Antisemitismus und die neue völkische Bewegung

Unser Autor Johannes Hohaus ist in der ersten Ausgabe des ThUg Magazine #1: Nein? – Doch! – Ohh. Erstarken der radikalen Rechten in Deutschland und Europa dem Antisemitismus in der neuen völkischen Bewegung nachgegangen.

Antisemitismus und die neue völkische Bewegung
von Johannes Hohaus

„Überall dort, wo man eine bestimmte Art des militanten und exzessiven Nationalismus predigt, wird der Antisemitismus gleichsam automatisch mitgeliefert“1.

In ganz Europa erstarken als rechtspopulistisch bezeichnete, vor allen Dingen aber völkisch-nationalistische Bewegungen und Parteien, deren Markenkern eine vorwiegend gegen die in Europa lebenden Muslime gerichtete Fremdenfeindlichkeit zu sein scheint. Diese antimuslimischen Ressentiments erinnern dabei an klassisch rassistische Vorstellungen und sind speziell in Deutschland ein Ausdruck der weitverbreiteten völkisch geprägten „Überfremdungsangst“. Die Konjunktur dieser ressentimentgeladenen Befindlichkeit verweist auf einen Veränderungsprozess innerhalb der europäischen Rechten, die die mehrheitstaugliche Hetze gegen Muslime als Vehikel benutzt, um endlich aus der Schmuddelecke des »Rechtsextremismus« zu kommen2. Während selbst neofaschistische Parteien, wie die ungarische Jobbik, die keinen Hehl aus ihrem affirmativen Verhältnis sowohl zum historischen Faschismus als auch zum gegenwärtigen Islamismus machte, um eine ideologische Neuausrichtung bemüht sind3, lassen sich in Westeuropa mit einer derartigen öffentlichen Positionierung schon längst keine großen Erfolge mehr erzielen. Vergleichsweise erfolgreiche rechte Parteien im Westen Europas, wie der Front National oder auch die Alternative für Deutschland (AfD), setzen dementsprechend schon seit einer Weile auf eine partielle Modernisierung. Jene selbsternannten Retter des Abendlandes wollen nicht mehr extrem rechts sein, sondern inszenieren sich vielmehr aus einer kulturalistischen Sicht als Verteidiger von Menschenrechten und Demokratie.
In gleicher Weise scheint auch eine Ausdifferenzierung in der Artikulation antisemitischer Ressentiments zu bestehen. Während Jean-Marie Le Pen und Jörg Haider jahrzehntelang einen offenen Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus pflegten, verfolgen ihre Parteien heute eine Strategie der »Entteufelung« (dédiabolisation)4. Der nicht mehr ganz so »Neuen Rechten« dient die öffentlichkeitswirksame Distanzierung vom Antisemitismus vor allem als strategische Abgrenzung zum Neofaschismus und Neonazismus, um sich auf diesem Wege als modernisierte, vom historischen Ballast der faschistischen bzw. nazistischen Vergangenheit befreite demokratische Rechte zu profilieren5. In die gleiche Richtung verweisen die vermeintlich israelfreundlichen Äußerungen deutscher und europäischer »Rechtspopulisten«, die den jüdischen Staat jedoch nur als einen Bündnispartner im Abwehrkampf, den das »Abendland« gegen »den Islam« zu führen habe, verstehen. Sie instrumentalisieren Juden und Israel, um die eigenen fremdenfeindlichen Positionen zu legitimieren. Dabei berufen sie sich sogar auf eine sogenannte »christlich-jüdische Abendlandkultur«, um sich damit von den vermeintlich konträren kulturellen Vorstellungen »des Islam« abzugrenzen und sich von vornherein gegen Antisemitismusvorwürfe zu immunisieren. Es mag daher kaum überraschen, dass Antisemitismus etwa in den Verlautbarungen der AfD nahezu vollständig „muslimischen Immigranten“6 angelastet wird. Doch so real die Existenz eines islamisierten Antisemitismus ist, so verlogen ist es, wenn er ausgerechnet von deutschen Völkischen angeprangert wird.
