Identität und Gruppe

Anmerkungen zur Geschichte und Sozialpsychologie von individueller und kollektiver Identität

von Julian Bierwirth

Kollektivität in der frühen Arbeiter*innen-Bewegung
Für die Gründungszeit der Falken-Bewegung zum Beginn des 20. Jahrhunderts kann der Traditionelle Marxismus als hegemoniale Welterklärung innerhalb der Arbeiter*innenbewegung angesehen werden. Dieser versteht den Kapitalismus als „Anarchie des Marktes“ und erkennt in jedem Bezug auf das Individuum Selbstbereicherung und Egoismus. Demgegenüber erscheint die Arbeiterklasse als Trägerin von Kollektivität und damit als Ermöglichungsinstanz wahrer Menschlichkeit.
Diese Perspektive war in den 1920er Jahren weitgehend durchgesetzt. Wir finden sie exemplarisch auch bei den Vordenker*innen sozialistischer Erziehung, so etwa bei Kurt Löwenstein: „In dem Einzelbesitz und seiner Tendenz zur Anhäufung aus Selbsterhaltungsgründen liegt notwendigerweise die rücksichtslose Tendenz zur Ellenbogenfreiheit.“1 Diesem kapitalistisch geprägten Individualismus steht für Löwenstein jedoch die solidarische Kollektivität der Arbeiter*innenklasse gegenüber:

„In seinem Sklavendasein lernt das Proletariat seine Gemeinschaft erkennen. Die Solidarität aller wird der Inbegriff des Sozialismus, wird der Gegenpol zum Individualismus. Wer je dieses neue Solidaritätsgefühl der proletarischen Massen miterlebt hat, nicht als stummer Zuschauer, auch nicht als ästhetischer Idealist, sondern aus der Not eigenen proletarischen Daseins, der kennt Innigkeit und Tiefe dieses Solidaritätsbewußtseins.“2

Die Selbstverständlichkeit, mit der Löwenstein einer solidarischen Kollektivität ein emanzipatorisches Moment zuweist, verweist zugleich auf die praktische Erfahrung dieser Kollektivität im Klassenkampf. Und tatsächlich kann Löwenstein ebenso wie seine Zeitgenoss*innen noch von der Existenz eines breiten Arbeiter*innen-Milieus ausgehen. Für weite Teile der Arbeiter*innenklasse war die Zugehörigkeit zu dieser vergleichsweise selbstverständlich – und sie drückte sich aus in Formen kollektiver Selbstverwaltung wie Gewerkschaften und Arbeiterwohlfahrt, aber auch proletarischen Kneipen und Clubs. Vor diesem Hintergrund war es selbstverständlich, dass sich das Prinzip „Gruppe“ als pädagogisches Kernelement sozialistischer Erziehung herausbilden konnte. In der Gruppe sollte das Kind seine Verbundenheit mit anderen Kindern der Arbeiterklasse erfahren und so eine tiefe „Liebe“3 für die Arbeiterklasse entwickeln. Die Zentralität dieses Konzeptes war (und ist in Teilen auch immer noch) mit einer bestimmten Vorstellung von Kapitalismus und Befreiung verbunden. Kapitalismus galt immer und in erster Linie als Klassengesellschaft, die Überwindung des bürgerlichen Individualismus sollte mittels kollektiver Übernahme der gesellschaftlichen Verhältnisse durch das Proletariat und die damit verbundene staatlich-planende Zurichtung der Gesellschaft im Sinne der durch die Partei erkannten Interessen der Arbeiter*innen erreicht werden. Diese Tendenz wurde deutlich in der autoritären Durchsetzung des Marxismus-Leninismus in der Sowjetunion4, spiegelt sich aber in abgemilderter Form auch in den autoritären Tendenzen innerhalb der Sozialdemokratie, die einem starken Staat auch damals nicht ablehnend gegenüberstand.5
Mittlerweile ist dieser unproblematische Bezug auf eine vorausgesetzte proletarische Kollektivität allerdings kaum mehr üblich – und tatsächlich auch nur unter härtesten theoretischen Verrenkungen möglich. Die Auflösung traditioneller Arbeiter*innen-Milieus der Bundesrepublik spätestens in den 1960er Jahren hat die praktische Bindung der Arbeiter*innen an eine gefühlsmäßig selbstverständliche Klassengemeinschaft aufgehoben. Diese Auflösung hatte ihre Ursache zum einen in der prosperierenden ökonomischen Entwicklung der Nachkriegszeit, die eine relative Verbesserung der Lebensbedingungen für nicht wenige deutsche Arbeiter*innen auch innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft ermöglichte. Sie hatte aber auch immer die Erfahrungen des stalinistischen Terrors in der Sowjetunion und die damit verbundene Infragestellung des Traditionellen Marxismus als emanzipatorischer Befreiungstheorie zum Hintergrund.

