Zum Verhältnis von Antisemitismus, antimuslimischen Rassismus und rechten Bewegungen

Franziska Rein nahm den Artikel von Johannes Hohaus zum Anlass, das Verhältnis von Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus näher zu bestimmen.

Zum Verhältnis von Antisemitismus, antimuslimischen Rassismus und rechten Bewegungen
von Franziska Rein

Wie der Artikel von Johannes in dieser Ausgabe aufzeigt, scheint im aktuellen Rechtsruck, nicht wie von einigen Gesellschaftstheoretiker*innen1 prophezeit, kein Abstand von klassisch antisemitischen Ressentiments genommen zu werden. Das Feindbild »Jude« wird dort nicht einfach mit dem Feindbild »Muslim« ersetzt. Theoretisch lässt sich das durchaus erklären. Der »Jude« und der »Muslim« nehmen in einem rechten Weltbild verschiedene Funktionen ein. Das lässt sich jedoch nur erkennen, wenn man den Inhalt der Zuschreibung, die an die jeweiligen Menschengruppen gemacht werden, sowie die Funktion, die diese Zuschreibungen in bürgerlichen Gesellschaften haben, anschaut. Im Folgenden deshalb ein paar Thesen zur Funktion und Logik des Antisemitismus und des antimuslimischen Ressentiments, dazu wie das Verhältnis der beiden Ressentiments zu denken ist und welche Bedeutung das für die aktuelle Rechte haben könnte.

I.
Der Antisemitismus entspringt „der Logik der Leidenschaft“, so Sartre in seinen Betrachtungen zur Judenfrage. „Er ist eine seelische Einstellung, aber so tief verankert, daß er wie bei der Hysterie ins Physiologische übergreift“2. Antisemitismus ist demnach ein Phänomen, das nicht im Bereich des Bewusstseins und der Rationalität verankert, sondern irrationalen Ursprungs ist. Irrational daran ist, dass sich die Vorstellung die der Antisemit von »dem Juden« hat, nicht mit der Realität deckt. Für den Antisemiten ist das jedoch egal. Genau dies ist hier mit dem Begriff Ressentiment gemeint. Dennoch ist der Antisemitismus insofern ein bewusster Prozess, als er eine Reaktion auf reale gesellschaftliche Erscheinungsformen ist.
Eine linke Theorie und Kritik des Antisemitismus muss auf die gesellschaftliche Vermittlung von Gedankenformen reflektieren. So beschreiben Horkheimer und Adorno beispielsweise in den Thesen zu Antisemitismus, dass die Juden „praktisch wie theoretisch den Vernichtungswillen auf sich [ziehen], den die falsche gesellschaftliche Ordnung aus sich heraus produziert“3. Hier sollte nun eine kritische Theorie des Antisemitismus ansetzten: Was sind das für gesellschaftliche Verhältnisse, die den Vernichtungswillen produzieren, wie tun sie das und und wie treten sie momentan in Erscheinung?