Die ideologische Modernisierung der völkisch-nationalistischen Bewegung bedeutet aber nicht, wie selbst vom ehemaligen Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung behauptet7, dass sie den Antisemitismus einfach durch Hetze gegen Muslime ersetzt hätte: Muslime sind nicht »die neuen Juden«. Obwohl das antimuslimische Ressentiment durchaus Elemente einer Verschwörungsideologie beinhaltet, käme kein Moslemhasser auf die Idee, »die Muslime« wären in der Lage, die internationale Finanzwelt zu kontrollieren. Dafür bedarf es, wie noch zu zeigen sein wird, auch weiterhin antisemitischer Vorstellungen, die einen ideologischen Kernbestand des völkischen Nationalismus und seiner Mobilisierung in Europa darstellen. Dieser, besonders in Deutschland geschichtsmächtig gewordene, völkische Nationalismus unterscheidet sich von einem westlichen Nationalismus, wie ihn England und Frankreich repräsentierten, da er die Nation nicht als Vereinigung von Staatsbürgern deutet, sondern als eine ethnisch-homogene Volksgemeinschaft. Seine ideologischen Wurzeln reichen bis in die Zeit der antinapoleonischen Befreiungskriege und des Kaiserreiches zurück und wurden schließlich auch in der sogenannten »Konservativen Revolution« breit rezipiert, die gemeinhin als Wegbereiter für den Nationalsozialismus gilt8. Das ideologische Wesen des völkischen Denkens war von einer Verflechtung nationalistischer und antisemitischer Motive gekennzeichnet. Das nationale Selbstverständnis als Volksgemeinschaft wurde wesentlich durch die Abgrenzung von denen, die als Juden vorgestellt wurden, bestimmt9. »Die Juden« wurden als einzige Gruppe außerhalb der nationalen Ordnung der Welt dargestellt und zum Gegenprinzip der Nation schlechthin stilisiert. An diese ideologische Traditionslinie knüpft auch die »Neue Rechte« in Deutschland an. Um die Rolle des Antisemitismus in den neuen völkischen Bewegungen näher zu bestimmen, bedarf es eines kritischen Blickes auf einige Akteure dieses Spektrums.

Die Vordenker
Die Junge Freiheit (JF), die als das zentrale Publikationsorgan der »Neuen Rechten« gilt, feierte 2016 ihren 30. Geburtstag. Im Gegensatz zu den meisten anderen deutschen Zeitungen hat die JF in den vergangenen Jahren kontinuierlich an Auflage gewonnen (die verkaufte Auflage betrug im dritten Quartal 2016 28.675 Exemplare10). Trotz einer gewissen Mäßigung und der Selbstdarstellung als »konservativ« ist die Wochenzeitung bis heute völkisch ausgerichtet und glorifiziert eine wie auch immer geartete „nationale Identität“11. Um sich nicht dem Verdacht des Antisemitismus auszusetzen, verfolgt auch die JF die Strategie der Distanzierung. Bereits 2002 sprach der Chefredakteur Dieter Stein in Bezug auf Behauptungen, die JF sei eine antisemitische Zeitung, von „Verleumdung und Rufmord“12. Dem ungeachtet ist die Existenz von Antisemitismus in der JF erkenn- und nachweisbar. In einer diskursanalytischen Studie konnte die Politologin Regina Wamper zeigen, wie die Zeitung antisemitische Argumentationsmuster vor allem durch die Verknüpfung von völkisch-nationalistischen Elementen mit traditionell-christlichen Versatzstücken transportiert, so gehöre zur ethnischen Homogenität auch die religiöse Homogenität13. Auch Titel wie Norman Finkelsteins Holocaust-Industrie wurden als „befreiend“15 gelobt, der Begriff des »Schuldkultes« gehört zum Standardrepertoire des Blattes und seiner Leser. Die antisemitischen Entgleisungen von Martin Hohmann, der in einer Rede zum Tag der Deutschen Einheit über die Juden als »Tätervolk« gesprochen hatte und heute nicht zufälligerweise für die AfD im Fuldaer Kreistag sitzt, galten der JF als heldenhafte Tat.