Befreiung und Befreiungstheorien im Spätfordismus
Die Vorstellung von Befreiung, die der Traditionelle Marxismus entworfen hatte, hatte neben der unterstellten Kollektivität noch ein weiteres Standbein. Er ging nämlich davon aus, dass die Geschichte eine Geschichte eines stetigen Fortschritts sei. Irgendwann, so die Vorstellung, sei innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft eine Situation erreicht, in der die technischen Möglichkeiten und die polit-ökonomischen Rahmenbedingen einer Überwindung dieser Gesellschaftsformation nahelegen würden. In dem Moment sei es dann an der Arbeiter*innenklasse, die Situation zu erkennen und durch entschlossenes Handeln eine Revolution herbeizuführen. Durch- und umgesetzt werden sollte dies durch die Organisation, der Arbeiter*innenklasse, die Partei.
Diese Perspektive ist in den westlich-kapitalistischen Ländern Europas zwischen den 1950er und den 1970er Jahren zunehmend in die Krise geraten und wurde für viele Menschen aus den sozialen Bewegungen immer weniger plausibel. Das lag zum einen an der autoritären staatlichen Politik des Stalinismus, der statt mit Befreiung (zurecht!) eher mit Terror und Unterdrückung assoziiert wurde.
Es lag aber auch an einer zunehmenden Einbindung der Arbeiter*innenklasse in die kapitalistische Gesellschaft, etwa durch deren zunehmende Partizipation am gesellschaftlichen Reichtum im Gefolge des sog. „Wirtschaftswunders“. Dazu kam, dass seit den späten 1960er Jahren andere soziale Bewegungen im Vergleich zur Arbeiter*innenbewegung an Bedeutung gewannen. Mensch denke hier etwa an die Studierendenbewegung, die 2. Frauenbewegung, die Umweltbewegung oder die Krüppelbewegung. Deren Bedeutungszunahme ließ sich aus der Perspektive des Traditionellen Marxismus ebenso wenig erklären wie er in der Lage gewesen wäre, den Bewegungen Impulse für emanzipatorisches Handeln zu geben.
So entwickelten sich eine ganze Reihe neuer Befreiungstheorien, die ihren Ausgangspunkt allesamt an einer Kritik des Traditionellen Marxismus in der Gestalt des Marxismus-Leninismus und des Stalinismus hatten. In der einen oder anderen Weise sollten diese Befreiungstheorien nicht nur für die (deutschsprachige) Linke, sondern auch für die Falken als Bewegungsorganisation Bedeutung bekommen.
Als erstes ist hier sicherlich die Kritische Theorie der sog. Frankfurter Schule zu nennen. Ihr Ausgangspunkt war das Versprechen des Traditionellen Marxismus, dass soziale Befreiung und technischer Fortschritt miteinander Hand in Hand gehen würden. Diese Vorstellung ist jedoch durch die Gräuel des Nationalsozialismus blamiert worden. Ganz offensichtlich war diese lineare Fortschrittserzählung nicht mehr länger aufrechtzuerhalten. Die Kritische Theorie transformierte diese Vorstellung nun dahingehend, dass eine zunehmende technische Naturbeherrschung auch mit einer zunehmenden Beherrschung der Menschen einhergehe, eine bruchlose Emanzipationsperspektive aller Arbeiter*innen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum Proletariat daher auch nicht angenommen werden könne. Damit werden aber auch die Formen proletarischer Kollektivität fragwürdig oder bedürfen zumindest einer Begründung, die bis dato noch nicht gegeben worden war.6
Eine zweite, gerade heute im Verband sehr präsente Befreiungstheorie, stellt der französische Poststrukturalismus dar. Dieser nahm seinen Ausgangspunkt in Pariser Revolten im Mai 1968 und dem erfolgreichen Versuch der Kommunistischen Gewerkschaften und Parteien in Frankreich, diese zu beenden.7 Diese waren von der Analyse ausgegangen, dass die ökonomische Situation „objektiv“ einer Revolution entgegenstehe. Dazu kam, dass die Proteste nicht (nur) von der klassischen Arbeiter*innenbewegung getragen wurden und von den Protestierenden Positionen formuliert wurden, die sich nicht mit dem Programm der weiterhin stalinistisch geprägten KPF deckten. Als Reaktion auf den Aufruf der kommunistischen Großorganisationen an die Arbeiter*innen, sich von den Demonstrationen ab und der Fabrikarbeit zuzuwenden, wurde nun von einer ganzen Generation kritischer Student*innen eine Kritik an den althergebrachten Vorstellungen von Fortschritt und geschichtlicher Entwicklung, an Objektivität und der Zentralität der Kämpfe von Arbeiter*innen innerhalb der sozialen Bewegungen formuliert. Stattdessen wurde die Pluralität der Kämpfe thematisiert und statt zentraler, von oben vorgegebener Kampfziele rückten sog. „Mikropolitiken“ in den Mittelpunkt. Diese kreisen um konkrete Nöte und Bedürfnisse konkreter Aktivist*innen statt um die Frage nach der Überwindung kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Heute finden solche Überlegungen etwa in den viel diskutierten Konzepten von Queer und Dekonstruktion, von Postkolonialismus und Critical Whiteness ihren Niederschlag.8
Eine dritte Strömung, die hier noch erwähnt werden soll, ist der vor allem aus Italien stammende Operaismus. Hier wurde im Anschluss an radikale, aber nicht gewerkschaftlich getragene Kämpfe in den norditalienischen Automobilfabriken der 1960er und 1970er Jahren eine Theorie sozialer Kämpfe entworfen, die mit der Bedeutung von Parteien sowie traditionellen Gewerkschaften bricht und soziale Befreiung aus der Perspektive der Menschen konzipiert, die die dafür notwendigen Kämpfe führen (und nicht aus der Perspektive des fortgeschrittenen Wissens sozialistischer Parteien). Die Strömung sollte schließlich starken Einfluss auf die Entstehung der autonomen Bewegung auch in Deutschland bekommen9 und lieferte nicht zuletzt zentrale Impulse für eine zunehmend staatsskeptische Haltung innerhalb des Verbandes. Anfang der 2000er Jahre erlangte sie zudem zu einiger Prominenz, als im Rahmen der globalisierungskritischen Bewegung Konzepte diskutiert wurden, die die Perspektiven von Poststrukturalismus und Operaismus zusammenzuführen versuchten.10
Allen diesen Strömungen ist gemein, dass sie die Selbstverständlichkeit, mit der Kollektivität, Partei und Klasse zusammengedacht wurden, in der einen oder anderen Weise in Frage gestellt haben. Sie gingen einher mit einer um- fassenden Infragestellung tradierter linker Praxen, mit einer Skepsis gegenüber Großorganisationen und sind ein wesentlicher Teil dessen, was seit den 1970er Jahren als Herausbildung der Neuen Sozialen Bewegungen beschrieben wird.