II.
Der Antisemitismus kann als eine ganz bestimmte, ablehnende Reaktion auf die Moderne gedeutet werden, die sich jedoch nur gegen bestimmte Momente moderner, kapitalistischer Gesellschaften richtet. Die verschiedenen Erscheinungen der Moderne werden aufgespalten in das gute „schaffende Kapital“ und das böse „raffende Kapital“4, das dann für alle negativen Begleiterscheinungen des Kapitalismus verantwortlich gemacht wird. »Schaffendes Kapital« wird nicht als Teil kapitalistischer Produktion und moderner Entwicklung begriffen, sondern ihr als natürlich gegenübergestellt. Diese Wahrnehmung moderner Ökonomien ist kein Zufall, sondern lässt sich durch die Erscheinungsformen des Kapitalismus erklären. Das Wesen moderner Ökonomien untersuchte Karl Marx in der Kritik der Politischen Ökonomie. Grundlegend ist dabei seine Feststellung, dass Ware, Geld, Kapital usw. nicht einfach ökonomische Kategorien sind, die als objektive Kategorien dem gesellschaftlichen Handeln der Subjekte gegenüberstehen, sondern jeweils selbst ein gesellschaftliches Verhältnis beschreiben. Dinge treten demnach nicht von Natur aus in der Form von Waren auf, sondern nur deshalb, weil die Menschen sie als Waren in Beziehung zueinander setzen – also für den Tausch produzieren und tauschen, oder wie Marx schreibt: „Gebrauchsgegenstände werden überhaupt nur Waren, weil sie Produkte voneinander unabhängig betriebener Privatarbeiten sind“5. Auch die Tatsache, dass Dinge in dieser Gesellschaft einen »Wert« haben ist in dem besonderen gesellschaftlichen Verhältnis begründet, in dem sie produziert und getauscht wird. Es scheint aber so als wäre der Wert eine Natureigenschaft der Ware selbst. Marx nennt das den Warenfetisch. Menschen haben demnach notwendig ein falsches Bewusstsein von modernen Ökonomien. Nicht in dem Sinne, dass sie nicht wissenschaftlich das Wesen der Wirtschaft untersuchen könnten, aber dass die alltäglichen Erscheinungen des Kapitalismus nicht damit übereinstimmen. Dieser Fetisch führt dazu, dass der Kapitalismus zu einer zweiten Natur wird. Es scheint so, als würde das gesellschaftliche Verhältnis, das hinter der Ware steht, zur Natureigenschaft der Dinge, die als Waren auftreten. Ausdruck des Wertes einer Ware ist das Geld. In Form der Ware ist der Wert nicht sichtbar. Er ist abstrakt und nicht sinnlich wahrnehmbar. Erst wenn die Ware auf dem Markt getauscht wird, drückt sich der Wert in Geld aus und wird dadurch sichtbar.
Wenn die Rede von Antisemitismus als Abwehr gegen die Moderne ist, dann bleibt diese Abwehr innerhalb dieses fetischistischen Denkens verhaftet. Das gesellschaftliche Verhältnis, das hinter den Waren, dem Tausch und der Ausbeutung im Kapitalismus steckt ist nicht mehr sichtbar. Das Geld, die Zirkulationssphäre, die Börsen, Zinsen, etc. als Erscheinungsformen des Abstrakten, des Wertes und der Ausbeutung wird verantwortlich gemacht für Leid und Elend. Die Ware, ihr Produktionsprozess und Tausch, die eigentlich die „Elementarform“6 kapitalistischer Produktion sind, werden dem Kapitalismus als natürlich gegenübergestellt.

III.
Im Antisemitismus kommt es nun zu einer Assoziation des Geldes und der abstrakten Seite des Kapitalismus mit den Juden. Die historisch gewachsene Assoziation der Juden mit dem Geld und so mit der fetischistischen Vorstellung des Abstrakten in der Erscheinungsform des Geldes als Verursacher negativer Folgen kapitalistischer Vergesellschaftung führen zu einer Biologisierung des Kapitalismus. Anstatt sich Geld und beispielsweise Finanzmärkte als Erscheinungsformen des Kapitalismus zu erklären, werden die Juden für das Abstrakte als Verursacher von Armut, Kriegen und Krisen verantwortlich gemacht. Die Abschaffung des Kapitalismus wird gleichgesetzt mit der Abschaffung der Juden. Die Biologisierung oder Ethnisierung des Sozialen bedeutet hier, dass der Prozess der kapitalistischen Vergesellschaftung über den Wert zur biologischen Eigenschaft der Juden gemacht wird. Die Zuschreibungen an Juden in Bezug auf Erscheinungsformen moderner Ökonomien sind dementsprechend die einer machtvollen, unfassbaren internationalen Verschwörung7, einer „mysteriöse[n] Unfaßbarkeit, Abstraktheit und Universalität“8. Der Antisemitismus erfüllt also eine bestimmte Funktion: Er erklärt die leidvollen Erscheinungsformen kapitalistischer Vergesellschaftung. Dabei ist erst einmal grundlegend eine bestimmte Wahrnehmung bzw. Deutung der Welt notwendig (die durch die Gesellschaft selbst aber schon nahegelegt wird) und dann eine Assoziierung der vermeintlichen Ursachen mit den Juden.