Doch seit 2013 tut sich innerhalb der »Neuen Rechten« ein Graben auf, der sich auch in der inhaltlichen Ausrichtung der Zeitung bemerkbar macht, die im Laufe ihrer Existenz schon mehrere ideologische Häutungen durchlaufen hat. Verkürzt gesagt setzt die JF unter Dieter Stein mehr auf die Beeinflussung des demokratisch-konservativen Milieus und ist dafür zu programmatischen Zugeständnissen bereit. Erst kürzlich bedauerte die Chefredaktion öffentlich eine positive Besprechung des Buches Der grüne Kommunismus und die Diktatur der Minderheiten des baden-württembergischen AfD-Abgeordneten Wolfgang Gedeon und löschte den Beitrag aus dem Archiv, da es „Bezug auf die als antisemitische Fälschung bekannten ‚Protokolle der Weisen von Zion‘“16 nehme. Demgegenüber bemüht sich das Lager um Götz Kubitschek, einst Redakteur bei der JF und heute einer der maßgeblichen Akteure der »Neuen Rechten« und Stichwortgeber der völkischen Identitären Bewegung, stärker um die Festigung der ideologischen Basis. Während die Junge Freiheit als inoffizielles Parteiblatt der AfD mit dem zweiten AfD-Bundesvorsitzenden Jörg Meuthen eine Art Ersatz-Lucke gefunden hat, pflegt Kubitschek mit dem ostdeutschen Flügel der Partei einen regen Austausch17. Zusammen mit Karlheinz Weißmann gründete Kubitschek im Jahr 2000 das Institut für Staatspolitik, seit 2002 ist er Geschäftsführer des in Sachsen-Anhalt ansässigen Verlags Antaio und seit 2003 außerdem verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Sezession und Betreiber des später hinzugekommenen Blogs Sezession im Netz. Im Jahr 2015 trat er als Redner bei Demonstrationen von Legida und Pegida auf.
Aus seiner ideologischen Gesinnung macht Kubitschek kein Geheimnis. Im April 2014 schrieb er in einem Brief an den Soziologen Armin Nassehi: Im „Ernstfall“ zähle eben nur die Frage: „Teil unseres Volkes“ oder eben nicht. Im drohenden Zusammenbruch werde sich jeder sofort daran erinnern, „wer »Wir« ist und wer »Nicht-Wir«“. „Die Gruppenexistenz des „Wir“ im nationalen und damit auch ethnisch gebundenen Sinn“, schreibt er weiter, sei für ihn „unhintergehbar“18. In einem auf der Website der Sezession veröffentlichten Briefwechsel mit dem Philosophen und stellvertretenden Sprecher der AfD in Baden-Württemberg, Marc Jongen, sprach Kubitschek davon, dass es im Fall Wolfgang Gedeon „um tabubewehrte Zonen wie die weltgeschichtliche Bedeutung des Judentums, des Zionismus oder der Holocaustindustrie“ gehe. Die AfD habe sich in der Causa Gedeon von „selbsternannten Beratern mit weltanschaulichem Hygienefimmel“ beeinflussen lassen19.