Von der antiautoritären Revolte zum Neoliberalismus
Diese haben ihre Ursache freilich nicht in theoretischen Entwicklungen, die jenseits politischer Praxis stattgefunden hätten. Vielmehr reflektieren sich in diesen Theorien und ihrer zunehmenden Popularität nicht zuletzt die Kämpfe der 68er Bewegung. Diese waren ihrerseits eine Reaktion auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in den 1960er Jahren. Denn der wirtschaftliche Aufschwung der 1950er und -60er Jahre ging einher mit einer dazu passenden Zurichtung der Arbeiter*innen. Diese sahen ihre Lebensperspektive zunehmend in einer stabilen und sehr früh festgelegten Biographie: nach der Schule kam die Ausbildung, dann der Job, heiraten, Kinder, Rente – Kiste. Die Arbeit spielte sich in aller Regel in Fabriken oder Büros ab, die durch standardisierte Arbeitsabläufe ein hohes Maß an individueller Disziplin verlangten. Die Familien dieser Zeit waren im Wesentlichen anhand des Musters eines alleinverdienenden Ehemannes organisiert, dessen Frau daheim für Kinder, Küche und Kirche zuständig war.
Vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Prosperität hatte sich so ein stabiles Regulationsregime herausgebildet, dass in der linken Literatur für gewöhnlich als Fordismus bezeichnet wird.
Abgesichert wurden diese Arrangements im Fordismus durch einen starken, sich in alle Bereiche der Gesellschaft ausdehnenden Staat. Ebenso wie in der Fabrik durch die zentrale Planung der Fabrikleitung das Moment des Individualismus in den Hintergrund gedrängt wurde, wurde auch in Bezug auf die staatliche Aktivität zunehmend die problematische, die freie Handlungsfähigkeit der Einzelnen bedrängende Funktion des Staates sichtbar.11 Auch die kritische Infragestellung von Familien- und Beziehungsnormen, die 1968 ihren Anfang nahm, kann als Befreiung des Individuums von der Unterordnung unter überkommene Wertvorstellungen, aber auch von der Unterordnung unter die als natürlich vorausgesetzte Autorität des Mannes in der Familie verstanden werden.12
Gegen diese Konstellation richteten sich dann die Kämpfe der 68er. Es war, mit anderen Worten, eine Bewegung gegen die Einbindung des Individuums in kollektivautoritäre Systeme. Diese Forderungen waren jedoch nur scheinbar gegen die zentralen Imperative des Systems gestellt. Sie konnten von den Vertreter*innen von Politik und Kapital dadurch abgewehrt werden, dass sie innerhalb der Paradigmen der warenproduzierenden Wirtschaftsordnung reformuliert wurden. Die Forderungen nach Autonomie und Kreativität, nach Selbstverwirklichung und einer Gestaltung der eigenen Lebensverhältnisse wurden als Eigenverantwortung und Selbstvorsorge neu formuliert. Sie führten zu flexiblen Arbeitszeiten (bei denen nicht selten die Arbeitnehmer*innen sich an die Bedürfnisse des Betriebes anzupassen haben), zu Gruppenarbeit im Betrieb, zur Eigen- und Selbstverantwortung innerhalb der sozialen Sicherungssysteme und dergleichen mehr.13
Diese Entwicklung geht einher mit einer Prekarisierung dieser Sicherungssysteme. Das bedeutet nichts anderes als eine Prekarisierung des Lebens und des eigenen Weltbezugs. Da sich dies, einmal wahrgenommen, kaum aushalten ließe, wird es geadelt: der Zwang, sich alle 2 Jahre einen neuen Job suchen zu müssen (weil die alte Stelle nur befristet war), wird zur Freiheit umgedeutet, nicht immer dasselbe machen zu müssen. Die Rhythmen, in denen sich Dinge in unserem Leben verändern, beschleunigen sich in der Folge dieser Transformationen in nicht zu unterschätzendem Maße. Das sehen wir auch in unserem Verband. Zum einen, weil die Dauer, in der junge Menschen im Verband aktiv sind, tendenziell sinkt. Aber auch, weil Entscheidungen (fahre ich mit ins Zeltlager?) tendenziell immer später getroffen werden. Oder weil wir immer weniger Menschen finden, die langfristig-stabilisierende Funktionen innerhalb des Verbandes ausüben wollen. Oder weil auch unsere Finanzierung immer mehr von einer Grundfinanzierung weg und hin zu einer projektbasierten Finanzierung umgestellt wird. Die Erzählung des Spätkapitalismus rankt sich um „Projekte“ und „Netzwerke“ und hat längst in unseren Köpfen Einzug gehalten.14
In Bezug auf unser pädagogisches Wirken im engeren Sinne spiegelt sich diese Entwicklung in einer zunehmenden Infragestellung des Gruppenkonzeptes wieder. Immer wieder wurde gefragt, ob diese nicht eher Einschränkungen für die Kinder und Jugendlichen bedeute, wurde der emanzipative Impuls von Gruppenarbeit angezweifelt. Und tatsächlich ist in den Konzepten der Klassiker sozialistischer Erziehung zumeist nicht ausgeführt, warum gerade das Aufgehen des Individuums im Kollektiv seine volle Entfaltung garantieren sollte. Es wurde vielmehr unterstellt und begriffslos vorausgesetzt.

