, einen Kern extrem rechter Politik und Gesellschaftsvorstellungen dar52. Im Programm der NPD wird sogar explizit von einer »Volksgemeinschaft« gesprochen und »multikulturellen Gesellschaften« entgegengesetzt53. Im Programm der AFD wird der Begriff zwar nicht verwendet, dennoch lässt einiges darauf schließen, dass auch hier die »völkische Ideologie« eine zentrale Rolle spielt. Sie tritt allerdings bei der AFD und den sogenannten »Neurechten Bewegungen« in einer modernisierten Form auf, „die bei aller Betonung der »ethnischen Kontinuität« als Basis der Nation stärker das willentliche, subjektive Element hervorhebt“54. Das Hardliner der Partei, wie beispielsweise André Poggenburg (Landesvorsitzender der AFD in Sachsen-Anhalt) allerdings nicht davor zurückschrecken den Begriff »Volksgemeinschaft« explizit zu verwenden55, legt natürlich außerdem nahe, dass es sich vor allem um eine strategische Auslassung des Begriffs handelt. Dabei gilt auch heute noch: „[n]eben einer rein völkischen Ausrichtung (bezogen auf die Zugehörigkeit) bildet die starre Konstruktion von Weiblichkeit auf der einen Seite und Männlichkeit auf der anderen Seite das Fundament dieser Konstruktion“56. Das Geschlechterverhältnis bildet auf diese Weise eine innere Rahmung oder Ordnungsinstanz rechtsextremen Denkens und Handelns und erfüllt vor allem eine zusammenhaltende Funktion57. Die Kategorie »Geschlecht« kann deshalb aus gutem Grund sowohl für die Ideologie als auch gelebte Praxis der extremen Rechten als konstitutiv gelten. Deswegen ist darauf zu insitieren bei der Analyse von und Theoriebildung über die extreme Rechte, die geschlechterspezifschen Vorstellungen und deren tatsächliche Praxis nicht außen vor zu lassen.

Jakob ist bei den Falken in Jena aktiv. Er beschäftigt sich viel mit den Themen Rechtsextremismus und Volksgemeinschaft. Dies nicht weil er Nazis spannend findet, sondern weil er ihnen den Boden unter den Füßen wegziehen möchte.

  1. Felix Korsch und Volkmar Wölk (2014): Nationalkonservativ und marktradikal. Eine politische Einordnung der »Alternative für Deutschland«., erw. und aktu. Neuauflage (Berlin: Rosa-Luxemburg-Stiftung), 13. [zurück]
  2. vgl. Andreas Kemper (2014): Keimzelle der Nation? Familien- und geschlechterpolitische Positionen der AfD – eine Expertise. (Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung), 13; Korsch und Wölk (2014): Nationalkonservativ und Marktradikal., 3. [zurück]
  3. Die Begriffe »Rechtsextremismus« sowie »extreme Rechte« werden im Artikel synonym gebraucht. Gemeint ist die „Gesamtheit von Einstellungen, Verhaltensweisen und Aktionen, organisiert oder nicht“, die von einer „rassisch oder ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der Menschen ausgehen, nach ethnischer Homogenität von Völkern verlangen und das Gleichheitsgebot der Menschenrechtsdeklaration ablehnen“ (Hans-Gerd Jaschke (2013): Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Begriffe, Positionen, Praxisfelder, 2. Auflage (VS, Verl. für Sozialwiss), 31.). [zurück]
  4. vgl. Richard Stöss (2010): Rechtsextremismus im Wandel, 3. aktualisierte Aufl. (Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung), 20. [zurück]