Gemeinsamkeiten findet Kubitschek auch beim Chefredakteur des Compact-Magazins, Jürgen Elsässer, mit dem er 2015 das Sammlungs- und Vernetzungs-Projekt Ein Prozent für unser Land gründete. Elsässers völkisches Querfrontorgan Compact avanciert mittlerweile zu einem neuen Sprachrohr der »Gida«-Bewegung. Dabei werden in einer Vielzahl der Artikel antisemitische Denk- und Argumentationsmuster aufgerufen und reproduziert20. Dass es vor allem der Antisemitismus ist, der als kleinster gemeinsamer Nenner gegensätzlicher politischer Strategien fungiert, zeigt schon die Selbstdarstellung des Magazins, in der es unverblümt heißt: „Wer vom ‚Zionismus‘ nicht reden darf, muss auch vom Faschismus schweigen“21. Der Chefredakteur selber verpackt seine antisemitische Rhetorik als deformierten Antikapitalismus, der die Funktionsweise der Tauschgesellschaft, die ohne die Aufspaltung ihrer Subjekte in Kapitalisten und Lohnarbeiter nicht funktionieren würde, nicht nur verkennt, sondern auch leugnet und stattdessen eine Einteilung in ein gutes »schaffendes« Kapital und ein böses »raffendes« Kapital vornimmt. „Hier die 99 Prozent der Ehrlichen und Arbeitenden – und dort das eine Prozent der internationalen Finanzoligarchie“, schreibt er, nennt die Namen Rockefeller, Rothschild, Soros, Chodorkowski und fragt scheinheilig: „Warum sollte das antisemitisch sein?“. Ganz in einem antisemitischen Weltbild verhaftet erscheinen „die Juden“ als das personifizierte „Verbrechen“, die „nur einem einzigen Götzen, nämlich dem kalten Mammon“ huldigen22. Die Trennung des Kapitalismus in einen »schaffenden« und »raffenden« Sektor war bereits für die NS-Ideologie elementar und ist nach wie vor Ausdruck eines strukturellen Antisemitismus, der die unpersonale Herrschaft von Markt und Kapital als persönliche Herrschaft bösartiger Menschen phantasiert23.

AfD, Pegida & Co
Auch innerhalb der AfD ist die Vorstellung einer deutschen Abstammungsgemeinschaft durchaus verbreitet. Es herrscht die verschwörungsideologische Vorstellung vor, dass wenige, sehr mächtige Personen und Eliten gegen einen vermeintlichen homogenen Volkswillen agieren. Diese Ideologie ist stark antisemitisch aufgeladen. Auch wenn aktuell der Kampf gegen eine imaginierte »Islamisierung« Vorrang hat, ist der Antisemitismus längst fester Bestandteil der AfD. Prominentes Beispiel ist der bereits angesprochene Wolfgang Gedeon, der in seiner dreibändigen Monographie Christlich-europäische Leitkultur. Die Herausforderung Europas durch Säkularismus, Zionismus und Islam von den „Geheimmächten“ einer „freimaurerisch-zionistischen Weltverschwörung“ schwadroniert24. Und dies ist nicht die einzige derartige Passage in seinem „persönlichen Meisterwerk“. In einem Artikel für die Junge Freiheit hat sogar der AfD-„Parteiphilosoph“ Marc Jongen den Vorwurf des Antisemitismus gegen Gedeon bestätigt25. Dass ihn der offenkundige Antisemitismus Gedeons vor allem aus taktischen Erwägungen stört, bezeugt er in dem erwähnten Briefwechsel mit Kubitschek: „Ich möchte weiterhin die heuchlerischen politischen Instrumentalisierungen des Holocaust kritisieren können, ich möchte nicht schweigen müssen, wenn unsere Bundeskanzlerin die Torheit begeht, die Verteidigung des Staates Israel zur Staatsraison Deutschlands zu erklären“26.
Gedeons antisemitische Obsession ist kein Einzelfall, sondern eher Normalzustand im völkischen Flügel der AfD. Dem thüringischen AfD-Vorsitzenden Björn Höcke etwa dient die Abgrenzung vom Judentum zur Bestimmung einer vielbeschworenen »nationalen Identität« im völkischen Sinne, zu der Juden als nicht zugehörig definiert werden. Auf einer Veranstaltung der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative (JA) wandte er sich mit den Worten „Christentum und Judentum stellen einen Antagonismus dar“ gegen die Rede vom „christlich-jüdischen Abendland“27. Im Rahmen einer Kampagne gegen den Bau einer Moschee in Erfurt äußerte er sich gegenüber einem Fernsehsender: „Wenn orthodoxe Juden zu Tausenden einwanderten, hätten wir das Problem auch“28. Bei einer AfD-Demonstration in Erfurt am 16. März 2016 bediente Höcke einen regressiven Antikapitalismus, der mit strukturellem Antisemitismus einhergeht, da auch hier die Unterscheidung zwischen »raffendem« und »schaffendem« Kapital mitschwingt: Es sei für ihn unerträglich zu sehen, „dass Menschen von ihrer Hände Arbeit nicht mehr leben können“. Schuld daran sei ein „real existierender Kasinokapitalismus“, der „Geld aus dem Nichts schafft, der den Mittelstand zerstört und der ganze Staaten in die Schuldenfalle lockt“. Dieser „Kasinokapitalismus“, so Höcke weiter, „darf nicht das Ende der Weltgeschichte sein – und er wird es nicht sein!“29. Bereits 2014 sprach er in einem Interview mit der Thüringischen Landeszeitung davon, dass der „internationale Finanzkapitalismus“ zugunsten einer „organische[n] Marktwirtschaft“ überwunden werde müsse30.