Individualismus und Kollektivität in der Kritischen Theorie
Das Konzept der Klasse konzipiert ein einheitliches Subjekt der Befreiung. Die Proletarier sollen gerade dazu berufen sein, die Weltrevolution zu vollbringen, weil sie Proletarier und als solche einander „gleich“ sind. Als „gleich“ gelten sie einander insofern als das sie durch ihre Existenz und ihren sich daraus ergebenden Interessen im unversöhnlichen Widerspruch zu der Klasse der Produktionsmitteleigner stehen. Als vereinheitlichendes Kollektiv konnten die Einzelnen allerdings nur insofern auftauchen als sie auf die Vereinheitlichung bezogen sind: als Arbeiter. Aus dieser Vorstellung stammt auch der Produktivismus, der dem Klassenkonzept anhaftet und der sich im Bild vom „Mann der Arbeit“ ausdrückt.15 Hier herrscht allein „Kollektivität als blinde Wut des Machens“16, wie der Sozialphilosoph Theodor W. Adorno dies in seiner Minima Moralia nennt.
Adorno kritisiert dieses Aufgehen der Einzelnen in einem Kollektiv. Es mache die Leute gleich und ignoriere dadurch die Besonderheiten der einzelnen Menschen. Ihren Ecken, Kanten und Macken fallen weg. Stattdessen komme es aber darauf an, „ohne Angst verschieden“17 sein zu können. Denn die Menschen, die als Teil dieser Klasse aufgefasst werden, sind nicht einfach Arbeiter, sondern Arbeiter*innen.18
Mit anderen Worten: Kollektivität kommt aus emanzipatorischer Perspektive nur dann zu ihrem Recht, wenn sie die Besonderheiten der Menschen nicht zum Verschwinden, sondern zur Entfaltung bringt. Doch Adorno, der oft mit seiner Kritik an „der Herrschaft des Allgemeinen über das Besondere“19 in die politische Auseinandersetzung geworfen wird, bleibt nicht bei dieser einfachen Bestimmung stehen. Er kritisiert aber zugleich die Vorstellung einer ungesellschaftlichen Individualität. Das der Mensch den anderen Menschen und der Welt als „vereinzelter Einzelner“20 gegenübertritt, so argumentiert er, sei gerade das Prinzip der Vergesellschaftung in einer Welt, die um die Produktion von Waren herum organisiert ist. Diesen Gedanken finden wir bereits bei Marx, der über die Menschen und ihre privaten Interessen schreibt:

„Die Pointe liegt vielmehr darin, dass das Privatinteresse selbst schon ein gesellschaftlich bestimmtes Interesse ist und nur innerhalb der von der Gesellschaft gesetzten Bedingungen und mit den von ihr gegebnen Mitteln erreicht werden kann, also an die Reproduktion dieser Bedingungen und Mittel gebunden ist. Es ist das Interesse der Privaten; aber dessen Inhalt, wie Form und Mittel der Verwirklichung, durch von allen unabhängige gesellschaftliche Bedingungen gegeben. Die wechselseitige und allseitige Abhängigkeit der gegeneinander gleichgültigen Individuen bildet ihren gesellschaftlichen Zusammenhang.“21

Es ist also die spezifisch gesellschaftliche Errungenschaft des Kapitalismus, dass die Menschen sich als Gleiche gegenübertreten, die nur ihren privaten (freiheitlichen) Interessen nachgehen. Sie werden im Kapitalismus, diesmal in den Worten Adornos, „vereinzelt, nur um sie in ihrer Vereinzelung vollständig brechen zu können“.22 Es bedürfe also des „Gegenteils“ dieser Vereinzelung, um das Individuum tatsächlich vor den Ansprüchen der es vereinzelnden Ge- sellschaft zu schützen. Dieses Gegenteil aber ist nichts weiter als der solidarische Zusammenhang in der Gruppe. Adorno führt diesen Punkt in der Minima Moralia nicht weiter aus, doch in den „Soziologischen Exkursen“, einem unter der Leitung Adornos vom Frankfurter Institut für Sozialforschung herausgegebenem Sammelbändchen mit Reflexionen zu verschiedensten Begriffen der kritischen Sozialwissenschaften, heißt es im Eintrag zum Begriff der „Gruppe“:

„Der unmittelbare Kontakt der ihr zugehörigen Menschen ermöglicht diesen zugleich die Identifizierung mit aus eigener Anschauung real erfahrenen Anderen und mit der Gruppe selbst. In kleinen Gruppen mag sich der Einzelne als Besonderer erfahren, der zugleich mit anderen Einzelnen unabdingbar verbunden ist. Lebendige Anschauungen von den Menschen und ihrem Verhältnis zueinander werden in Gruppen dieses Typus nicht nur ursprüng- lich – in der Kindheit – erworben, sondern auch Leben des Erwachsenen gefestigt und zugleich weitergebildet. Für jegliche Humanität ist intime Nähe zu Menschen, und damit die Zugehörigkeit zu Gruppen, die unmittelbaren menschlichen Kontakt ermöglichen, selbstverständliche Voraussetzung.“23

Allem emanzipatorischen Potential, das die Gruppe für ihre Mitglieder bereithält, bleibt doch ein Problem. Denn nicht selten bilden Gruppen nach außen starke Identitätsfixierungen aus, werden selbstgenügsam und identitär, kurzum: sie verlieren ihr emanzipatorisches politisches Potential. Um derartigen Entwicklungen entgegenzusteuern wäre an anderer Stelle genauer zu klären, wie die Identitätsbildung innerhalb der Gruppe mit deren Verortung in einem komplexen politischen Feld einhergeht.