IV.
„Wenn es keinen Juden gäbe, der Antisemit würde ihn erfinden“ schrieb Jean-Paul Sartre in Zur Judenfrage9. Wer Opfer im Antisemitismus ist, scheint beliebig zu sein. Der Antisemitismus ist demnach eine Sache die mit dem Antisemiten zu tun hat und nicht mit den Jüd*innen. Der Antisemitismus speist sich nicht aus Erfahrungen mit realen Juden, aber aus Erfahrungen mit der Gesellschaft. Anzunehmen ist demnach, dass prinzipiell jeder die Funktion eines Juden einnehmen kann. Nun ist es zwar willkürlich, dass die Juden Opfer des Antisemitismus werden, aber keineswegs zufällig. Die Identifikation der Juden mit dem Geld und der Zirkulationssphäre findet ihren Ursprung schon in religiösen Mythen und gesellschaftlicher Stigmatisierung in vorkapitalistischen Gesellschaften. Sie hat sich tradiert und sich auch in modernen Gesellschaften durchgesetzt. „Die Juden hatten die Zirkulationssphäre nicht allein besetzt. Aber sie waren allzu lange in sie eingesperrt, als daß sie nicht den Haß, den sie seit je ertrugen, durch ihr Wesen zurückspiegelten.“10 Prinzipiell könnte aber auch eine andere Gruppe zur Projektionsfläche fetischistischer Wahrnehmungen moderner Gesellschaft werden.

V.
Gleichermaßen wie der Antisemitismus, ist die Abwertung von Muslimen als Ressentiment zu verstehen. Es ist insofern irrational, als dass die Muslime, wie sie sich im antimuslimischen Ressentiment vorgestellt werden, nicht real sind, sondern dass sie nach diesem ressentimentbeladenen Bild als Negativ zum Bild der Eigengruppe konstruiert werden. Ebenso wie im Antisemitismus baut die Konstruktion »des Muslims«, auf tradierten Bildern, wie etwa dem Orientalismus und Erzählungen der Kolonialgeschichte auf. Gesellschaftliche Erfahrungen der Mehrheitsgesellschaft werden durch eine Kulturalisierung des Sozialen in dem Bild des Muslims verarbeitet.

VI.
Die Eigenschaften, die den Muslimen unterstellt werden, sind aber ganz andere, als die im Antisemitismus. Von der Assoziation der Muslime mit dem Geld oder der Zirkulationssphäre kann nicht die Rede sein. Im Folgenden beziehe ich mich auf Ergebnisse von Studien, die Farid Hafez über den antimuslimischen Diskurs rechtspopulistischer Parteien in Österreich gemacht hat, die, denke ich, auch auf die Rechte in der BRD übertragbar sind.

a) Die Studien von Farid Hafez zeigen, dass das Geschlechterverhältnis einen zentralen Stellenwert in der Wahrnehmung des Islams und von Muslimen im Allgemeinen hat. Die Rolle der Frau wird als entscheidendes Unterscheidungskriterium zwischen der Eigengruppe und den Muslimen als Fremdgruppe angeführt. Diese Vorstellungen kulminieren in dem Stereotyp der konservativen, islamischen Großfamilie, in der eine klassische Geschlechterordnung und ein starker Zusammenhalt herrschen. Die Eigengruppe wird als Gegenteil davon konstruiert. Der Westen gilt als offen für verschiedene Familienformen, in denen eine von Sexismus emanzipierte Rollenverteilung herrscht und steht für ein starkes Individuum, welches nicht vom Kollektiv – der Familie – wie im vermeintlichen Islam kontrolliert und unterdrückt wird. Die FPÖ nennt in ihrem Wahlprogramm mit der „Missachtung der Gleichstellung von Mann und Frau“ einen Grund, weshalb die islamische Kultur in Österreich vermeintlich nicht integrierbar wäre11.

