Rezension: »Postnazismus revisited«

von Jan Schneider

Der Band »Postnazismus revisited« von Stephan Grigat (Hrsg.) ist die zweite, erweiterte und aktualisierte Auflage von »Transformation des Postnazismus. Der deutsch-österreichische Weg zum demokratischen Faschismus«. Der Text »Die Verhärtung der politischen Form. Das Kapital und die Zukunft des Faschismus am Ende der liberaldemokratischen Epoche« von Johannes Agnoli ist aufgrund von Urheberrechtsstreitigkeiten nicht mehr abgedruckt und auch »Anständiger Widerstand. Der patriotisch-politiksüchtige Protest gegen die demokratische Barbarei« fehlt, die restlichen Texte wurden überarbeitet. Hinzu kamen drei Beiträge von Stephan Grigat, Clemens Nachtmann und Gerhard Scheit.

„Der Nationalsozialismus lebt nach, und bis heute wissen wir nicht, ob bloß als Gespenst dessen, was so monströs war, dass es am eigenen Tode noch nicht starb, oder ob es gar nicht erst zum Tode kam; ob die Bereitschaft zum Unsäglichen fortwest in den Menschen wie in den Verhältnissen, die sie umklammern.“4

Das Buch widmet sich, wenn die Autoren nicht gerade ihr Wissen abladen, vor allem der Frage, woran zu sehen ist, dass der NS in der Gegenwart fortwest und inwieweit das, was sich selbst »Antifaschismus« nennt, anti-faschistisch ist. Damit verbunden ist immer auch die aufschlussreiche Frage, was den NS eigentlich ausgemacht hat. War der NS-Staat ein aufgeblähter Verwaltungsapparat oder ein schlanker Staat? Diktatur oder Demokratie? Die Nazis autoritätshörige Duckmäuser oder antiautoritäre Wutbürger?
Die Autoren wissen, was Adorno sich fragte: der Nazismus lebt nach, nicht in Massenaufmärschen oder im Geschichtsrevisionismus, sondern im Appeasement gegenüber den islamischen Djihadisten und der Delegitimierung des Zionismus. Damit ist eigentlich auch schon das meiste gesagt. Der Rest des Buches ist im Grunde nur Beiwerk.
So entlarvt das Buch den Gegensatz zwischen politischer Mehrheit und Minderheit als „antagonistische Kooperation“ – mit dem Schwerpunkt auf »Kooperation«: Die Linke, die „scheinbar in extremem Gegensatz zur Mehrheit, in Wahrheit deren verschwiegene Sehnsüchte artikulierte, dafür von jener zunächst gehasst und verfolgt wird, was der Minderheit wiederum den moralischen Mehrwert verleiht und die Zähigkeit zum Durchhalten eingibt, bis schließlich die Mehrheit […] sich widerstrebend dem ‚Lauf der Dinge‘ oder dem ‚Zug der Zeit‘ beugen darf und die dann stattfindenden gesellschaftlichen Reformen als Ergebung in ein unabwendbares Schicksal darstellen kann. Und ein Ende dieser Spiegelfechterei ist nicht absehbar, man hat sogar den Eindruck, dass diese um so munterer weitergeht, je scheinhafter die sachlichen Differenzen in Wahrheit sind“.
Eine ähnliche Arbeitsteilung wird der EU in Sachen Israelkritik (ein Kapitel ohne Israel wäre keins) konstatiert: einerseits verkaufen Schweden und Spanien ihre „Enthemmtheit gegenüber Israel als besondere Glaubwürdigkeit“, andererseits muss sich Deutschland nicht „die Finger selber allzu schmutzig“ machen.
Und noch zwei scheinbare Gegner arbeiten in Wirklichkeit auf das Gleiche hin: die Rechte und der Islam. So ähneln sich Umma und Volksgemeinschaft in ihrem Hass auf Differenz und individuelle Unabhängigkeit, ihrer patriarchal-familiären Ordnung und ihrem Antisemitismus so sehr, dass von einer Feindschaft von Nazismus und Islamismus keine Rede sein kann. Ihre Feindschaft rührt nach Meinung der Autoren nicht von der Differenz, sondern gerade von ihrer Gleichartigkeit her. Sie ist die Folge ihrer Konkurrenz um die gleichen Ziele, gepaart mit dem Neid der Rechten auf den Erfolg der Djihadisten, die der Umma näher sind als die Nazis der Volksgemeinschaft. Breivik gilt den Autoren folglich auch nicht als »islamophob« und Feind der Islamisten, sondern als ihr Konkurrent. Auch der politischen Linken wird mit ihrer Begeisterung für »fremde Kulturen«, in denen die Menschen noch unvermittelt aneinander gekettet sind und eine »unhintergehbare Identität« haben, Sympathie für den Islam konstatiert. Und schon stellt sich nur noch die Frage, warum die Linke die Scharia nicht zum Sozialismus erklärt und sich den Islamisten anschließt. Die Antwort soll im Unterschied der Arbeitsfetische zwischen der deutschen (und also postnazistischen) Linken und Rechten und den Islamisten liegen. Erstere fetischisieren die Arbeit als Dienst und Opfer an der Gemeinschaft (gelang doch auch der Holocaust nur als Ergebnis industrialisierter Arbeit). Demgegenüber ist der Islam die Religion derjenigen, die der Weltmarkt nicht braucht, die keine Industrie haben und folglich weder arbeiten können, noch müssen.
Die BRD hat zwar ein Mehrparteiensystem mit Gewaltenteilung und eine kapitalistische Ökonomie mit individueller Freiheit, aber ein Zurück hinter den NS ist in ihr dennoch nicht möglich. Denn die wiederhergestellten ökonomischen und rechtlichen Vermittlungen bleiben scheinhaft. So gibt es in Deutschland keine Klassen mehr, sondern nur noch »vereinzelte Einzelne« (Marx), denen die Relativierung ihrer Interessen und Bedürfnisse in Mark und Bein übergegangen ist. Sie sind eher Ein-Mann-Staaten, die Herrschaft und Unterdrückung von sich aus wollen und gegen sich richten, als Individuen. Ganz von sich aus sorgen sie sich um die nationale Ökonomie und besorgen so gemeinsam-einsam das, was früher der Staat als Großkonsument tat und tun musste. Die bürgerliche Herrschaft muss vom NS nicht gerettet werden, wenn eh schon jeder verinnerlicht hat, dass das Eigeninteresse zuallererst dem Gemeinwohl zu dienen hat, die Wirtschaft eine große Volksfürsorge ist und die Sozialpartner gemeinsam an der reibungs- und krisenlosen Ökonomie arbeiten. Die Parteien sind faktisch eine Einheitspartei, das Recht nur eine dürftige Verkleidung des überrechtlich verlangten Bekenntnisses zur fdGO und noch die individuelle Freiheit ist in Deutschland Staatsziel.
Auch wer sich fragt, ob es jemals die Vereinigten Staaten von Europa geben wird, findet im Buch die Antwort: weil im nationalsozialistischen Europa die Souveränität des (in Wirklichkeit zerfallenden) Staates immer bloß behauptet war und vielmehr der Holocaust die Einheit der Gesellschaft sichergestellt hat, kann es keine EU als echten Souverän geben.

