Rezension – Christian Baron: »Proleten, Pöbel, Parasiten.«

»Klassismus« ist zu einem neuen Schlagwort der Linken geworden. Weit über Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ hinaus wird über das Verhältnis der Linken und den Arbeiter*innen diskutiert. David Pape rezenisert Christian Barons Buch »Proleten, Pöbel, Parasiten. Warum die Linken die Arbeiter verachten« und macht hier Parallelen zu Eribon aus. Gleichzeitig attestiert er Baron analytische Fehlschlüsse und fordert: „mehr Mut zur Abstraktion“!

Rezension – Christian Baron: »Proleten, Pöbel, Parasiten. Warum die Linken die Arbeiter verachten«
von David Pape

Mit seinem neuen Buch »Proleten, Pöbel, Parasiten. Warum die Linken die Arbeiter verachten« legt Christian Baron das deutsche Pendant zur Autobiografie des Foucaultbiografen Didier Eribon »Rückkehr nach Reims« vor, welches ebenfalls 2016 in Deutschland erschienen ist.
Barons Buch ist eine Mischung aus Autobiografie, Dokumentation des Alltags in Kaiserslautern und Medienkritik. Baron zeigt anhand seiner eigenen Biografie die Härten der Klassenverhältnisse auf, die diese Gesellschaft für Arbeiterkinder bereit hält, sei es nun in der Schule, auf dem Amt oder in den seltenen Fällen in denen ein solcher Werdegang gelingt: im akademischen Betrieb. Eingebunden ist das Ganze in eine Kritik der bürgerlichen Medien, die ein Rechtfertigungsmuster dieser Härten entwickelt haben und Arbeiter*innen verächtlich machen wollen.
Baron kratzt an der Fassade einer Klassengesellschaft, die sich selbst nicht mehr als solche sehen will, sondern in der alles, was politisch getan wird, im Namen des Allgemeinwohls passiert. Er zeigt auf, wie in einer Gesellschaft, in der Armut und gesellschaftliches Abgehängtsein wahlweise zum Betriebsunfall oder zur individuellen Schuld degradiert werden, Klassenverhältnisse systematisch entpolitisiert und individualisiert werden.
Erfrischend wirkt die Perspektive eines Arbeiterkinds, für den Politik nicht das Ventil des schlechten Gewissens ist – bessergestellt worden zu sein, sondern dessen Linkssein interessensgeleitet ist und auf den die Kultivierung von Armut (wie z.B. in manchen Küfas, Umsonstregalen etc. praktiziert) befremdlich wirkt. Hier wird der verwehrte Zugriff auf den Reichtum skandalisiert, nicht aber der Reichtum selbst.
Die Thematisierung politischer Praxen im Zusammenhang mit der Klassenfrage stell linke Gewissheiten auf den Prüfstand. So wird Bürgerbeteiligung als Mittel der Klassengesellschaft denunziert, durch welches die Bürger*innen ihr Interesse durchsetzen. Dies nicht nur, weil das Grundlegende (wie der Besitz an Produktionsverhältnissen) nicht zur Debatte steht, sondern auch, weil die Bürgerklasse die größeren politischen und finanziellen Ressourcen hat, derer es Bedarf, um die eigenen Interessen geltend zu machen. Oder indem festgestellt wird, dass sich im Rahmen von Masseneinwanderung die Konkurrenzsituation für gering qualifizierte Jobs wirklich verschärft und damit die ankommenden Flüchtlinge zurecht als Konkurrent*innen wahrgenommen werden.
Richtig kritisiert Baron auch, dass sich die linke Kritik an der AfD oft darauf reduziert die rassistischen Tabubrüche zu skandalisieren, um dann mit moralischem Zeigefinger zu verlangen, dass man das doch so nicht sagen dürfe. Im Gegensatz dazu finde eine Auseinandersetzung mit der arbeiterfeindlichen Programmatik der AfD kaum statt, und so würde Entrüstung oft mit Argumenten verwechselt.
Mit der Betonung von Klassenverhältnissen tendiert Baron allerdings dazu, diese gegen andere Unterdrückungsverhältnisse auszuspielen, anstatt deren Zusammenhang zu analysieren: der Sexismus von Islamisten, der sich in der Silvesternacht von Köln offenbarte, ist für ihn ebenso Ausdruck des Klassenverhältnisses wie es die rassistischen Vorstellungen von Teilen der Arbeiter*innenklasse sind. Einer Eigenständigkeit von Ideologie wird kein Raum eingeräumt. Das Bewusstsein der Arbeiterklasse wird bei ihm gänzlich zum Reflex auf die Armut und das gesellschaftliche Ausgeschlossensein reduziert.
Die Kultur der Arbeiter*innen ist für Baron stets erst einmal positiv und nicht zu kritisieren. So deutet er die linke Kritik an Nationalismus und Spektakel der Fußballweltmeisterschaften als Versuch Arbeiter*innen die Freude am Spiel zu nehmen. Diese suchten jedoch Baron zufolge im Fußball lediglich nach einer Möglichkeit ihrem oftmals von zermürbenden Arbeits- und Lebensbedingungen gebeutelten Alltag zu entfliehen. Dass sportliche Massenereignisse aber auch der Klassenversöhnung dienen und deshalb sehr wohl Thema von Ideologiekritik sein sollten, interessiert Baron nicht. Für ihn ist Arbeiter*innenkultur per se erst mal unter Artenschutz zu stellen.1