b) Heinz-Christian Strache, Bundesparteiobmann der FPÖ schreibt in einer Pressemitteilung, der Islam als Religion sei nicht nur eine Religion, sondern ein „autoritäres Rechts- und Gesellschaftssystem und eine politische Anschauung mit eigenen Gesetzen für die Gläubigen“12. Dem Westen wird demgegenüber eine Trennung von Kirche und Staat attestiert. Religiöse Symbole, wie etwa das Kopftuch, werden dabei als politische Symbole betrachtet und sollen als solche verboten werden. Das Kopftuchverbot scheint somit gar keine Frage der Religionsfreiheit zu sein13. Dabei wird ein Bild des Islams vertreten, das mit dem Islambild dschihaddistischer und islamistischer Gruppen identisch ist. Der Vorwurf, der Islam sei nicht säkularisierbar, ist durchaus widersprüchlich, da gleichzeitig eine „Religionisierung“14 des profanen antimuslimischen Diskurses stattfindet. Selbst nichtgläubige Angehörige der Mehrheitsgesellschaft konstruieren eine christlich-abendländische Kultur, in der sie sich bewusst auf das Christentum als eigene Identität beziehen. Säkularisierungstendenzen in der Mehrheitsgesellschaft (z.B. das Verbannen von Kreuzen aus Schulen, Diskussionen über schulischen Religionsunterricht oder Kirchenbesuche mit der Schule) werden als Verdrängung der eignen Identität empfunden und der Islamisierung angeschuldet. Hier wird der diskriminierende Impetus deutlich. Es geht zumindest einem Strache eigentlich gar nicht um Säkularisierung, da eine Verbindung zwischen christlicher Kirche und dem Staat als zu verteidigen gilt. Das natürlich aus einer linken Perspektive die leider sehr marginalen Sekularisierungstendenzen im Islam wünschenswert sind steht dabei außer Frage.

c) Die vorher beschriebenen Linien, an denen die Mehrheitsgesellschaft das eigene Kollektiv gegen das der Muslime abgrenzt und anhand derer die eigene Identität konstruiert wird, kulminieren in einem Gesamtbild: Muslime seien rückschrittlich, archaisch, wild, unzivilisiert und gegen Aufklärung15. Die Aufklärung wird dabei – entgegen ihrem Selbstverständnis – nicht als etwas universell Menschliches, sondern als etwas Christlich-Europäisches verstanden. Demokratie, Freiheit, Aufklärung, Moderne, Emanzipation werden zu Wesenseigenschaften westlicher Kulturen erklärt, die die Muslime niemals erreichen können. Gleichzeitig zeigt sich, dass gerade diejenigen Parteien, die am meisten gegen den »rückschrittlichen« Islam polemisieren, am ehesten für eine klassische Verteilung der Geschlechterrollen, gegen eine Säkularisierung der Mehrheitsgesellschaft, für eine Unterordnung des Individuums unter das Kollektiv und einen autoritären Staat werben16.

d) Muslime sind besonders stark von sozialer und ökonomischer Desintegration betroffen, beispielsweise durch Arbeitslosigkeit17. Sarrazin etwa unterstellt, die Arbeitslosigkeit sei verursacht von der vererbten Bildungsferne von Muslimen18. Erscheinungsformen der modernen Ökonomie wie Armut und soziale Ungleichheit sowie die verstärkte soziale und ökonomische Desintegration von Muslimen, werden zum Wesen des Islams oder der Muslime erklärt, damit Naturalisiert und der Sphäre des Gesellschaftlichen entzogen. Was hier vorliegt, ist die Erweiterung einer klassistischen Zuschreibung – wonach Armut nicht als soziales Verhältnis, sondern als genuine Eigenschaft einzelner Menschen verstanden wird – um eine Ethnisierung. Demnach haben Muslime aufgrund ihres Muslim-seins die Eigenschaft arm zu sein. Die Tatsache, dass Armut und soziale Ungleichheit immanenter Bestandteil des Kapitalismus sind, wird dabei verschleiert. Genauso wird verschleiert, dass prinzipiell jeder von Armut betroffen sein könnte, und dass Muslime aufgrund einer diskriminierenden Segregation mit größerer Wahrscheinlichkeit davon betroffen sind.