Gruppe als Voraussetzung für Emanzipation
Die Kritische Theorie bestimmt also, wie wir oben gesehen haben, die Gruppe als Voraussetzung für Emanzipation. Dabei ist die Gruppe freilich nicht die fertige Gegenwelt, nicht der bereits im hier und heute existierende Sozialismus und nicht das ganz andere. Denn ihre Mitglieder sind allesamt Menschen, die aus dem Kapitalismus kommen, die im Kapitalismus aufgewachsen sind und dort ihre Haltungen zur Welt erlernt haben. Insofern gelten auch hier die drei Grenzen pädagogischen Handelns, auf die der traditionsmarxistische Pädagoge Siegfried Bernfeld bereits 1925 formuliert hatte. Falken-Gruppen existieren immer innerhalb einer kapitalistischen Realität und sind daher auch mit den materiellen Beschränkungen dieser Realität konfrontiert. Die Knappheit von Ressourcen, die in vielen Fällen Ausgangspunkt von Aushandlungsprozessen wird, ist durch die kapitalistische Realität gegeben. Dazu kommt, dass die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in diesen Gruppen in einer solchen kapitalistischen Gesellschaft aufgewachsen sind und dementsprechend eine ganze Reihe von Verhaltenseinstellungen und Normalitätsvorstellungen, aber auch von Kränkungen und Ohnmachtsgefühlen mit sich herumtragen. Und was für diese gilt, gilt nicht weniger für die Gruppenhelfer*innen. Auch sie sind im Kapitalismus sozialisiert und haben dementsprechend ihr Päckchen zu tragen.24
Um uns der Frage zu nähern, wie genau die Erfahrungen im Gruppenprozess zur tatsächlichen Entfaltung ihrer Mitglieder beitragen können wollen wir uns noch einmal vor Augen zu führen, was die Spezifik der bürgerlichen Subjektivität ausmacht. Wie oben ausgeführt, treten sich die Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft als freie und gleiche gegenüber. Die Freiheit, die damit gemeint ist, ist jedoch eine doppelte: die Menschen sind zwar frei von persönlicher Abhängigkeit, sie sind aber ebenso frei von allen Sicherheiten und der Möglichkeit, ihr Leben gestalten zu können. Um das zu tun, müssen sie Waren produzieren und verkaufen.25 Diese Situation prägt jedoch die Perspektive, mit der die Warenproduzent*innen die Welt wahrnehmen:

„Käufer und Verkäufer sind für einander nicht nur gleich gültig im Sinne gleicher Geltung und förmlicher Ebenbürtigkeit vor dem bürgerlichen Recht, sondern sie sind einander auch zutiefst gleichgültig in dem Sinne, dass sie den anderen in egoistisch-unpersönlicher Weise als bloßes Mittel für die Durchsetzung ihres eigenen Interesses an den Tauschgegenständen benutzen müssen.“26

Soziale Beziehungen im Kapitalismus sind in erster Linie instrumentelle Beziehungen. Auch unsere direkte Interaktion, selbst wenn wir freundlich sind um unser Ziel zu erreichen, ist von dieser Perspektive geprägt. Unsicherheit und Unglaubwürdigkeit prägen daher unser Verhältnis zu den Mitmenschen.27 Gleichzeitig ist und bleibt unsere Selbstwahrnehmung aber davon abhängig, wie andere uns unser Verhalten spiegeln. In einer Welt, in der wir uns gegenseitig als Konkurrent*innen gegenübertreten, ist davon freilich nicht viel zu erwarten. Einerseits, weil die Kommunikation der anderen aus dem Konkurrenz-Modus heraus erfolgt. Und andererseits, weil wir uns nie sicher sein können, ob das erlangte Feedback tatsächlich authentisch ist.28 Existenz innerhalb der Welt ist somit durch einen stets prekären Weltbezug gekennzeichnet. Über allem steht die Angst, von der Teilhabe an den Mechanismen gesellschaftlicher Arbeitsteilung (und damit von allen Überlebensmöglichkeiten) ausgeschlossen zu werden. Auf diese Weise sind wir zum Erfolg in der Ellenbogengesellschaft verdammt.
Diese Grundkonstellation hat eine Reihe psychischer Auffangmechanismen hervorgebracht, mit denen wir unser prekäres Selbst zu stabilisieren versuchen29
Vor dem Hintergrund der Transformationen, die der Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat und die im Kern in einer Stärkung der Anforderungen bestehen, mit denen das Individuum den gesellschaftlichen Zwängen entgegengesetzt wird, werden diese Anforderungen nicht kleiner, sondern nehmen tendenziell zu. Gerade weil Selbstverwirklichung und Autonomie zu den zentralen Leitbildern des Neoliberalismus aufgestiegen sind und durch die ökonomischen Verschiebungen ein erfolgreiches Einlösen dieser Leitbilder immer unwahrscheinlicher wird, führt das zwangsläufig eintretende Scheitern bei vielen zu der Einschätzung, am eigenen Schicksal selber schuld und für diese Welt offensichtlich nicht gemacht zu sein. Nicht selten hat diese Interpretation dann einen Rückzug aus allen sozialen Zusammenhängen zur Folge.30
Auch diese Mechanismen nehmen wir mit in unsere Gruppenstunden. Gleichzeitig bleiben diese Gruppenstunden aber eine Möglichkeit, sich kollektiv aus dem Scheiß herauszuarbeiten, in den uns der Kapitalismus geworfen hat. In der solidarischen Gruppe haben wir die Möglichkeit, uns als handlungsfähiges Individuum zu erfahren. Wir erreichen dies durch einen qualitativ neuen Bezug aufeinander, der in der Falken-Bewegung oft als „Freundschaft“ bezeichnet wird. Dies auszubuchstabieren ist eine der großen Herausforderungen, vor denen die Falken in Theorie und Praxis stehen.

Julian ist Bildungsarbeiter, wohnt in Göttingen und bewegt sich seit etwa 20 Jahren innerhalb der Falken. Er hat in dieser Zeit verschiedene ehren- und hauptamtliche Funktionen ausgefüllt.