  5. vgl. Andreas Heilmann (2010): Normalisierung und Aneignung. Modernisierung und Flexibilisierung von Männlichkeiten im Rechtsextremismus, in »Was ein rechter Mann ist…«. Männlichkeiten im Rechtsextremismus, Hrsg.: Robert Claus, Esther Lehnert und Yves Müller (Berlin: Dietz Vlg Bln), 54.; vgl. Renate Bitzan (2011): »Reinrassige Mutterschaft« versus »Nationaler Feminismus«. Weiblichkeitskonstruktionen in Publikationen extrem rechter Frauen, in Rechtsextremismus und Gender, Hrsg.: Ursula Birsl (Opladen: Verlag Barbara Budrich), 116–124. [zurück]
  6. vgl. Forschungsnetzwerk für Frauen und Rechtsextremismus (2015): »Ich habe nichts gemacht, ich war nur in der Küche« - Statement des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus zur Einlassung Beate Zschäpes im NSU-Prozess am 9.12.2015, http://www.frauen-und-rechtsextremismus.de/cms/component/content/article/2-uncategorised/14-statement-des-forschungsnetzwerks-frauen-und-rechtsextremismus-zur-einlassung-beate-zschaepes-im-nsu-prozess-am-9-12-2015. [zurück]
  7. vgl. Elke Frietsch und Christina Herkommer (2009): Nationalsozialismus und Geschlecht. Zur politisierung und ästhetisierung von Körper, »Rasse« und Sexualität im »Dritten Reich« und nach 1945 (Bielefeld: Transcript-Verl.), 10. [zurück]
  8. vgl. Sonja Balbach (1994): »Wir sind auch die kämpfende Front«. Frauen in der rechten Szene (Hamburg: Konkret-Literatur-Verl.), 14. [zurück]
  9. vgl. Bitzan (2011): »Reinrassige Mutterschaft« versus »Nationaler Feminismus«, 116-125. [zurück]
  10. vgl. ebd.: 125 [zurück]
  11. vgl. accalmie (2013): Die Rollen autonom organisierter rechter Frauen, http://maedchenmannschaft.net/die-rolle-autonom-organisierter-rechtsextremistinnen-1/. [zurück]
  12. vgl. Charlott Schönwetter (2014): Rechter »Feminismus«, http://maedchenmannschaft.net/rechter-feminismus/. [zurück]
  13. ebd. [zurück]
  14. Renate Bitzan (2014): Kann es einen »Feminismus von Rechts« geben?, http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/174172/kann-es-einen-feminismus-von-rechts-geben. [zurück]
  15. Birgit Rommelspacher (2011): Frauen und Männer im Rechtsextremismus – Motive, Konzepte und Rollenverständnisse, in Rechtsextremismus und Gender, Hrsg.: Ursula Birsl (Opladen: Verlag Barbara Budrich), 63. [zurück]
  16. vgl. ebd.: 58 [zurück]
  17. vgl. Andrea Röpke und Andreas Speit (2009): Neonazis in Nadelstreifen. Die NPD Auf Dem Weg in Die Mitte Der Gesellschaft, Lizenzausg. (Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung), 12. [zurück]
  18. vgl. Heilmann (2010): Normalisierung und Aneignung, 59. [zurück]
  19. vgl. ebd. [zurück]
  20. vgl. Kurt Möller (2011): Konstruktionen von Männlichkeit in unterschiedlichen Phänomenbereichen des Rechtsextremismus, in Rechtsextremismus und Gender, Hrsg.: Ursula Birsl (Opladen: Verlag Barbara Budrich), 139. [zurück]
  21. vgl. ebd. [zurück]
  22. vgl. Fabian Virchow (2010): Tapfer, stolz, opferbereit. Überlegungen zum extrem rechten Verständnis »idealer Männlichkeit«, in »Was ein rechter Mann ist…«. Männlichkeiten im Rechtsextremismus, Hrsg.: Robert Claus, Esther Lehnert und Yves Müller (Berlin: Dietz Vlg Bln), 41. [zurück]
  23. vgl. ebd. [zurück]
  24. vgl. Kurt Möller (2011): Konstruktionen von Männlichkeit in unterschiedlichen Phänomenbereichen des Rechtsextremismus, 137. [zurück]
  25. vgl. ebd. [zurück]
  26. vgl. Robert Claus und Yves Müller (2010): Männliche Homosexualität und Homophobie im Neonazismus, in »Was ein rechter Mann ist…«. Männlichkeiten im Rechtsextremismus, Hrsg.: dies. (Berlin: Dietz Vlg Bln), 110. [zurück]