Bei der Kritik der Klassengesellschaft wird Baron auch oft selbst moralisch und begnügt sich mit Fragen, die sich um die der Verteilung des Reichtums drehen, stellt sich aber nicht die Frage nach der Form, in der dieser vorliegt. Über weite Strecken liest sich das Buch wie eine Wahlwerbung für die Linkspartei, die nicht kritisch danach fragt, warum linke Parteien, wenn sie an die Regierung kommen, so wenig gegen die Ursachen von Armut zu tun vermögen. Barons Mittel der Wahl gegen die Klassengesellschaft ist folglich Steuergerechtigkeit: Man müsse die Reichen nur ordentlich besteuern, um den Armen ein gutes Leben zu ermöglichen. Es wird nicht versucht zu erklären, warum es für den Staat rational sein kann, auf der Grundlage kapitalistischer Produktionsweise, Politik gegen die Arbeiter*innen zu machen. Statdessen wird es dabei belassen der Sozialdemokratie »Verrat« entgegenzurufen.

Auch begnügt sich Baron weitestgehend damit Klasse soziologisch in Milieus zu beschreiben, ohne den systematischen Charakter für die Reichtumsproduktion herauszustellen. Die Arbeiter*innenklasse wird so auf die Unterschicht reduziert, als deren Gegenstück die Student*innen präsentiert werden. Baron bauscht den Gegensatz von Student*innen und Arbeiter*innen bis zur Unmöglichkeit auf, wenn er behauptet „die Welt wartet auf sie als Elite von Morgen“. Damit tut er ganz so als gäbe es Phänomene wie Prekarisierung, Zeitarbeit und schlechte Bezahlung unter Akademiker*innen nicht. Auch die Behauptung, dass Student*innen nur arbeiten, um sich einen Urlaub oder ähnliche Luxusbedürfnisse zu finanzieren, stimmt nicht. „Die Mehrheit (57 Prozent) der erwerbstätigen Studierenden (im Erststudium) ist auf den Job angewiesen. Er dient der Sicherung des Lebensunterhalts und/oder der Finanzierung des Studiums“2. Anstatt zu versuchen den Student*innen aufzuzeigen, wo auch sie die Härten der Klassengesellschaft treffen, versucht er sie dazu zu überreden Politik für Arbeiter*innen zu machen. Arbeiter*innen tauchen so fast gar nicht als politische Subjekte auf, sondern höchstens als „Verbündete“ oder „Klientel“, denen sich die Linke anzubiedern hätte. Die angesprochene Interessengeleitetheit der Politik wird an diesem Punkt nicht konsequent durchgehalten, sondern die Studierenden sollen nun die Interessen der Arbeiter*innen ernster nehmen. Solidarität wird hier als Dienstleitung für die Arbeiter*innen missverstanden und nicht als etwas Praktisches: das gemeinsame zu verwirklichende Interesse der Arbeiter*innen und Studierendenschaft.

Dieses Problem zeigt sich auch an seinem Verständnis für Theorie. Baron tritt für einen linken Populismus ein, der davon ausgeht, dass die Mehrheit der Bevölkerung eher einfache Parolen als Einsichten in diese Gesellschaft braucht. Sein Buch ist deshalb auch bemüht flapsig und unwissenschaftlich gehalten. Dadurch wird es jedoch auch schnell oberflächlich und ungenau. An diesem Punkt ist das Buch das genaue Gegenteil von Eribons »Rückkehr nach Reims«: Während Baron versucht betont einfach zu bleiben und »schwere Wörter« zu vermeiden, stürzt sich Eribon in die Tiefe postmoderner Theorie. Durch die Verknüpfung dieser Theorien mit nachvollziehbaren Erfahrungen schafft er es jedoch, diese von ihrer Wissenschaftlichkeit zu befreien und gibt dem/der Leser*in so die Motivation einmal mehr nachzudenken.
Ein bisschen mehr Mut zur Abstraktion hätte »Prolet, Pöbel, Parasiten« sicherlich gut getan. Die falsche Rücksicht auf vermeintlich dumme Arbeiter*innen führt zu unscharfen und falschen Schlussfolgerungen. Ganz abschreiben sollte man das Buch jedoch nicht, da es richtige und wichtige Korrekturen linker Theorie und Praxis beinhaltet.

Christian Baron (2016): Proleten, Pöbel, Parasiten. Warum die Linken die Arbeiter verachten (Berlin: Das Neue Berlin), 288 Seiten, 12,99€.

David Pape ist Mitglied des Redaktionskollektivs und ist auf der falschen Seite der Klassengesellschaft großgeworden (der ohne Produktionsmittel).

Die Rezension erschien auch im »express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit« 2017/5.

  1. Dabei bleibt natürlich wichtig, dass nicht nur der Fußball einer solchen Kritik zu unterziehen ist, sondern auch bürgerliche Kultur, etwa da wo zwar Brechts Theaterstücke inszeniert werden, aber diese eher dem feuchten Traum eines Liberalen entstammen zu scheinen als der Feder eines Sozialisten. [zurück]
  2. GEW (2015): Jobben im Studium. Tipps & Infos, 4. überarbeite Aufl. (Frankfurt/M.), 5. [zurück]