  1. Kurt Löwenstein: Sozialistische Schul- und Erziehungsfragen (1919 [1922]). In: ders.: Sozialismus und Erziehung. Berlin/ Bonn-Bad Godesberg 1976, S. 28 [zurück]
  2. Ebd, S. 29. [zurück]
  3. Löwenstein schreibt: „So und auch nur so sollen unsere Küken Heimgefühle für ihre Klasse und für die Arbeiterbewegung bekommen. Sie sollen wissen, daß Sozialisten so liebe Menschen sind wie Vater und Mutter, Menschen, die zu ihnen gehören, die sie lieb haben wollen, die mit ihnen spielen und mit denen man froh und glücklich beisammen sein kann.“ (Kurt Löwenstein: Die Aufgaben der Kinderfreunde (1929). In: ders.: Sozialismus und Erziehung. Berlin/ Bonn-Bad Godesberg 1976, S. 221) [zurück]
  4. Vgl. Christoph Jünke (Hrsg.): (2017): Marxistische Stalinismus-Kritik im 20. Jahrhundert. Eine Anthologie. Köln/Karlsruhe : ISP [zurück]
  5. Vgl. Ralf Holfrogge (2011) : Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland. Von den Anfängen bis 1914. Stuttgart : Schmetterling, S190ff. [zurück]
  6. Zur Bewegungsperspektive der Kritischen Theorie vgl. Michael Schwandt (2009): Kritische Theorie. Eine Einführung. Stuttgart: Schmetterling Wir werden im weiteren Verlauf dieser Argumentation feststellen, dass die Kritische Theorie sehr wohl Fragmente einer solchen Begründung liefert. [zurück]
  7. Im Mai 1968 kam es in Paris zu heftigen, mehrere Wochen andauernden Straßenschlachten zwischen protestierenden Studierenden und Arbeiter*innen auf der einen und der Staatsmacht auf der anderen Seite. Die Ausschreitungen hatten dabei ein Niveau erreicht, dass deutlich über den in Westdeutschland zu beobachtenden Aktionismus hinausging. Für einen ersten Überblick vgl. die einschlägige Wikipedia-Seite: https://de.wikipedia.org/wiki/Mai_1968 [zurück]
  8. Zur politischen Bedeutung des Poststrukturalismus vgl. Gabriel Kuhn (2005): Tier-werden, Schwarz-werden, Frau-werden. Eine Einführung in die politische Philosophie des Poststrukturalismus. Münster: Unrast [zurück]
  9. Das wird beispielhaft deutlich in der Rezeption von Detlef Hartmann (1989): Leben als Sabotage. Zur Krise der technologischen Gewalt. M. Junk : Berlin [zurück]
  10. Zur Perspektive des sog. Postoperaismus vgl. Robert Foltin (2010): Die Körper der Multitutde. Stuttgart: Schmetterling [zurück]
  11. Dies war beispielsweise der Fall, wenn staatliche Sozialgesetzgebung die Menschen auf ebenso vorhersehbare wie langweilige Lebensverläufe verpflichtet. Zum Protestpotential fordistischer Biographien vgl. Andrè Gorz (2000 {1997]): Arbeit zwischen Misere und Utopie. Frankfurt am Main : Suhrkamp, S. 18ff. sowie Luc Boltanski/ Ève Chiapello (1999): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK, S. 215ff. [zurück]
  12. Andrea Trumann (2002): Feministische Theorie. Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus. Stuttgart : Schmetterling, S. 14ff. sowie Bini Adamczak (2017): Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 193ff [zurück]
  13. Luc Boltanski/ Ève Chiapello (1999): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK, S. 254ff [zurück]
  14. Luc Boltanski/ Ève Chiapello (1999): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK, S. 451ff. [zurück]
  15. „Mann der Arbeit, aufgewacht!“, heißt es in der ersten Strophe des „Bundesliedes für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“. Das von Georg Herwigh 1863 verfasste Gedicht fährt fort: „Und erkenne deine Macht!/ Alle Räder stehen still./ Wenn dein starker Arm es will.“ [zurück]
  16. Theodor W. Adorno (2003 [1951]): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 178 [zurück]
  17. Theodor W. Adorno (2003 [1951]): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 116. Adorno schreibt dort: „Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen. Politik, der es darum im Ernst noch ginge, sollte deswegen die abstrakte Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee propagieren. Sie sollte statt dessen auf die schlechte Gleichheit heute, die Identität der Film- mit den Waffeninteressenten deuten, den besseren Zustand aber denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann.“ [zurück]
  18. Der Postoperaismus versucht diese Vielfältigkeit von Widerstandsperspektiven mit dem Begriff der „Multitude“ zu fassen. Dieser bei Spinoza entlehnte Begriff verweist „auf eine Vielheit, die als solche im öffentlichen Raum fortbesteht, im kollektiven Handeln in der Erledigung der öffentlichen Angelegenheiten, ohne in einer Einheit aufzugehen. […] Multitude ist die soziale und politische Existenzform der Vielen als Vieler: eine bleibende Form, keine vorläufige oder vorübergehende. [… Sie ist] die wesentliche Trägerin der zivilen Freiheiten.“ (Paolo Virno: Grammatik der Multitude. Wien: Turia + Kant, S. 26 [zurück]
  19. Theodor W. Adorno (1965): Gesellschaft. In: ders. (2003): Soziologische Schriften I. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 14 [zurück]
  20. Karl Marx/ Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW 3, S. 178 [zurück]
  21. Karl Marx: Grundrisse zur Kritik der Politischen Ökonomie. In: MEW 42, S. 90 [zurück]
  22. Theodor W. Adorno (2003 [1951]): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 171. Adorno schreibt hier: „Gesellschaftlich zeigtdie Verabsolutierung des Individuums den Übergang von der universalen Vermittlung des gesellschaftlichen Verhältnisses, die als Tausch stets zugleich auch Einschränkung des in diesem realisierten je eigenen Interesses erheischt, zur unmittelbaren Herrschaft an, deren die Stärksten sich bemächtigen. Durch diese Auflösung alles Vermittelnden im Individuum selber, vermöge dessen es doch auch ein Stück gesellschaftliches Subjekt war, verarmt, verroht und regrediert es auf den Stand des bloßen gesellschaftlichen Objekts. Als […] abstrakt verwirklichtes hebt das Individuum sich selber auf: die Zahllosen, die nichts mehr kennen als sich und ihr nacktes schweifendes Interesse, sind die gleichen, die kapitulieren, sobald Organisation und Terror sie einfängt. Wenn heute die Spur des Menschlichen einzig am Individuum als dem untergehenden zu haften scheint, so mahnt sie, jener Fatalität ein Ende zu machen, welche die Menschen individuiert, einzig, um sie in ihrer Vereinzelung vollkommen brechen zu können. Das bewahrende Prinzip ist allein noch in seinem Gegenteil aufgehoben.“ [zurück]
  23. Institut für Sozialforschung (2013 [1956): Soziologische Exkurse. Europäische Verlagsanstalt: Hamburg [zurück]
  24. Vgl. Siegfried Bernfeld: Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Zur Kritik an der traditionsmarxistischen Perspektive Bernfelds vgl. zudem Julian Bierwirth (2012): Der autoritäre Antiautoritäre. Online abrufbar unter: http://www.trend.infopartisan.net/trd5612/ t115612.html [zurück]
  25. In aller Regel ist die Ware Arbeitskraft die einzige, die die Menschen feilbieten können. Ein Mensch in diesem Zustand ist laut Marx „frei in dem Doppelsinn, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.“ (Karl Marx: Das Kapital. In: MEW 3, S. 183) [zurück]
  26. Klaus Ottomeyer (1977): Ökonomische Zwänge und menschliche Beziehungen. Soziales Verhalten im Kapitalismus, S. 71 [zurück]
  27. Ebd., S. 72f [zurück]
  28. Ebd., S. 74f., Auf die schädlichen psychologischen Folgen dieser Konstellation hat zudem Ronald D. Laing hingewiesen. Vgl. Ronald D. Laing (1969 [1967]): Phänomenologie der Erfahrung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 69ff [zurück]
  29. Ebd., S. 75, Vgl. Klaus Ottomeyer (1977): Ökonomische Zwänge und menschliche Beziehungen. Soziales Verhalten im Kapitalismus, S. 75 sowie Thedor W. Adorno (1959): Theorie der Halbbildung: In. Ders. (2003): Soziologische Schriften I. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 114f [zurück]
  30. Vgl. Luc Boltanski/ Ève Chiapello (1999): Der neue Geist des Kapitalismus.
    Konstanz : UVK, S. 453. Die Autoren schreiben dort: „Da die Werte Autonomie und Selbstverwirklichung betont und die sehr ungleiche Verteilung der Erfolgsvoraussetzungen bei der Selbstverwirklichung verdrängt wird, wird dieses Scheitern als persönliches Versagen erlebt, für das die Betroffenen die ganze Last tragen. Ihre Fähigkeit, sich bei einer wie auch immer gearteten Tätigkeit […], zu verwirklichen“, wird dabei in Frage gestellt. Der daraus folgende Verlust des Selbstwertgefühls erschwert das Knüpfen neuer Kontakte und trägt dazu bei, dass die Isolation zu einer dauerhaften Lebensform wird.“ [zurück]