Die Autoren wollten zeigen, dass die „soziale Marktwirtschaft ohne die nazistische Vernichtungsgemeinschaft“ undenkbar, die „Sozialpartnerschaft ohne die Betriebsgemeinschaft des Faschismus“ unmöglich, die „gegen Jugoslawien angewandte Taktik, das ‚Recht auf nationale Selbstbestimmung‘ zur Zerschlagung des letzten Systemfeindes in Anschlag zu bringen, ohne die geschichtliche Erfahrung der Okkupation etwa des Sudetenlandes“ unvorstellbar wäre. Das ist die Zusammenfassung des Buches – sie ist zwei Jahre älter als es selbst.2
Im ganzen Buch wird nicht klar, ob es sich beim Postnazismus nun um eine Ideologie, die auch wieder verschwinden könnte, oder um eine objektive Gegebenheit handeln soll. Ersteres wäre wohl nicht »radikal« genug, aber für letzteres findet sich im Buch kein wirklich überzeugender Beleg, außer dass die BRD auf den NS folgte: es „bleibt darauf zu beharren, dass ähnliche Entwicklungen schon auf Grund der unterschiedlichen historischen Bezüge nicht die gleiche Bedeutung haben“.
Es gelingt dem Buch auch nicht wirklich, nachzuzeichnen, was genau noch der Unterschied zwischen Deutschland und Österreich einerseits und den nicht postnazistischen Ländern andererseits sein soll. Es erscheint auch zweifelhaft, ob ein grundlegender Unterschied überhaupt noch besteht. Faschismus und Nazismus waren die Gesellschaftsform der damaligen sozialen und ökonomischen Situation. Und sie existierten in einer Epoche, in der in den entwickelten Ländern überall die gleichen Tendenzen zu einer solchen Gesellschaftsform vorhanden waren. Auch die USA, Frankreich und Großbritannien waren in diesem Sinne nicht einfach antifaschistisch, was bspw. die »Studien zum autoritären Charakter« oder Leo Löwenthals »Falsche Propheten« beweisen. Die faschistischen und nazistischen Bewegungen haben dort nicht die Oberhand gewonnen und waren noch nicht einmal annähernd so stark wie in Deutschland. Aber sie stellten dennoch nennenswerte gesellschaftliche Strömungen dar. Insofern wird schon damals der zentrale Unterschied zwischen Deutschland, den USA und anderen Ländern nicht die ideologische und ökonomische Qualität der faschistischen und/oder nazistischen Bewegungen, sondern vor allem ihre Größe und Stärke gewesen sein. Warum sich dieser quantitative Unterschied im Laufe der Jahre nicht einebnen oder vielleicht auch völlig umkehren können sollte, wird auch durch die Lektüre des Buches nicht klar. Insofern sollte man m.E. nicht nur vom Postnazismus Deutschlands reden, sondern eher von dem der ganzen Welt. Nicht nur die Deutschen kennen jetzt die »Möglichkeit« der Aufhebung der fesselnden, abstrakten Seite des Kapitals durch die Judenvernichtung. Der Nazismus hat „die ganze Welt qualitativ verändert, das heißt, einen geschichtlichen Umschlagpunkt markiert“.
Der Unterschied zwischen Deutschland und anderen Ländern ist durch die Kapitulation natürlich nicht verschwunden. Aber warum sollte er nie verschwinden können? Mögen Demokratie und Marktwirtschaft bloß Schein gewesen sein, es sieht so aus, als wären sie damit »der Platzhalter der Wahrheit« (Adorno) gewesen. So richtig fällt auch den Autoren nicht mehr ein, als dass Deutschland eben Nazi-Deutschland war und andere Länder nicht. Überzeugende Beispiele oder Indizien dafür, dass sich der deutsche Wahn in die Gegenwart retten konnte, sucht man vergebens. So wird beispielsweise als Beleg dafür „wie die Stimmung im deutschen Südwesten ist und die ersten Schritte in die politische Ökonomie der Barbarei konkret aussehen“, angeführt, dass mal ein CDU Politiker in Baden-Württemberg »Islamic Banking« als ethische Variante des Bankwesens gelobt hat.
Für die Autoren ist Postnazismus offenbar jeder Versuch, kapitalistische Härten oder offensichtliche Asozialität nicht-kommunistisch bekämpfen zu wollen. »Typisch« kapitalistische Ideologien (wie das Gerede vom Allgemeinwohl), eher hilflose Versuchen die Schädlichkeiten dieser Gesellschaft und Ökonomie zu verringern und spezifisch nazistische Einstellungen sind für die Autoren das Gleiche. Für die Autoren scheint es den Gedanken des allgemeinen Wohls vor dem NS nicht gegeben zu haben. Da war noch jedem die rücksichtslose Konkurrenz und allseitige Feindschaft bewusst und wurde bejaht.
Kern der Argumentation sind dabei die scheinbar heiß geliebten »Vermittlungen« wie Recht, Geld, Ware usw., die verdinglichten sozialen Beziehungen der Bürger und Warenhüter. Weil die Nazis sie abgeschafft haben, müssen sie antifaschistisch gewesen sein. Dass der Kapitalismus mit ihnen den Nazismus hervorbringen konnte, scheinen die Autoren vergessen zu haben. Ihre Vermittlungen, also letzten Endes der Wert, ist nichts anderes als die Abwesenheit des Vereins freier Menschen.
Alles in allem ist »Postnazismus revisited« das Buch zum (antideutschen) Film: das gleiche in Langform plus eine Handvoll »Making-Ofs« zu den bekannten antideutschen Bekenntnissen. Wer das immergleiche Kunststück, jeden Sachverhalt auf Israel oder den Islam bezogen zu bekommen, nochmal in Buchform genießen will, wird den Band spannend finden. Allen anderen sei »Endstation« von Wolfgang Pohrt3 empfohlen: es ist erheblich kürzer, kurzweiliger und einleuchtender. Anders als die Autoren macht Pohrt das spezifisch Nazistische, beispielsweise die Angst Jungdeutschlands vor „Verfälschungen durch Machenschaften jüdischer Art“, vor allerlei nicht wahrnehmbaren Gefahren und „abstrakt-chemischen“ Erzeugnissen deutlich. Und im Unterschied zu »Postnazismus revisited« muss man bei ihm nicht schon vor der Lektüre an das Nachleben des Faschismus in der Demokratie glauben.

Stephan Grigat (Hrsg.) (2012): Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert (Freiburg: ça ira-Verlag), 288 Seiten, 18 €.

Autoreninfo: Jan kommt aus Erfurt und lebt in Weimar. Er ist Student und ist bei den Falken in Thüringen aktiv.

  • Joachim Bruhn (2001): Flugschriften. Gegen Deutschland und andere Scheußlichkeiten (Freiburg: ça ira-Verlag), 158 Seiten. [zurück]
  • Wolfgang Pohrt (1983): Endstation. Über die Widergergeburt der Nation – Pamphlete und Essays (Berlin: Rotbuch-Verlag), 139 Seiten. [zurück]
  • Theodor W. Adorno (1977): Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in Gesammelte Schriften 10.2. Kulturkritik und Gesellschaft II: Eingriffe. Stichworte (Suhrkamp: Frankfurt/Main), 555. [zurück]
  • Schlaglichter aus dem Lohnzwang

    Um die Motivation zu steigern, seinem Recht auf freie Berufswahl auch rasch nachkommen zu wollen, empfiehlt das Sozialamt seinen Kund*innen gelegentlich die Bewerbung auf zumutbare Stellen. Als inspirierendes Bewerbungsbeispiel möchten wir euch diese couragierte Leseprobe mit auf den Weg geben:

    „Durch meinen Jobvermittler beim Jobcenter wurde mir empfohlen mich auf die Stelle eines Jobvermittlers beim Jobcenter zu bewerben. Im Rahmen meiner Suche nach sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung habe ich mit diesem Berufsbild bereits erste Erfahrungen gesammelt. […] Es ist mir ein besonderes Anliegen meine Schaffenskraft zum Wohle der gesellschaftlichen Entwicklung unseres Landes mehrwertorientiert einzusetzen, um als Staatsbürgerin meinen Beitrag zum sozio-ökonomischen Fortschritt zu leisten, denn damit werde ich nicht nur meinem Anspruch gerecht. Dieser lautet: Sozial ist was Arbeit schafft. Dafür stehe ich ein und sehe mich in der Position als Jobvermittlerin am richtigen Platz zur richtigen Zeit, um das zu schaffen, was uns allen wichtig ist: Arbeit.“

    Die Autorin ist der Redaktion bekannt.