VII.
Im antimuslimischen Ressentiment tauchen Muslime als Verlierer in der Ökonomie auf – als arm und wirtschaftlich unterentwickelt. Außerdem wird ihre Kultur als antimodern, kollektivistisch und archaisch wahrgenommen, positiv gewendet als natürlich, unvermittelt, authentisch. Die Konstruktion des Selbst als Negativ dazu: fortschrittlich, individualistisch, aufklärerisch, modern, wirtschaftlich erfolgreich und wohlhabend. Die Fremd- und Selbstwahrnehmung im antimuslimischen Ressentiment funktioniert also konträr zu antisemitischen Zuschreibungen.
Für die Bestimmung des Verhältnisses von Antisemitismus und antimuslimischem Ressentiment ist vor allem die Verankerung der Idee der Vernichtung im Antisemitismus zentral. Die Idee der Auslöschung ist seit seiner Entstehung im 19. Jahrhundert im modernen Antisemitismus angelegt.
„Für die Faschisten sind die Juden nicht eine Minorität sondern die Gegenrasse, das negative Prinzip als solches; von ihrer Ausrottung soll das Glück der Welt abhängen.[…][Diese These] ist wahr, in dem Sinn, dass der Faschismus sie wahr gemacht hat. Die Juden sind heute die Gruppe, die praktisch wie theoretisch den Vernichtungswillen auf sich ziehen, den die falsche gesellschaftliche Ordnung aus sich heraus produziert. Sie werden vom absolut Bösen als das absolut Böse gebrandmarkt. So sind sie in der Tat das auserwählte Volk. Während es der Herrschaft ökonomisch nicht mehr bedürfe, werden die Juden als deren absolutes Objekt bestimmt, mit dem bloß noch verfahren werden soll.(…); die Neger will man dort halten wo sie hingehören, von den Juden aber soll die Erde gereinigt werden, und im Herzen aller prospektiven Faschisten aller Länder findet der Ruf, sie wie Ungeziefer zu vertilgen, Widerhall“19.

Die Juden werden nicht als eine Minderheit, sondern als das Antivolk konstruiert, welches die gesamte Menschheit bedroht. Ein wichtiges Bild dabei ist das der jüdischen Weltverschwörung – deren Ziel es ist, die ganze Welt zu unterjochen. Aus diesem imaginierten Bedrohungsszenario heraus resultiert der Vernichtungswille. Der Feind der Menschheit soll in Gestalt der Juden vernichtet werden. Über Antisemitismus reden bedeutet also auch immer, Auschwitz als dessen Konsequenz mitzudenken. An die Vorstellung der Juden als Antivolk knüpft Klaus Holz mit der Theorie des Dritten an. Demnach ist ein „wesentliches und generelles Merkmal des Antisemitismus eine dreigliedrige Struktur“20. An erster Stelle steht die Wir-Gruppe, eine stets „partikulare Gruppe, die in aller Regel als Volk, Rasse und/oder als Religionsgemeinschaft konzipiert wird“21. Als Negativ der Wir-Gruppe wird eine ebenso partikulare Gegengruppe konstruiert. Den Deutschen werden zum Beispiel die Franzosen, den Ariern die Slawen, den Muslimen die Christen gegenüber gestellt. Zwischen den Gegensatzpaaren sind meist zeitgenössische Rivalitäten und/oder Konkurrenz festgeschrieben. Mit dem Antisemitismus kommt allerdings die Figur des Dritten ins Spiel. Die Juden werden darin nicht einfach als das Kollektiv der Anderen gedeutet. Die Juden werden schlichtweg nicht als Franzosen, Slawen oder Christen angesehen, sondern als eine Macht, die fremdartig und unvereinbar mit der Vorstellung einer Gemeinschaft ist. Gemeinschaft ist innerhalb der Eigen- und Fremdkonstellation positiv konnotiert. Die Juden seien nicht fähig eine Gemeinschaft zu bilden und werden auf Grund dessen als Antikollektiv konzipiert. Sowohl Adorno und Horkheimer als auch Klaus Holz unterscheiden hier demnach Antisemitismus von anderen Formen des Rassismus und des Ressentiments. Im Antisemitismus stellen die Juden eben das Dritte, ganz andere dar, das nicht als Kollektiv im Sinne des Eigen- und Fremdkollektivs gedacht wird.