MAKE AMAZON PAY

„Wir sind Maschinen, wir sind Roboter. Es ist, als würde man sich selbst an einen Scanner anschließen.“

von Marius Bickhardt

Dieses Interview mit Genoss*innen vom Bündnis „Make Amazon pay“ wurde im Dezember 2017 auf dem Blog „Plateforme d’enquêtes militantes“ (PEM) veröffentlicht und zeigt am Beispiel Amazon, was die linke Strategie in der Debatte um Digitalität sein muss: die Thematisierung und Sichtbarmachung von Arbeit und Leiderfahrungen sowie der Aufbau von politischen Allianzen zwischen Gewerkschaften und gesellschaftlicher Linke. Es muss klargemacht werden, dass hinter dem von Jeff Bezos erklärtem Ziel der künftigen Zustellung der Produkte noch am Bestelltag selbst härteste Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse stehen, die jedoch kaum sichtbar werden. Nur so kann man der Klassenblindheit der gegenwärtigen Technologieverherrlichung und dominanten Begriffen wie dem der Informationsgesellschaft beikommen. Nur auf Grundlage einer solchen Kritik der Technik als ein von sozialen Verhältnissen abgeleitetes, kann ein linker Diskurs dann vielleicht auch das Blatt wenden: Indem er aufzeigt, inwiefern Technologie und Algorithmen unter anderen gesellschaftlichen Vorzeichen die notwendige Arbeit reduzieren würden.

Zu Beginn wäre eine kurze Vorstellung gut, wer ihr seid, welche politische Vorgeschichte der Großteil von euch hat und wann ihr als Soli-Bündnis aktiv geworden seid.
Viele von uns waren, bevor sie im Streiksolibündnis aktiv wurden, in den typischen linksradikalen Gruppen organisiert, die einmal pro Jahr eine Vortragsreihe machen, dann organisieren sie noch eine Demo und bestenfalls klappt es, alles noch in einer Jahreskampagne zusammenzubringen. Ein Jahr ohne Kampagne ist dann ein verlorenes Jahr. Auf diese Politik hatten
wir keine Lust mehr. Denn es fehlen vor allem zwei Dinge:
Zum einen findet diese linksradikale Politik immer in einem bestimmten Milieu statt, das linke Studierende und ihre Freunde umfasst. Wer kommt denn sonst zu den Vorträgen zur europäischen Finanzkrise, dem richtigen Rassismusbegriff oder Parlamentarismuskritik? Wer nimmt an unseren Demos teil und nimmt sie nicht nur als Störung seiner Shoppingtour in der Innenstadt wahr? Ich will diese beiden Formen politischer Praxis nicht pauschal zurückweisen, aber sie müssen Teil einer größeren Strategie sein. Zum anderen hat eben genau diese Strategie gefehlt. Auch im Solibündnis haben wir keine abschließende Strategie, die wir goldeneingerahmt in unserem Plenarraum hängen haben, aber ich denke wir haben eine Idee. Wir wollen die Bildung der Klasse für sich selbst als Antwort auf Nationalismus und Neoliberalismus vorantreiben. Das ergibt sich ja schon aus der Mitgliederstruktur unserer Gruppe. Die meisten in der Gruppe haben Arbeitsverträge an Universitäten, andere studieren noch und müssen zu miesen Bedingungen nebenbei arbeiten – auf mich etwa treffen alle genannten Kriterien momentan zu – wieder andere arbeiten im Care-Sektor, der in der BRD ohne die notwendige emotionale Bindung der Arbeiter*innen zu ihrem Job morgen einpacken könnte. Hinzukommen dann die Amazon-Arbeiter*innen. Es kommen also verschiedene Segmente der Arbeiter*innenklasse in unserer Politik zusammen.
Das war vielleicht nicht immer die Ausrichtung des Bündnisses. Es ist keines der Gründungsmitglieder mehr dabei. Die Struktur existiert ja bereits seit fünf Jahren. In der jetzigen Konstellation seit ungefähr sechs Monaten, zuvor waren wir lange im Prinzip zu zweit. Wir profitieren heute in unserer Arbeit von dem Vertrauen, das die erste Generation geschaffen hat. Vielleicht hat der ersten Generation unsere Klassenperspektive etwas gefehlt. Außerdem war das Bündnis damals wirklich ein Bündnis mit Delegierten verschiedener Gruppen. Das ist heute nicht mehr der Fall.