    Zur Kampagne »Stadt, Land, Volk«

    Die Genoss*innen vom KV Marburg weisen auf die Kampagne »Stadt, Land, Volk – Rechte Netzwerke überall bekämpfen« hin:

    „Diese richtet sich vor allem gegen Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus und Sexismus, sowie Menschen, die solche Diskriminierungsstrukturen gesellschaftlich zu festigen versuchen. Wir als Falken haben diesen und den Verhältnissen, welche sie hervorbringen, seit jeher den Kampf angesagt, und halten es für nötig, im Angesicht der erfolgreichen rassistischen Mobilmachung der letzten Jahre, dort wesentlich genauer hinzuschauen und aktiv zu werden. Die Marburger Genoss*innen nehmen besonders die Überschneidungen zwischen Burschenschaften, der AfD sowie ihrer Parteijugend, der Jungen Alternative (JA) ins Visier. Die Analyse und daran anschließende Bekämpfung faschistoiden Gedankenguts sollte jedoch nicht nur Antifa-Strukturen zur Aufgabe werden. Der fortschreitenden Regression, mitangeführt von oben genannten Akteuren sowie deren Umfeld, wollen wir als Falken unsere Idee eines besseren Lebens für alle entgegenstellen und durch Bekanntmachung der Kampagne auch in sich nicht linksradikal nennende, zivilgesellschaftlich engagierte Kreise, die notwendige Aufmerksamkeit verleihen. Besonders hinsichtlich der Bundestagswahl im September, die einer mindestens rechtspopulistischen Partei für vier Jahre durchs Mandat legitimierte, permanente Agitation auf Bundesebene zugestehen könnte, halten wir es für unabdingbar – um genau das zu verhindern -durch sachliche Kritik, wie im Kampagnentext exemplifiziert, jedes irrationale Ressentiment zu thematisieren und als solches zu entlarven. Wir wünschen unseren Genoss*innen viel Erfolg bei ihrer Kampagne!“

    (SJ – Die Falken Ortsverband Marburg) Den Aufruf zum Auftakt der Kampagne legen wir euch ans Herz, er kann auf der Webseite der Kampagne StadtLandVolk.noblogs.org gelesen werden.

    Postmoderner Faschismus? – Eine Spurensuche zwischen Höcke, Orbán und Europa

    von Stefan Weise, erschienen in ThUg Magazin #1

    „Man erinnerte sich wohl der Lehren des Aufstiegs und der Machtergreifung des Bonapartismus wie des Werdegangs des italienischen Faschismus, ohne dass die Weimarer Republik allseitig diesen Anschauungsunterricht nutzbar zu machen verstand“1, resümierte Willi Münzenberg 1937 im französischen Exil den Niedergang der Weimarer Republik, vier Jahre nach der Machtübertragung auf die Nationalsozialisten 1933. Zunehmend distanzierte sich der rote Medienzar von der Linie der Kommunistischen Internationale, bevor er 1939 seinem Ausschluss durch Austritt aus der KPD zuvor kam.
    Mai 2017. Beim ersten Wahlgang in Frankreich liegt Emmanuel Macron, der sich „weder rechts noch links“ versteht, keine drei Prozentpunkte vor Marine Le Pen. Ein Jahr zuvor unterlag Norbert Hofer in Österreich Alexander Van der Bellen knapp um 0,6%; erst mit dem notwendig gewordenen zweiten Wahlgang konnte der von einem breiten Bündnis unterstützte Van der Bellen seinen Vorsprung ausbauen. 2015 gewann die PiS von Jarosław Kaczyński die Parlamentswahlen in Polen mit einer Zweidrittelmehrheit.
    Die AfD in Deutschland ist im Jahr der Bundestagswahl von einer Machtübernahme auf Bundesebene weit entfernt. Aber seit Sarrazin, mit Pegida, dem Anstieg rassistischer Gewaltverbrechen und den immensen Landtagswahlerfolgen der AfD vollzieht sich in der Bundesrepublik eine sich organisierende politische Radikalisierung. Im Windschatten der Krise steigt die Attraktivität der vermeintlich stabilen, autoritär verwalteten und völkisch definierten Nation. Volker Weiß beschreibt vor diesem Hintergrund das „Potential des Konservativen, sich im Zweifel bis zur eigenen Auflösung zu radikalisieren“ und zeigt, dass „die Geisteswelt der Neuen Rechten historisch wie gegenwärtig weit in faschistisches Terrain hineinragen“2. Faschismus. Der streckenweise zum politischen Kampfbegriff verkommene Begriff ist in der öffentlichen Wahrnehmung weitestgehend historisiert. Und dennoch zeigen nicht nur die »Goldene Morgenröte« in Griechenland, »Jobbik« in Ungarn und der »Dritte Weg« in Deutschland mit ihren Reminiszenzen an den historischen Faschismus und Nationalsozialismus das modernisierte Fortleben eines Geistes über »seine« Epoche hinaus. Der Faschismus in der Postmoderne, wie Enzo Traverso zu bedenken gibt, trägt „nicht das Antlitz Mussolinis, Hitlers oder Francos […] – noch das des totalitären Terrors […].“ Allerdings vergisst die „rituelle Beschwörung der äußeren Bedrohung, die die Demokratie in die Enge treiben – zuallererst der islamische Terrorismus –, […] eine grundlegende Lektion der Geschichte der Faschismen: Die Demokratie kann von innen zerstört werden“3.