VIII.
Was die Neue Rechte über Muslime sagt und die Stereotype, die im Alltagsdiskurs auftauchen, unterscheiden sich eigentlich nicht. Auch der Antisemitismus ist seiner Logik nach ein gesamtgesellschaftliches Problem, über das Milieu rechtspopulistischer Parteien und ihrer Wähler hinweg. Das zeigen auch Umfragen zu dem Thema22. Aber es ist offensichtlich, dass jene Parteien ihre Wählerschaft zentral über antimuslimische Hetzte mobilisieren. Auch eine fetischistische Darstellung von Wirtschaft und Politik ist für diese neue Rechte Mobilisierung zentral, wie Johannes in seinem Artikel in dieser Ausgabe zeigt.
Die Verbreitung von Ressentiments in der Mehrheitsgesellschaft hat sich durch die neuen rechten Bewegungen nicht besonders stark verändert, beziehungsweise scheinen diese Ressentiments schon immer ein Aspekt kapitalistischer Moderne gewesen zu sein. Neu ist aber die zunehmende politische Mobilisierung dieser Ressentiments. Ihr Stellenwert in der politischen Überzeugung der Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft ist gestiegen. Das gilt sowohl für antimuslimische Ressentiments als auch zumindest für eine durch Ressentiments strukturierte Wahrnehmung bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaften. Andere Konflikte, wie etwa Klassenkonflikte, in denen gesellschaftliche Erscheinungsformen und die Erfahrungen der Einzelnen ganz anders auftauchen und gedeutet werden, treten in den Hintergrund oder werden sogar geleugnet. Neurechte Bewegungen sind im Begriff über Ressentiments die Deutungshoheit über die Erfahrungen, die die Menschen in dieser Gesellschaft machen, zu erlangen.

Franzi ist schon seit vielen Jahren bei den Falken aktiv, neuerdings in Thüringen. Sie findet Religionskritik ist Grundlage jeder Kritik.

  1. Vor allem sind hier die Wissenschaftler vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung rund um Wolfgang Benz gemeint. Vom Zentrum für Antisemitismusforschung wird die These, der gegenwärtige Rassismus gegen Muslime würde den Antisemitismus der klassischen Moderne ablösen, dominant vertreten. [zurück]
  2. Jean-Paul Sartre (1979): Drei Essays (Frankfurt/M.: Ullstein), 110. [zurück]
  3. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno (1969): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch), 177. [zurück]
  4. Unter anderem Goebbels benutzte diese Begriffe im Kleinen ABC des Nationalsozialisten 1925. Er unterteilt in „unmittelbar schaffendes, produktives Kapital“ und das „Börsenkapital“ als „kein schaffendes, sondern ein schmarotzerisch-raffendes Kapital“ [zurück]
  5. Karl Marx (1962): Das Kapital Bd. 1, Marx-Engels-Werke 23 (Berlin: Dietz ), 87. [zurück]
  6. ebd.: 49 [zurück]
  7. vgl. Moishe Postone (2005): Antisemitismus und Nationalsozialismus, in Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen, Hrsg.: ders. (Freiburg: ça ira-Verlag), 181. [zurück]
  8. ebd. [zurück]
  9. Jean-Paul Sartre (1979): Drei Essays, 111. [zurück]
  10. Horkheimer und Adorno (1969): Dialektik der Aufklärung, 183. [zurück]
  11. vgl. Farid Hafez (2010): Islamophobie und die FPÖ im Jahr 2009, in Jahrbuch für Islamophobieforschung 2010. Deutschland – Österreich – Schweiz, Hrsg.: ders. (Innsbruck: StudienVerl.), 70. [zurück]
  12. vgl. Farid Hafez (2010): Islamophober Populismus. Moschee- und Minarettbauverbote österreichischer Parlamentsparteien (Wiesbaden: VS Ver. für Sozialwis. / GWV), 131. [zurück]
  13. vgl. ebd.: 147. [zurück]
  14. Hafez (2010) Islamophobie und die FPÖ, 64. [zurück]
  15. Hafez (2010): Islamophober Populismus, 172. [zurück]
  16. vgl. ebd.: 93ff./135. [zurück]
  17. Naika Foroutan (2012): Muslimbilder in Deutschland. Wahrnehmungen und Ausgrenzungen in der Integrationsdebatte: Expertise im Auftrag der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung (Bonn: Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung), 38. [zurück]
  18. vgl. ebd.: 41; Anzumerken ist auch, dass bei dieser Personengruppe ein höherer Bildungsabschluss nicht einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt bedeutet. [zurück]
  19. Horkheimer und Adorno (1969): Dialektik der Aufklärung, 177. [zurück]
  20. Klaus Holz (2005): Die Gegenwart des Antisemitismus. Islamistische, demokratische und antizionistische Judenfeindschaft (Hamburg: Hamburger Edition), 30. [zurück]
  21. ebd. [zurück]
  22. Zum Beispiel die Studien von Oliver Decker et al. 2010 („Die Mitte in der Krise“) und 2012 („Die Mitte im Umbruch“) [zurück]