  27. ebd. [zurück]
  28. ebd. 121 [zurück]
  29. vgl. ebd. [zurück]
  30. vgl. ebd.: 116 [zurück]
  31. ebd. [zurück]
  32. vgl. ebd.: 125 [zurück]
  33. Esther Lehnert (2010): Angriff auf Gender Mainstreaming und Homo-Lobby. der moderne Rechtsextremismus und seine nationalsozialistischen Bezüge am Beispiel der Geschlechterordnung, in »Was ein rechter Mann ist…«. Männlichkeiten im Rechtsextremismus, Hrsg.: Robert Claus, Esther Lehnert und Yves Müller (Berlin: Dietz Vlg Bln), 91. [zurück]
  34. vgl. ebd. [zurück]
  35. ebd. [zurück]
  36. vgl. ebd. [zurück]
  37. ebd.: 98 [zurück]
  38. ebd. [zurück]
  39. vgl. ebd: 90 [zurück]
  40. vgl. u.a.: Rolf Pohl (2012): Das Konstrukt »Volksgemeinschaft« als Mittel zur Erzeugung von Massenloyalität im Nationalsozialismus, In »Volksgemeinschaft«. Mythos, wirkungsmächtige soziale Verheißung oder soziale Realität im »Dritten Reich«?. Zwischenbilanz einer kontroversen Debatte., Hrsg.: Detlef Schmiechen-Ackermann (Paderborn [u.a.]: Schöningh.), 69–84. [zurück]
  41. Detlef Schmiechen-Ackermann (2012): »Volksgemeinschaft«. Mythos, wirkungsmächtige soziale Verheißung oder soziale Realität im »Dritten Reich«? – Einführung, In »Volksgemeinschaft«. Mythos, wirkungsmächtige soziale Verheißung oder soziale Realität im »Dritten Reich«?. Zwischenbilanz einer kontroversen Debatte., Hrsg.: ders. (Paderborn [u.a.]: Schöningh.), 42. [zurück]
  42. Frank Bajohr und Michael Wildt (2009): Volksgemeinschaft. neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus, (Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl.), 8. [zurück]
  43. vgl. Rolf Pohl (2012): Das Konstrukt »Volksgemeinschaft« als Mittel zur Erzeugung von Massenloyalität im Nationalsozialismus, 70. [zurück]
  44. vgl. ebd [zurück]
  45. vgl. ebd.: 71 [zurück]
  46. vgl.: Frank Bajohr und Michael Wildt (2009): Volksgemeinschaft, 9 [zurück]
  47. vgl. Michael Wildt (2014): Volksgemeinschaft, http://docupedia.de/zg/Volksgemeinschaft?oldid=106491. [zurück]
  48. vgl. Sybille Steinbacher (2009): Differenz der Geschlechter? Chancen und Schranken für die »Volksgenossinnen«, in Volksgemeinschaft. Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus, Hrsg.: Frank Bajohr und Michael Wildt (Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl.), 96. [zurück]
  49. vgl. Esther Lehnert (2010): »Angriff auf Gender Mainstreaming und Homo-Lobby«, 92. [zurück]
  50. vgl. ebd.: 93 [zurück]
  51. vgl. Sibylle Steinbacher (2009): Differenz der Geschlechter?, 98. [zurück]
  52. vgl. Esther Lehnert (2010): »Angriff auf Gender Mainstreaming und Homo-Lobby«, 90. [zurück]
  53. vgl.: NPD (2013): ARBEIT. FAMILIE. VATERLAND. Das Parteiprogramm der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) – Beschlossen auf dem Bundesparteitag am 4./5.6.2010, 2. Auflage (Bamberg), 11. [zurück]
  54. Helmut Kellershohn (2014): »Konservative Volkspartei«. Über das Interesse der jungkonservativen Neuen Rechten an der AFD, http://www.diss-duisburg.de/2014/09/helmut-kellershohn-afd-sondierungen-3/ [zurück]
  55. siehe dazu: Patrick Gensing (2015): Die AfD und die »Volksgemeinschaft«, https://www.tagesschau.de/inland/afd-volksgemeinschaft-103.html. [zurück]
  56. vgl. Esther Lehnert (2010): »Angriff auf Gender Mainstreaming und Homo-Lobby«, 90. [zurück]
  57. vgl. ebd.: 89 f. [zurück]