    I.
    Die Propagandastrategie der »Alternative für Deutschland« (AfD) durch inszenierte Tabubrüche und Skandale in der medialen Berichterstattung für Schlagzeilen zu sorgen, ist altbewährt und gehört zum festen Repertoire der Partei. Als im Januar 2017 in Koblenz Frauke Petry unter anderem mit Marine Le Pen zusammenkam, verstärkte der Ausschluss einiger Journalist*innen von der Veranstaltung durch Marcus Pretzell das Interesse der Berichterstattung nachhaltig4. Wer diese Manöver jedoch lediglich als politische Marketingstrategie interpretiert, verliert die ideologische Qualität der Akteure*innen aus den Augen. Viel mehr sind sie Merkmal einer politischen Praxis der »Neuen Rechten«, die weit über den deutschsprachigen Raum hinaus Konjunktur hat.
    Prominentestes Beispiel der jüngeren Vergangenheit ist Bernd Höckes am 17. Januar 2017 gehaltene Rede, die durch die geschichtsrevisionistische Forderung einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ und der Titulierung des Berliner Holocaust-Mahnmals als ein „Denkmal der Schande“ – im Redezusammenhang bezog sich „Schande“ nicht auf den Holocaust, sondern auf das Denkmal – bundesrepublikanische Bekanntheit erlangte5. Höcke folgte stoisch seinem Drehbuch des politischen Erlösers: Kurz nachdem die medialen Wellen der Empörung hoch schlugen und sich die Kritik aus der eigenen Partei zum angestrebten Parteiausschluss steigerte, folgte ein halber Schritt zurück. In einer Botschaft an seine Anhänger behauptete er, dass er die Rede „so nicht noch einmal halten“ würde. Er selbst stilisiert sie zur „Dresdner Rede“ und macht das Parteiausschlussverfahren gegen sich zum Prüfstein der „Einheit der Partei“, deren Vertreter er immer gewesen sei6. Keinerlei Distanzierung von kritisierten Standpunkten, als Formfrage wird die Causa ad acta gelegt, ihr Zweck ist ohnehin ein anderer, wie seine Rede keine Woche später in Arnstadt zeigt. Dürfe er nur zwei Sätze sagen, dann wären das jene: „Danke, dass ihr in dieser nicht ganz so einfachen Zeit hinter mir steht. […] Ich bin stolz auf diese AfD in Thüringen“7. Aus dem vermeintlichen Tabubruch wird politisches Kapital geschlagen, die eigene Anhängerschaft mobilisiert, Identität geschmiedet, eine politische Kampfgemeinschaft geformt. Der Gestus Höckes kennt keine politischen Strömungen, sondern Feldpostadressen.
    So betreibt Bernd Höcke »Metapolitik« aus dem Lehrbuch der neuen Rechten, sprich: „die Verfügungsrechte über den konservativen Diskurs […] zurückzugewinnen“8 samt dem „Willen zu einer Neudefinition dessen, was gesellschaftlich unter ‚konservativ‘ akzeptiert werden [kann]“9. Durch die Stilisierung zur „Dresdner Rede“ wird völkischer Nationalismus und Geschichtsrevisionismus im trojanischen Pferd der Diskursverschiebung als vermeintlicher Tabubruch wirksam. Da es aber eben nicht nur einen freischwebenden abstrakten Diskurs gibt, sondern auch Akteur*innen, die sich dazu verhalten müssen, gibt es eine »reale«, da personale Machtverschiebung. Das beweist nicht nur die Niederlage Frauke Petrys auf dem Kölner Parteitag mit ihrem „Zukunftsantrag“10, sondern auch die nachweislich gute Positionierung von »Flügel«-Mitglieder*innen auf den Landeslisten der AfD, wie das Politmagazin »Monitor« zeigte11. Höcke ist nicht nur Beiwerk des gerade tobenden Machtkampfes in der AfD, er ist schon lange treibende Kraft einer erfolgreichen Radikalisierung der Partei.
    Neben André Poggenburg aus Sachsen-Anhalt war er Initiator der »Erfurter Resolution« 201512, welche maßgeblich den Startschuss für die parteiinterne Auseinandersetzung um die Richtung der AfD auslöste. Der »Weckruf« der Parteispitze um Bernd Lucke dagegen, dass „Karrieristen, Intriganten und Vertreter der Neuen Rechten in einer unheiligen Allianz versuchen sich eine Partei zu eigen zu machen“ verhallte ungehört13. Am Ende dieses Prozesses löste Frauke Petry ihn an der Parteispitze ab, woraufhin Lucke die Partei mit seinem Lager verließ, um mit der Nachfolgepartei ALFA in der bundesrepublikanischen Bedeutungslosigkeit zu versinken.
    Innerhalb der AfD kann Höcke auf bedeutenden Rückhalt zählen, ernstzunehmende Gefahr für seinen Einfluss bildet das aktuell eingeleitete Parteiverfahren nicht – Höcke hat damit Erfahrung, sich aus der selbst gewählten Schusslinie zu ziehen. Ironischerweise sorgte Frauke Petry mit dafür14, dass André Poggenburg 2015 die Einstellung des noch von Bernd Lucke auf den Weg gebrachten Amtsenthebungsverfahren gegen den Thüringer Fraktionsvorsitzenden, verkünden konnte.15 Die Positionierung zu Pegida verband Petry mit Höcke gegen Lucke, das vergangene Jahr aber schaffte dem radikalen »Flügel« in der AfD die Sicherheit die nächste Machtfrage zu stellen. Aber eins nach dem anderen.

    Abseits der recht banalen Erkenntnis, dass inhaltlich keine große Differenz zwischen Pegida und der AfD besteht16, ist die Bruchlinie vor allem durch die politische Praxis gezeichnet. Pegida trug die Politik nachhaltig auf die Straße und verfolgte durch ihre Rhetorik der vermeintlichen »Überparteilichkeit« einen antiparlamentarischen Kurs. Auch die Kandidatur von Tatjana Festerling zur Dresdner Oberbürgermeisterwahl 2015 änderte am Selbstverständnis einer »Bewegung« statt einer »Partei« nichts.
    Bernd Höcke hatte keine Berührungsängste, sein Verständnis politischer Praxis befindet sich im Gleichklang mit Pegida. War die AfD in Dresden genötigt, sich zu Pegida zu positionieren – trotz der großen Nähe gab es nur geringe personelle und organisatorische Überschneidungen17 – war man in Erfurt unter der Federführung Höckes Landesverband 2015 einen Schritt weiter. Im Herbst kopierte man das Konzept von Pegida und führte Mittwochabend allwöchentlich Demonstrationen in Erfurt durch. Die Demonstrationen erfuhren mit bis zu 5.500 Teilnehmer*innen eine beachtliche Resonanz18, waren zeitweise von massiver Gewalt gegen Gegendemonstrant*innen geprägt19 und zeichneten bereits damals am Rande einen Bruch zwischen Höcke und Petry vor20.
    Gemein waren den Erfurter Demonstrationen und Pegida nicht nur die politische Praxis. Sowohl in Dresden als auch in Erfurt war man voll der lobenden Worte für eine europäische Regierung, die seit 2010 – also bereits in der zweiten Legislaturperiode – unangefochten die Regierungsgeschäfte in der Hand hielt. Die regelmäßig hinter Bernd Höcke wehende ungarische Fahne mit dem Aufdruck „köszönöm“, auf Deutsch „danke“, war und ist nicht nur Ausdruck eines taktischen Lobliedes, das man Viktor Orbán für die Natodrahtversiegelung der Balkanroute singt.

    Tatsächlich verbindet die völkische Rechte in der Bundesrepublik mehr mit den Machthabern in Budapest, als die deutsche Dankbarkeit für geschlossene Grenzen. Sowohl ihre Ideologie als auch ihre politische Praxis weist merkbare Parallelen auf. Das bedeutet bei weitem keine Deckungsgleichheit der politischen Formationen – diese ist weder personell, noch von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland und Ungarn gegeben. Allerdings verrät ein Blick in die jüngere Vergangenheit Ungarns einen Ausblick auf die politische Programmatik und Praxis der AfD.
    Die propagandistische Strategie durch Taten öffentliche Empörung zu evozieren, diese vermeintlich selbstkritisch zu beäugen und sich schließlich durch relative Distanz zum eigenen Handeln zum geläuterten und diskussionsfähigen Akteur zu machen, bringt einige Vorteile. So kann man sich zum missverstandenen Opfer stilisieren, die nicht als Aktion sondern Reaktion interpretierte Position dennoch durchsetzen und trotzdem nicht als Hardliner gelten. Was Höcke an seiner eigenen Partei exerziert, hat er von Orbáns Umgang mit der Europäischen Union gelernt.