Darüber hinaus sprechen für den Soziologen Andreas Kemper deutliche Indizien dafür, dass Höcke zwischen 2011 und 2012, also kurz vor der Gründung der AfD, unter dem Pseudonym „Landolf Ladig“ für völkische Magazine Artikel verfasst hat31. In diesen Texten ist die Rede von einer Versöhnung sowohl der Ökonomie mit der Ökologie als auch von Menschen und Natur. Dies setze eine Abkopplung vom „zinsbasierten Kapitalismus“, eine Vokabel, die Höcke bereits 2008 in einem Leserbrief an die Junge Freiheit verwendete32, voraus, die erstmals im Nationalsozialismus geschehen sei, wo sich eine „Antiglobalisierungsbewegung staatlich etabliert“ hätte. Wären „ihr mehr Friedensjahre vergönnt gewesen“, hätte sie „wahrscheinlich allerorten Nachahmer gefunden“. Allerdings, so „Ladig“, hätten sich die „etablierten Machtzentren“ gezwungen gesehen, „zwei ökonomische Präventivkriege gegen das Deutsche Reich“ zu führen33.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Dresdner Gespräche der Jungen Alternative Dresden äußerte sich Höcke in seiner Rede am 17. Januar 2017 geschickt doppeldeutig zum Holocaust-Mahnmal in Berlin. „Wir Deutschen“, so Höcke, seien „das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“34. Dieser Satz kann zum einen bedeuten, dass es sich um ein Denkmal zur Erinnerung an eine Schande handelt, zum anderen kann damit aber auch ein schändliches Denkmal gemeint sein. In einer nachträglichen „persönlichen Erklärung“ behauptete Höcke, es sei ihm nur um die erste Bedeutung gegangen, denn er „habe den Holocaust, also den von Deutschen verübten Völkermord an den Juden, als Schande für unser Volk bezeichnet“35. In Dresden sprach er allerdings im weiteren Fortgang der Rede davon, dass „diese dämliche Bewältigungspolitik“ uns lähme und dadurch die deutsche Geschichte „mies und lächerlich gemacht“ würde. Was es stattdessen bräuchte, sei „nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad!“. Zudem bezeichnete er die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker von 1985 zum Gedenken an das Ende des Krieges am 8. Mai 1945 als „eine Rede gegen das eigene Volk“36. Damit reiht sich Höcke ein in die allzu bekannten Rufer nach einem Schlussstrich unter das Gedenken an die Shoa. Nicht zufällig beruft er sich auch in seiner persönlichen Erklärung auf Martin Walsers Friedenspreisrede vom 11. Oktober 1998, in der dieser die Befreiung der deutschen Gegenwart von der »Schande« der NS-Verbrechen forderte37.