    II.
    Der spielt dort ein doppeltes Spiel. Einerseits ist Ungarn von der Europäischen Union ökonomisch abhängig: Ungarns Exporte gehen zu 82% nach Europa, mit 26% ist Deutschland das Hauptzielland ungarischer Waren; die gleiche prozentuale Verteilung trifft auf die ungarischen Importe zu21. Hinzu kommt, dass für Ungarn im Zeitraum 2014 bis 2020 rund 20,5 Milliarden Euro aus Strukturfonds der EU vorgesehen sind, lediglich vier Länder erhalten mehr22. Anderseits agitiert Orbán stets mit seiner Fidesz-Partei durch rhetorische Figuren wie die „Diktatur aus Brüssel“, gern will man dort das „neue Moskau“ erkennen.
    Die Politik Viktor Orbáns ist seit seinem zweiten Machtantritt 2010 – zuvor regierte er Ungarn bereits von 1998 bis 2002 – von einer ausgemachten Salamitaktik geprägt. Scheibchenweise wird Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ausgehöhlt, für sich genommen mindestens politische Akte der Grauzone; in der Gesamtbetrachtung die erste »konservative Revolutionierung« eines EU-Staates. Die autoritäre Krisenbewältigung23 in Ungarn verfährt mit dem ganzen Staat und im Verhältnis mit der Europäischen Union so, wie es die völkischen Demagogen in Deutschland in einem kleineren Bezugsrahmen tun. Bevor Orbán 2010 die Wahl für sich entschied, war dem ein Wandel der politischen Praxis von Fidesz vorausgegangen: Seit der überraschenden Wahlniederlage 2002 vollzog sowohl Fidesz als auch die 2003 neuentstandene neonazistische Jobbik-Partei eine zunehmende Verlagerung der Politik auf die Straße, die ihren Massen- und Militanzhöhepunkt 2006 erfuhr24.
    Die Straße als Feld der eigenen Politik, wurde auch nach der Machtübernahme 2010 mit einer verfassungsändernden Zweidrittelmehrheit nicht aufgegeben. Vor allem als Orbán zunehmend unter Druck durch die EU geriet, galt es, Geschlossenheit nach außen und Stärke nach innen zu demonstrieren. Das hatte verschiedene Ursachen. In Windeseile wurde der Staatsumbau vorangetrieben, begonnen bei einem ungewöhnlich umfassenden Austausch der Beamten, dem Erlassen einer neuen Verfassung – fast ohne Konsolidierung der Opposition und seit 2012 in Kraft – und der weitestgehenden Beschneidung der Judikative25 sowie dem nachhaltigen Umbau der ungarischen Medienlandschaft, um nur einige Punkte zu nennen. Führte bereits das bei linken und einigen liberalen Akteuren der EU-Ebene zu teilweise massiver Kritik, war es die ungarische Wirtschaftspolitik – vor allem die Beschneidung der Unabhängigkeit der ungarischen Notenbank –, die die EU schließlich zur Einleitung einiger Vertragsverletzungsverfahren ermunterte. Viktor Orbán verstand es sehr gut, die europäischen Gemüter durch einige Korrekturen zu besänftigen und sich im Inland zugleich als wackerer Kämpfer gegen die EU zu inszenieren. Gegenüber der Bild-Zeitung kommentierte er die nötig gewordenen Kompromisse: man werde sich „der Macht beugen, nicht aber den Argumenten“26. Parallel dazu wurden im Januar 2012 von regierungsnahen Organisationen Tausende Menschen nach Budapest zu einem sogenannten „Friedensmarsch“ gekarrt, um Solidarität mit dem ungarischen Kurs zu demonstrieren. Sprechen regierungskritische Zeitungen von circa 100 000 Demonstrant*innen, gaben die Organisatoren und staatliche Stellen das Vier- bis Fünffache an27.
    Das bereits erwähnte, 2011 in Kraft getretene, Mediengesetz ordnete die gesamte ungarische Medienlandschaft um. Nahm Ungarn im Ranking der Pressefreiheit 2007 noch Platz 17 – drei Plätze vor Deutschland – ein28, rutschte es 2011 auf Platz 40, bis 2017 gar auf Platz 71 von 18029. Abseits gerechtfertigter Reformforderungen brachte die Regierung Orbán mit der neuen Gesetzeslage und der Umstrukturierung des staatlichen Rundfunks30 weite Teile unter ihre Kontrolle. Bereits im September 2010 kritisierte die OSZE, das neue Gesetz schaffe ein „hoch zentralistisches Leitungs- und Regulierungssystem mit vielen neuen und unnötigen Gremien der Aufsicht und Überwachung“31. Die Kombination aus Gummiparagraphen, der omnipräsenten Krise der Printmedien sowie die Zusammenlegung staatlicher Redaktionen verlieh diesem Coup seine Breitenwirkung. Zwei Beispiele: Die neue Medienpolitik Orbáns beinhaltete die Zusammenlegung der Redaktionen von drei Fernsehsendern, drei überregionalen Radiosendern sowie der ungarischen Nachrichtenagentur. Circa 1000 Journalist*innen verloren ihre Anstellung32, was vor allem politisch unliebsamen den Job kostete und loyalen die Karrieretreppe ebnete33. Unabhängige Presseberichterstattung wird zunehmend schwerer, wie der Fall der ungarischen Journalistin Julia Halasz zeigt. Sie resümierte ihren brutalen Rauswurf von einer Fidesz-Veranstaltung als „erschreckend“, schließlich liege die Ursache für ihren Rauswurf in dem Umstand, dass die ungarische Regierung keinen Einfluss auf ihr Blatt geltend machen könne.34
    Die Printmedienkrise wirkt sich in Ungarn doppelt aus: Neben dem generellen Rückgang an Werbeeinnahmen verstärkt sich dieser Effekt durch den Unwillen, regierungsloyaler bzw. durch Aufträge von ihr abhängiger Unternehmen in oppositionellen Zeitungen zu inserieren. Wie im vergangenen Jahr der Fall der »Népszabadság« zeigte, schafft das eine Situation, in der man sich unumwunden unliebsamer Stimmen entledigen kann. Die »Népszabadság«, zu Deutsch »Volksfreiheit«, existierte seit 1956 und war bis zu ihrem abrupten Ende am 8. Oktober 2016 die auflagenstärkste überregionale Tageszeitung. Der ehemalige stellvertretende Chefredakteur bezeichnete die über Nacht vollzogene Liquidation des Blattes als eine „ziemlich perfekte Falle“, in der Annahme, in neue Redaktionsräume umzuziehen, hatten die angestellten Journalist*innen ihre Arbeitsplätze bereits selber geräumt35. Die Zeitung – neben weiteren Regionalblättern – wurde von Opimus Press erworben, die zum Umfeld von Lörinc Mészáros gehört. Er ist wiederum persönlicher Freund von Viktor Orbán und teilt mit ihm das Parteibuch36. War Mészáros Mitte der 2000er nahezu bankrott, wuchs sein Firmenimperium seit dem Machtantritt Obáns 2010 und adelte ihn zum loyalen Oligarchen. Wie das investigative Medienportal atlatszo.hu berichtete, wuchs die Dividende seiner Unternehmen von null im Jahr 2010 auf circa 409 Millionen Euro 2013. Dazu gehören Bauunternehmen und riesige Landwirtschaftsbetriebe, wobei die Baufirmen „nahezu ausschließlich von öffentlichen Aufträgen [profitieren], deren Ausschreibungen Mészáros meist auf den Leib zugeschnitten schienen. Die Böden für seine Landwirtschaft erhielt Mészáros auf intransparente Weise – oft wurden Kleinbauern und Schäfer, die sie zuvor nutzten, einfach verdrängt. Für die Rinderzucht, die er betreibt, kassiert er EU-Förderungen“37. Fun Racket am Rande: Die Baufirmen von Mészáros werden unter anderem von der Firma »Dolomit Kőbányászati Kft.« (»Dolomit Rock Mining Ltd.«) beliefert, die dem Vater Viktor Orbáns, Győző Orbán, gehört.38

    Ein von der Regierung im vergangenen Jahr auf den Weg gebrachtes Referendum, im Hinblick auf einen gesamteuropäischen Verteilungsschlüssel für Geflüchtete, ließ die Bevölkerung über die umständliche Frage entscheiden: „Wollen Sie zulassen, dass die Europäische Union bestimmen darf, dass nichtungarische Bürger in Ungarn ohne Zustimmung des nationalen Parlamentes angesiedelt werden?“ Begleitet wurde das mit einer Plakatkampagne, deren Slogans den Betrachtenden so sinnige Informationen an die Hand gaben wie: „Wussten Sie, dass Brüssel eine ganze Stadt voller Flüchtlinge in Ungarn errichten will?“39 Die Kombination zweier Feindbilder erweckte kreative Höchstleistungen, die von den ungarischen Wählerinnen und Wählern immerhin durch ein nicht erreichtes Quorum belohnt wurde. Das hielt Orbán allerdings nicht davon ab, die 98% Zustimmung der 40% Wahlbeteiligung als Erfolg seiner Kampagne zu verkaufen.40 Hier wird Legitimation durch Akklamation betrieben und als Demokratie verkauft. Aktuell läuft eine Volksbefragung unter dem Titel „Stoppen wir Brüssel“, die wieder mit nachweislich falschen Behauptungen operiert. Selbst die EU sieht sich veranlasst sachlich fundiertere Vernunftfähnchen in den Orbánschen Propagandasturm, unter dem Titel „Facts Matter – European Commission responds to Hungarian National Consultation“ zu hängen41.
    Allerdings bleibt es nicht bei einem autoritären Staatsumbau mit mehr als einer offenen Flanke zur radikalen Rechten. Eine Rhetorik des völkischen Nationalismus bildet viel mehr den Grundtenor, was gern als vermeintlich taktische Zungenschläge vor dem Wahlvolk ignoriert wird. Nicht ohne Grund würdigt Jürgen Elsässer unter anderem Ungarn als „stabile Gesellschaft“, die einen „natürlichen Reflex“ habe, „das Eigene zu bewahren.“42 Aufsehen erregte unter anderem eine Rede Orbáns, die er 2012 zur Einweihung einer Turulstatue in Ópusztaszer (im Süden Ungarns, nördlich von Szeged) hielt. Der Turul ist Symbolvogel ungarischer Mythologie und verweist auf die völkische Ideologie des »Turanismus«.43 Orbán sagte in seiner Rede zur Einweihung44:

    „Der Turul ist ein Urbild, das Urbild der Ungarn. Wir werden in es hineingeboren, so wie wir in unsere Sprache und Geschichte hineingeboren werden. Das Urbild gehört zum Blut und zum Heimatboden. Von dem Augenblick an, wo wir als Ungarn auf die Welt kommen, schließen unsere sieben Stämme den Blutbund, gründet unser heiliger Stephan den Staat, unterliegen unsere Truppen in der Schlacht bei Mohács, der Turul aber ist das Symbol der nationalen Identität der jetzt lebenden, der schon gestorbenen und der erst noch auf die Welt kommenden Ungarn. […]
    Wer die Zeichen der Zeit zu lesen vermag, der kann sie lesen. Eine Welt neuer Gesetze kommt auf den europäischen Kontinent zu. Das erste Gebot dieser im Entstehen begriffenen neuen Welt lautet: Die Starken vereinigen sich, die Schwachen zerfallen, das heißt, die Angehörigen starker Nationen halten zusammen, die der schwachen Nationen laufen auseinander. Ich wünsche jedem Ungarn, dass er Ohren haben möge zu hören und dass er die Zeichen lesen möge.“45

    III.
    Viktor Orbáns autoritäre und diktatorische Gelüste sind auf dem europäischen Parkett ein offenes Geheimnis. Es rief nicht einmal größere Irritation hervor, als der Präsident der Europäischen Kommission [!] und EVP-Parteikollege [!] Jean-Claude Juncker ihn zum „Gipfeltreffen der Östlichen Partnerschaft“ 2015, wo auf der Tagesordnung an erster Stelle „Stärkung der Institutionen und der verantwortungsvollen Staatsführung“ [!] stand, vor laufender Kamera mit „Ah, der Diktator kommt“ kommentierte und mit gleicher Anrede begrüßte.46 Das schweigen der Europäischen Volkspartei, in der sich sowohl Fidesz als auch die CDU/CSU organisiert, ist ohrenbetäubend. Das Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Ungarn gibt sich seit Jahren betont zurückhaltend. Die Schlussbemerkung zur gescheiterten Volksbefragung im vergangenen Jahr erwähnt unter Verweis auf Beobachter zumindest umständlich, dass „Elemente der direkten Demokratie […] in der Tat ja oft auch als ein Mittel der politischen Kommunikation eingesetzt [werden].“ Das Scheitern wird derweil damit erklärt, dass es nicht gelungen sei „das Referendum in ausreichendem Maße als nationale Angelegenheit fernab der Parteipolitik platzieren zu können.“ Der selbe Artikel führt übrigens aus, dass einerseits Ungarn seit der Wende sechs solcher Referenden hinter sich gebracht hatte: Zwei 1989/90 zur Einrichtung des Rechtsstaates nach Ende der realsozialistischen Diktatur, zwei 1997 bzw. 2003 zum Beitritt der NATO bzw. EU sowie 2004 und 2008 – letztere von der damals oppositionellen Fidesz initiiert – unter anderem zur außenpolitisch heiklen Staatsbürgerschaft der Auslandsungarn. Andererseits, dass circa 50 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln [!] in die Plakatkampagne samt 20-seitiger Hochglanzbroschüre des Referendums im vergangenen Jahr flossen47. Kurz: Die KAS schafft es, eine staatlich finanzierte Propagandaoffensive gegen Asylsuchende und die EU historisch zu kontextualisieren, parteipolitisch zu verorten und mediale Reaktionen wiederzugeben, ohne jedoch die Angelegenheit analytisch auf den Begriff zu bringen. Im besten Falle kann man der politischen Stiftung unterlassene Bildungsleistung vorwerfen.
    Da verwundert es kaum, dass Ende Januar die KAS in Brüssel unter dem Titel „Make Europe great again“ von einer Diskussion in ihren Räumlichkeiten berichtete, wo Orbán „das Ende des Multilateralismus“ verkündete, gleichzeitig aber „eine stärkere EU“ forderte – was bei ihm eine „Europäische Verteidigungsunion“ bedeutet48. Dass am rechten Rand der Unionsparteien liebevoll nach Ungarn geschielt wird, bewies in den vergangenen Jahren Horst Seehofer. 2014, 2015 und auch letztes Jahr war Orbán zu Gast in Bayern, warnte vor einem „moralischen Imperialismus“ Berlins und konnte sich dem Schulterschluss mit Seehofer sicher sein49. Nicht nur vor diesem Hintergrund sollten Forderungen Seehofers zur Zusammenlegung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit Vorsicht genossen und verworfen werden.50

    Die AfD hat in den vergangenen Jahren immense Wahlerfolge erzielt und wird im Jahr der Bundestagswahl de facto vom radikal-völkische Flügel dominiert. Wohlwollend blickt dieser auf einen autoritären Herrscher völkischen Kalibers in Ungarn, der sich Miklós Horthys bonapartistisches bzw. protofaschistisches Ungarn der Zwischenkriegszeit51 zunehmend zum Vorbild macht52. Und dieser hat gute Kontakte zum deutschen Konservatismus, dessen Bruchstellen zwischen Modernisierung und Bewahrung, Machtpolitik und Ideologie, sich stetig zu einem Riss verdichten. Das alles vor dem Hintergrund einer andauernden Krise der kapitalistischen Vergesellschaftung.