Als außerparlamentarische Vorfeldorganisation und Durchlauferhitzer der AfD fungiert die Pegida-Bewegung in Dresden sowie ihre Ableger in anderen Städten, die es wie keine andere deutschnationale Bewegung seit 1945 vermochte, die völkisch-nationalen Ressentiments innerhalb der Gesellschaft zu mobilisieren. Die sogenannte »Gida«-Bewegung ist nicht nur fremdenfeindlich, sondern – trotz anderslautender Bekundungen – oft auch antisemitisch. Als der niederländische »Rechtspopulist« Geert Wilders, der mit einer ungarischen Jüdin verheiratet ist, bei seiner Pegida-Rede im April 2014 Israel als Bollwerk gegen den Islam bezeichnete, erntete er keinen Applaus, sondern vielmehr Irritation und Unverständnis, was die antisemitische Dimension dieser Bewegung offenbart. Auch wenn es vielen Anhängern möglicherweise nicht bewusst ist, ist der Topos vom »verratenen Volk«, von der »Meinungsdiktatur«, vom Untergang des »Abendlandes« und von der »Lügenpresse« klassischer Bestandteil des modernen Antisemitismus. Bei Demonstrationen von Legida in Leipzig schlug die ohnehin aus der NS-Propaganda entnommene Parole der „Lügenpresse“ in die offen antisemitische „Judenpresse“ um38. Auch antisemitische Verschwörungsideologien finden bei den Anhängern der »Gida«-Bewegung weite Verbreitung. So etwa die Vorstellung, dass Deutschland kein „souveränes Land“ sei, sondern die „Befehle aus Tel Aviv und Washington“ erhalte und die „USA von einer jüdischen Lobby“ regiert würden39.

Antisemitismus ist also weder als Thema noch als Einstellungspotential bei der neuen völkischen Bewegung verschwunden. Die antiwestlichen und antiliberalen Ressentiments von Seiten der sogenannten Rechtspopulisten sowohl gegen die transatlantischen Beziehungen als auch gegen die Europäische Union zeigen zudem, dass es mit der Neupositionierung bei den vermeintlichen Modernisierern gar nicht so weit her ist. Nicht zufällig gehören sie auch zu den eifrigsten Anhängern der politischen Agenda eines Wladimir Putin und Viktor Orbán, die nicht nur nationalistisch, sondern auch autoritär, antiwestlich und antiliberal ist. Im Kern teilt damit die »Neue Rechte« mehr mit dem islamistischen Fundamentalismus, als es den meisten Kulturkämpfern von Rechts lieb sein dürfte: Sie sind antimoderne Bewegungen der Moderne, die historisch gewachsen sind, sich teilweise an Modernisierungstrends angepasst haben und deren Antisemitismus allzu oft unthematisiert bleibt. In dieser Situation ist eine emanzipatorische Bewegung, die nicht nur die AfD und andere Rechte, sondern auch den islamischen Reaktionismus kritisiert, notwendiger denn je.

Johannes Hohaus lebt in Leipzig und engagiert sich gegen die Widrigkeiten dieser Gesellschaft im Bildungsverein »Parcours«

  1. Theodor W. Adorno (1962): Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute, in: Theodor W. Adorno – Gesammelte Schriften 20.1, Hrsg.: Rolf Tiedemann (Frankfurt am Main: Suhrkamp), 361. [zurück]
  2. Heribert Schiedel (2015): Rechtsextremismus in Europa – Europäischer Rechtsextremismus, http://www.projekt-entgrenzt.de/sites/default/files/attachments/Projekt_entgrenzt_Euro_Rex.pdf. [zurück]
  3. vgl. Boris Kálnoky (2016): Jobbiks neuer Kampf gegen den Islam, http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4923225/Ungarn_Jobbiks-neuer-Kampf-gegen-den-Islam. [zurück]
  4. vgl. Bernard Schmid (2014): Wie Marine Le Pen den Front National modernisierte, https://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/184221/wie-marine-le-pen-den-front-national-modernisierte. [zurück]
  5. vgl. Heiko Klare und Michael Sturm (2015): Taktische Solidarität. Rechtspopulistische und neonazistische Positionierungen um Antisemitismus, in: Kritik oder Antisemitismus. Eine pädagogische Handreichung zum Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus, Hrsg.: Amadeu-Antonio-Stiftung (Berlin: Amadeu-Antonio-Stiftung). [zurück]
  6. Georg Demaskiere (2016): Viele Einwanderer bringen auch ihr antisemitisches Weltbild mit, http://www.presseportal.de/pm/110332/3365533. [zurück]
  7. vgl. Wolfgang Benz (2013): „Feindbild der Juden durch Muslime ersetzt“ – Buchpräsentation, https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2013/44867985_kw20_lesung_morgenland/212454. [zurück]
  8. vgl. George L. Mosse (1991): Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus, (Meisenheim: Athenäum, Königstein & Hain). [zurück]
  9. vgl. Klaus Holz (2001): Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung (Hamburg: Hamburger Edition), 13. [zurück]
  10. vgl. Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (n.d.): JUNGE FREIHEIT, http://www.ivw.eu/aw/print/qa/titel/8020?quartal%5B20163%5D=20163#views-exposed-form-aw-titel-az-aw-az-qa. [zurück]
  11. vgl. Dieter Stein (2016): Identität als Schicksal, https://jungefreiheit.de/debatte/streiflicht/2016/identitaet-als-schicksal und Ders. (2015): Sehnsucht nach uns selbst, https://jungefreiheit.de/debatte/streiflicht/2015/sehnsucht-nach-uns-selbst. [zurück]
  12. Thorsten Thaler (2002): Pressemitteilung Berlin, den. 28.1.2002. Presseberichte über „Affäre Mettbach“ (Schill-Partei) / Kein NPD-Blatt / Pressesprecherin der GAL schrieb auch in der JF, http://www.jf-archiv.de/archiv02/042yy59.htm. [zurück]
  13. vgl. Regina Wamper (2008): Das Kreuz mit der Nation. Christlicher Antisemitismus in der Jungen Freiheit, (Münster: Unrast Verlag). [zurück]
  14. „14 [zurück]
  15. Hans-Jörg von Jena (2001): Offene Wunde. Zur Kontroverse um Norman Finkelsteins Buch „Die Holocaust-Industrie“, https://phinau.de/jf-archiv/archiv01/081yy06.htm. [zurück]
  16. vgl. Dieter Stein (2016): Junge Freiheit bedauert Rezension des Gedeon-Buchs. Pressemitteilung 23. Juni 2016, https://jungefreiheit.de/pressemitteilung/2016/junge-freiheit-bedauert-rezension-des-gedeon-buchs. [zurück]
  17. vgl. Lucius Teidelbaum (2016): 30 Jahre „Junge Freiheit“ – 30 Jahre Deutschnationalismus im Zeitungsformat, http://www.hagalil.com/2016/09/junge-freiheit/. [zurück]
  18. Götz Kubitschek (2014): Brief an Armin Nasseh vom 8.4.2014: https://krautreporter.de/1284—wiewohl-ich-skeptisch-bin-will-ich-wenigstens-in-dieser-weise-offen-sein. [zurück]
  19. Marc Jongen und Götz Kubitschek (2016): Der Fall Wolfgang Gedeon – ein Austausch zwischen Marc Jongen und Götz Kubitschek, http://www.sezession.de/54541/der-fall-wolfgang-gedeon-ein-austausch-zwischen-marc-jongen-und-goetz-kubitschek.html. [zurück]
  20. vgl. Kevin Culina und Jonas Fedders (2016): Im Feindbild vereint. Zur Relevanz des Antisemitismus in der Querfront-Zeitschrift Compact, (Münster: Edition Assemblage). [zurück]
  21. Jürgen Elsässer (2011): Was wir wollen, https://www.compact-online.de/was-wir-wollen/. [zurück]
  22. Jürgen Elsässer (2014): Elsässer auf der Montagsdemo: „Nicht links gegen rechts, sondern unten gegen oben!“, https://juergenelsaesser.wordpress.com/2014/04/22/elsasser-auf-der-montagsdemo-nicht-links-gegen-rechts-sondern-unten-gegen-oben/. [zurück]