    Der Faschismus hat die ihm zugewiesene Epoche überlebt. Seine Ideologeme sind präsent und erfahren eine Renaissance. Seine historischen Erscheinungen bilden Bezugs- und Orientierungspunkte aktueller Politik. Seine politische Praxis kann in Tageszeitungen nachgelesen werden. Bereits vor fünf Jahren schrieben Koob, Marcks und Marsovszky: man kann „die ungarische Entwicklung als eine bezeichnen, die zumindest die Option auf den Faschismus eröffnet“53. Höchste Zeit für eine ideologiekritische Theoriebildung des Faschismus in der Postmoderne, die auf den Füßen einer materialistischen Gesellschaftsanalyse steht.

    Stefan Weise mäkelt an den Unzumutbarkeiten der Vergangenheit und Gegenwart. Dabei ist er bei den Falken in Jena organisiert.

    1. Willi Münzenberg (1937): Propaganda als Waffe. (Carrefour-Paris), 35. [zurück]
    2. Volker Weiß (2017): Die autoritäre Revolte – Die neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. (Stuttgart: Klett-Cotta), 12. [zurück]
    3. Traverso, Enzo (2016): Gespenster des Faschismus im Zeichen der Islamophobie, in: Argument 58 Jg. / H. 5, 637. [zurück]
    4. vgl. FAZ (2017): AfD-Politiker schließt einzelne Journalisten aus, http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/treffen-in-koblenz-afd-politiker-schliesst-einzelne-journalisten-aus-14631060.html. [zurück]
    5. vgl. Björn Höcke (2017). Die Rede im Wortlaut: http://www.tagesspiegel.de/politik/hoecke-rede-im-wortlaut-gemuetszustand-eines-total-besiegten-volkes/19273518.html. [zurück]
    6. Björn Höcke am 13. Februar 2017 auf seiner Facebook-Seite. vgl.: https://www.facebook.com/Bjoern.Hoecke.AfD/videos/1836906089884002/. [zurück]
    7. Björn Höcke am 18. Februar 2017 in Arnstadt zur Aufstellungsversammlung der AfD-Thüringen zur Bundestagswahl. vgl. https://www.youtube.com/watch?v=beg1-v-NS8o. [zurück]
    8. Weiß (2017): autoritäre Revolte, S. 59, 62. [zurück]
    9. ebd.: 6. [zurück]
    10. vgl. SPON (2017): Die Partei hat einen Fehler gemacht, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-parteitag-in-koeln-petry-scheitert-mit-umstrittenen-zukunftsantrag-a-1144374.html. [zurück]
    11. vgl. „Monitor“ in der ARD vom 27. April 2017, https://www.youtube.com/watch?v=8SUYNAwD4CM&feature=share. [zurück]
    12. vgl. Erfurter Resolution (2015), http://www.derfluegel.de/2015/03/14/die-erfurter-resolution-wortlaut-und-erstunterzeichner/. [zurück]
    13. vgl. Weckruf (2015), https://web.archive.org/web/20151030072047/http://www.weckruf2015.de/gruendungsaufruf [zurück]
    14. vgl. HB (2015): Eindeutig rechtsextremistisch, http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/thueringen-afd-chef-hoecke-petry-stoppte-parteiverfahren-gegen-hoecke/12474498-3.html. [zurück]
    15. vgl. TA (2015): Parteiinternes Verfahren…, http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/politik/detail/-/specific/Parteiinternes-Verfahren-gegen-AfD-Landeschef-Bjoern-Hoecke-vom-Tisch-306382552. [zurück]
    16. vgl. Alexander Häusler (2016): Ausblick, in Die Alternative für Deutschland. Programmatik, Entwicklung und politische Verortung, Hrsg.: Ders. (Wiesbaden: SpringerVS), 242. [zurück]
    17. vgl. Felix Korsch (2016): Natürliche Verbündete?, in: Häusler (2016): Alternative für Deutschland, 113. [zurück]
    18. vgl. CC (2015): Zwischen 4500 bis 5500 bei 4. AfD-Demo in Erfurt, http://crowdcounting.de/wordpress/?p=881. [zurück]
    19. vgl. ND (2015): Rechte jagen nach AfD-Aufmarsch Linke durch Erfurt, https://www.neues-deutschland.de/artikel/986405.rechte-jagen-nach-afd-aufmarsch-linke-durch-erfurt.html. [zurück]
    20. vgl. TA (2015): Machtkampf in AfD?, http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/politik/detail/-/specific/Machtkampf-in-AfD-Petry-sagt-Gastauftritt-bei-Hoecke-in-Erfurt-ab-954959782. [zurück]
    21. Die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2015, europäische Ex- und Importe in/aus nicht EU-Staaten sind im Vergleich gering: Russland und die Ukraine zusammen machen 3,3% der Exporte und 5,1% der Importe aus. vgl. http://atlas.media.mit.edu/de/profile/country/hun/. [zurück]
    22. vgl. IHK (2011): EU-Förderprogramme Ungarn 2014 bis 2020, https://www.aachen.ihk.de/international/Aussenhandelsmaerkte/Ungarn/Foerderprogramme/608080 [zurück]
    23. vgl. Andreas Koob, Holger Marcks und Magdalena Marsovszky (2013): Mit Pfeil, Kreuz und Krone – Nationalismus und autoritäre Krisenbewältigung in Ungarn. (Münster: Unrast). [zurück]
    24. vgl. ebd.: 24 – 29. [zurück]
    25. vgl. die beiden Beiträge von László Sólyom (2013): Ende der Gewaltenteilung, 5 – 11 und Gábor Attila Toth (2013): Macht statt Recht, 21 – 28, in osteuropa, 63 Jg. / H. 4. [zurück]
    26. vgl. SZ (2012): Wir beugen uns der Macht, nicht den Argumenten, http://www.sueddeutsche.de/politik/ungarn-zu-eu-vertragsverletzungsverfahren-wir-beugen-uns-der-macht-nicht-den-argumenten-1.1260651. [zurück]
    27. vgl. PL (2012): Sonderfahrt nach Budapest, http://www.pesterlloyd.net/2012_03/03sonderfahrt/03sonderfahrt.html. [zurück]
    28. vgl. Rangliste Pressefreiheit (2007), https://www.reporter-ohne-grenzen.de/fileadmin/Redaktion/Presse/Downloads/Ranglisten/Rangliste_2007/Rangliste_2007.pdf. [zurück]
    29. vgl. Rangliste Pressefreiheit (2017), https://www.reporter-ohne-grenzen.de/fileadmin/Redaktion/Presse/Downloads/Ranglisten/Rangliste_2017/Rangliste_der_Pressefreiheit_2017_-_Reporter_ohne_Grenzen.pdf. [zurück]
    30. Im Gegensatz zu Deutschland sind in Ungarn die »öffentlich-rechtlichen« Medien nicht durch Rundfunkgebühren finanziert, sondern direkt vom Staatshaushalt abhängig. Deshalb wird hier von »staatlich« und nicht »öffentlich-rechtlich« gesprochen. Ausführlich zur ungarischen Mediengeschichte: Marc Stegherr und Kerstin Liesem (2010): Die Medien in Osteuropa – Mediensysteme im Transformationsprozess (Wiesbaden: SpringerVS), 250ff.. [zurück]
    31. vgl. Stellungnahme zum ungarischen Mediengesetz vom Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestags (2011), https://sehrgutachten.de/bt/wd10/008-11-stellungnahme-zum-ungarischen-mediengesetz.txt. [zurück]
    32. vgl. Roland Androwitzer und Ernst Gelegs (2013): Schöne Grüße aus dem Orbán-Land. Die rechte Revolution in Ungarn (Wien: Styria), 70. [zurück]
    33. vgl. PR (2011): Massenentlassungen: Beförderung für politisch motivierte Nachrichtenmanipulation, https://pusztaranger.wordpress.com/2011/07/15/massenentlassungen-beforderung-fur-politisch-motivierte-nachrichtenmanipulation/. [zurück]
    34. vgl. NYT (2017): Rally in Hungary to Support Reporter Claiming Govt Assault, https://www.nytimes.com/aponline/2017/05/06/world/europe/ap-eu-hungary-press-.html?_r=0. [zurück]
    35. vgl. Márton Gergely (2016): »Népszabadság«-Vize sieht »Bestrafung des kritischen Journalismus«, http://derstandard.at/2000045843339/Nepszabadsag-Vize-sieht-Bestrafung-des-kritischen-Journalismus. [zurück]
    36. vgl. standard (2016): Regierungskritische ungarische Zeitung geht an Orbán-nahen Verlag, http://derstandard.at/2000046505751/Ungarn-Regierungskritische-Zeitung-an-Orban-nahen-Verlag-verkauft. [zurück]
    37. Gregor Mayer (2016): Ungarn: Der unheimliche Erfolg des Lőrinc Mészáros, http://derstandard.at/2000046526921/Ungarn-Der-unheimliche-Erfolg-des-Lorinc-Meszaros. [zurück]
    38. vgl. Pethő András und Zöldi Blanka (2017): How EU-funded projects secretly contributed to the Orbán family’s enrichment, http://www.direkt36.hu/en/2017/05/09/rejtett-allami-munkakbol-is-jott-penz-az-orban-csalad-gyorsan-szerzett-milliardjaihoz/. [zurück]
    39. vgl. PL (2016): Volkswille in der Postdemokratie: Fakten und Fiktionen zum Referendum in Ungarn, http://www.pesterlloyd.net/html/1638referendumungarnoktober.html. [zurück]
    40. vgl. Zeit (2016): EU-Politiker erleichtert über Scheitern der Volksabstimmung, http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-10/referendum-ungarn-fluechtlinge-eu-politiker-erleichterung. [zurück]
    41. vgl. »Facts Matter« (2017), http://europa.eu/rapid/attachment/MEX-17-1116/en/Commission%20answers%20Stop%20Brussels%20Consultation_EN.pdf. [zurück]
    42. vgl. Jürgen Elsässer am 1. April 2017, https://www.youtube.com/watch?v=rgIhiSiYv_A. [zurück]
    43. vgl. Koob, Marcks und Marsovszky (2013): Pfeil, Kreuz und Krone, 164ff.. [zurück]
    44. vgl. Viktor Orbán (2012), https://www.youtube.com/watch?v=OLDjpsqaTbA. [zurück]
    45. Übersetzung durch Gregor Mayer (2012): Umstrittene Blut-und-Boden-Rede Orbáns, http://derstandard.at/1348284885395/Umstrittene-Blut-und-Boden-Rede-Orbans. [zurück]
    46. vgl. RT (2015): »The dictator is coming«: Juncker trolls Hungarian PM Orban, https://www.youtube.com/watch?v=juFxBhDSK9s. [zurück]
    47. vgl. Frank Spengler und Bence Bauer (2016): Referendum in Ungarn verfehlt Quorum, http://www.kas.de/wf/de/33.46578/. [zurück]
    48. vgl. KAS (2017): »Make Europe great again«. http://www.kas.de/wf/de/33.47783/. [zurück]
    49. vgl. Albert Schäffer (2016): Seehofers Spiel mit Europas Störenfried, http://www.faz.net/aktuell/politik/europaeische-union/viktor-orban-besucht-horst-seehofer-im-bayerischen-landtag-14485223.html. [zurück]
    50. vgl. TS (2016): AZRDDF statt ARD und ZDF?, https://www.tagesschau.de/inland/seehofer-ardzdf-101.html. [zurück]
    51. vgl. Wippermann, Wolfgang (2009): Faschismus – Eine Weltgeschichte vom 19. Jahrhundert bis heute (Darmstadt: Primus), 146ff.. [zurück]
    52. vgl. Karl Pfeifer (2017): Orbán-Regime nimmt sich Horthys Ungarn zum Vorbild, http://derstandard.at/2000056605614/Orban-Regime-nimmt-sich-Horthys-Ungarn-zum-Vorbild. [zurück]
    53. Koob, Marcks und Marsovszky (2013): Pfeil, Kreuz und Krone, S. 207. [zurück]