  23. vgl. Moshe Postone (1991): Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch, http://www.krisis.org/1979/nationalsozialismus-und-antisemitismus/. [zurück]
  24. Wolfgang Gedeon (unter dem Pseudonym W. G. Meister) (2009): Christlich-europäische Leitkultur. Die Herausforderung Europas durch Säkularismus, Zionismus und Islam, Band 2: Über Geschichte, Zionismus und Verschwörungspolitik, (Frankfurt am Main: R.G. Fischer), 525. [zurück]
  25. vgl. Marc Jongen (2016): Nun sag, AfD, wie hast du’s mit dem Judentum?, https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2016/nun-sag-afd-wie-hast-dus-mit-dem-judentum/. [zurück]
  26. Marc Jongen und Götz Kubitschek (2016): Der Fall Wolfgang Gedeon – ein Austausch zwischen Marc Jongen und Götz Kubitschek, http://www.sezession.de/54541/der-fall-wolfgang-gedeon-ein-austausch-zwischen-marc-jongen-und-goetz-kubitschek.html. [zurück]
  27. vgl. Florian Kain (2015): Björn Höcke von der AfD soll nicht wieder unterrichten, http://www.bild.de/politik/inland/alternative-fuer-deutschland/lasst-diesen-afd-lehrer-nie-wieder-auf-kinder-los-43844200.bild.html. [zurück]
  28. vgl. Claus Peter Müller (2016): Das Leben der Ahmadiyya-Muslime in Erfurt, http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/das-leben-der-ahmadiyya-muslime-in-erfurt-14262531.html. [zurück]
  29. Björn Höcke (2016): Rede bei der AfD-Demonstration in Erfurt, https://www.youtube.com/watch?v=n1vN0_oAgos. [zurück]
  30. Björn Höcke (2014): AfD Kandidat Höcke im Interview: Drei-Kinder-Familie ist politisches Leitbild, http://www.tlz.de/web/zgt/suche/detail/-/specific/AfD-Kandidat-Hoecke-im-Interview-Drei-Kinder-Familie-ist-politisches-Leitbild-1702194881. [zurück]
  31. vgl. Andreas Kemper (2015): „… die neurotische Phase überwinden, in der wir uns seit siebzig Jahren befinden“. Die Differenz von Konservativismus und Faschismus am Beispiel der „historischen Mission“ Björn Höckes (AfD), (Jena: Rosa Luxemburg Stiftung Thüringen), 31-46. [zurück]
  32. vgl. Björn Höcke (2008): Leserbrief, https://phinau.de/jf-archiv/archiv08/200845103158.htm. [zurück]
  33. Landolf Ladig (2011): Deutsche Impulse über den Kapitalismus. Krisen, Chancen und Auftrag, in: Volk und Bewegung, 4. Jahrgang / Heft 5/2011, 6. [zurück]
  34. Björn Höcke (2017): Transkript der Rede von Björn Höcke vom 17. Januar 2017 im Ballhaus Watzke, http://pastebin.com/jQujwe89. [zurück]
  35. Björn Höcke (2017): Persönliche Erklärung von Björn Höcke vom 18. Januar 2017 zu seiner Dresdner Rede, https://www.facebook.com/Bjoern.Hoecke.AfD/photos/a.1424703574437591.1073741828.1424631334444815/1823115994596345/?type=3&theater. [zurück]
  36. Björn Höcke (2017): Transkript der Rede von Björn Höcke vom 17. Januar 2017 im Ballhaus Watzke, http://pastebin.com/jQujwe89. [zurück]
  37. vgl. Johannes Klotz und Gerd Wiegel (1999): Geistige Brandstiftung? Die Walser-Bubis-Debatte, (Köln: PapyRossa Verlag) und Micha Brumlik, Hajo Funke und Lars Rensmann (2000): Umkämpftes Vergessen: Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neue deutsche Geschichtspolitik, (Berlin: Schiler, H). [zurück]
  38. vgl. Olaf Sundermeyer (2015): Rechts liegen lassen, http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/22274. [zurück]
  39. Panorama (2014): Pegida: Die Interviews in voller Länge, http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2014/PEGIDA-ROH-2,panorama5344.html. [zurück]