    Von »deutschen Männern« und »deutschen Frauen«

    von Jakob Becksmann, erschienen in ThUg Magazine #1

    Die AFD ist eine „Partei der Rechten mit bestimmten extrem rechten Tendenzen im Hinblick auf ihre Inhalte und ihr Personal“ 1. Teilt man diese Analyse, wird es einen wenig überraschen, dass die AFD neben euro(pa)skeptischen, nationalistischen und marktradikalen Positionen auch im Hinblick auf geschlechtspolitische Themen mehr als einfach nur unsympathisch ist. Gerade der Kampf gegen »Gender Mainstreaming« wird mit harten Bandagen geführt. Es ist von »staatlicher Umerziehung«, »Indoktrinierungs- und Missionierungsversuchen« oder den Machenschaften einer »Homolobby« die Rede2. Die Art der Begriffe, mit denen hier gearbeitet wird, legt schon die Brutalität nahe, mit der dieser Kampf von rechten Organisationen weniger bürgerlichen Anstrichs geführt wird. Besonders drastische Äußerungen rufen in regelmäßigen Abständen die erwartete mediale Empörung hervor. Wirklich überrascht scheint aber auch hier nie jemand, denn es gilt als allgemein bekannt, dass Rechte sich die Frauen zurück an den Herd wünschen und Homosexualität am liebsten abschaffen würden.

    Tatsächlich spielt das Thema »Geschlecht« bzw. eine generell geschlechterreflektierende Arbeitsweise bei der Auseinandersetzung mit der extremen Rechten3 in gesellschaftlichen Debatten und ebenso in der Forschung nur selten eine Rolle. Ausnahmen aus jüngerer Vergangenheit bilden dazu die Diskussionen um Beate Zschäpes Funktion im NSU oder die Forderungen des beurlaubten Geschichtslehrers Björn Höcke nach einem »mannhafteren« Deutschland. Dabei zeigen sich an diesen Beispielen bereits sehr deutlich wichtige Punkte, denen unbedingt näher auf den Grund zu gehen wäre. Zum einem die Frage danach, wie gut sich die Realität rechtsextremer Frauen mit einer Beschränkung auf eine passive Rolle der Mutter und Hausfrau tatsächlich fassen lässt. Zum anderen eine Klärung dessen, warum Höcke nun gerade der Etablierung bestimmter Geschlechterbilder einen zentralen Stellenwert in seiner Rede einräumt bzw. darin eine adäquate Antwort auf die postulierte Diagnose von »Islamisierung« und »Asylchaos« sieht.

    An diese Fragen möchte ich anknüpfen. Zunächst sollen dazu generelle Überlegungen und Erkenntnisse über Geschlechterrollenbilder innerhalb der extremen Rechten nachgezeichnet werden. Anschließend werde ich, um zu erklären warum geschlechtspolitische Themen überhaupt so eine große Relevanz innerhalb der extremen Rechten einnehmen, argumentieren, dass die Vorstellung von »richtigen Männern und Frauen« ein zentrales Element extrem rechten Denkens ist, dessen Wichtigkeit kaum zu überschätzen ist.

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