Amazon scheint ein Knotenpunkt zu sein, in dem die aktuelle Neuzusammensetzung von Produktions- und Verkaufsformen des digitalen Kapitalismus im 21. Jahrhunderts zum Ausdruck kommt. Wir haben es mit einem neuen Grad an reeller Subsumtion zu tun, in dessen Zuge das einstmalige Fließband durch Algorithmen und Apps ersetzt wird. Objektiv vollzieht sich eine technologische Umstrukturierung und subjektiv eine neue Qualität an Kontrolle und Überwachung sowie Entqualifizierung der lebendigen Arbeit. Mit Amazon Flex begibt sich das Unternehmen nun auch in die Gig Economy des Plattformkapitalismus. Wie interpretiert ihr das Phänomen Amazon im digitalen Kapitalismus?
Ich würde die alte Frage: „Was produziert Amazon eigentlich?“ gar nicht in den Mittelpunkt stellen. Denn dann müssten wir über Marx diskutieren. Amazon hat natürlich auch eigene Güter wie Serien oder Alexa, aber im Wesentlichen ist Amazon ein Versandhändler und gleichzeitig Anbieter von verschiedenen Dienstleistungen, die den Warenhandel betreffen. Amazon zentralisiert das Warenangebot im Internet auf sich. Es ist also zugleich Konkurrent im Internet als auch die Plattform des digitalen Marktes und der Warenauslieferer selbst.
Im Arbeitsprozess von Amazon finden wir wirklich eine neue Qualität der Kontrolle vor. Der Handscanner verbindet den*die einzelne*n Amazon-Arbeiter*innen mit einem größeren Netzwerk, das Arbeitsprozess und konkreter Laufwege mit für den*die Einzelnen nicht durchschaubaren Algorithmen steuert. Die Arbeiter*innen sollen am besten ihren Kopf bei der Arbeit ausschalten und wie Roboter agieren. Es gibt außerdem viele Hinweise darauf, dass der Handscanner mehr Daten sammelt, als Amazon allgemeinhin zugibt. Anders ist nicht zu erklären, weshalb die Leads oder Abteilungsleiter*innen so viel personenbezogenes Wissen über den*die Einzelne*n haben.
Gleichzeitig setzt Amazon auf ganz konventionelle, fast anachronistische anmutende Formen der Kontrolle. Die Arbeiter*innen sind in kleinere Teams unterteilt, die jeweils einen Lead, also Leitende*n haben. Dieser ist nur dazu da eine bestimmte Anzahl von Arbeiter*innen zu kontrollieren bzw. zu nerven.
Gestützt auf die gesammelte Datenbasis werden die Arbeiter*innen in Feedbackgespräche geladen, wo Druck auf sie ausgeübt wird. Diese zweite Ebene findet sich in anderen Betrieben.
Diese Formen der Kontrolle kotzen die Arbeiter*innen natürlich an!
Diese digitale Überwachung, eingesetzt in einer Quasi-Fabrikhalle, ist nun etwas, was die Regel zu werden droht. Die menschliche Personenüberwachung kann ausgetrickst werden, oder man kann mit ihr verhandeln – das kann man mit dem Algorithmus nicht. Wie gesagt, Amazon kann messen, wie viel jede*r in der Schicht leistet und nutzt dieses Wissen, um Druck aufzubauen. Gleichzeitig laufen die Amazon-Arbeiter*innen sehr atomisiert durch das Warenlager, es gibt keine Kontrolle durch das Fließband wie im klassischen Fordismus. Daher musste das Kapital die Überwachungsmethoden verändern. Das Kapital wird versuchen, diese Formen in diesem Sektor zu perfektionieren und zugleich auf andere Produktionssektoren auszudehnen. Die Fragmentierung der Arbeiter*innenschaft ist eine Tendenz der heutigen Zeit. Unheimlich ist es, wenn tausende Arbeiter*innen isoliert durch die Fabrikhallen laufen und ein kleines Gespräch die Leistung sinken lässt bzw. Leads hinter der Säule lauern und Gespräche unterbinden.
Uns ist es aber auch wichtig zu betonen, dass diese Prozesse alle menschengemacht sind und wir uns dagegen wehren können! Wenn die Amazon-Arbeiter*innen gemeinsam das Arbeitstempo drosseln, was schon dadurch passieren kann, dass sie für eine gewisse Zeit die Sicherheitsregeln penibel befolgen, dann können sie den Produktionsablauf immer noch stören.
Simplifizierung und Entqualifizierung der Arbeit finden wir in allen möglichen Branchen. So gibt es auch bei Amazon digitale Facharbeiter*innen und die Geringqualifizierten. Durch die zunehmende Automatisierung können die einfacheren Arbeiten immer weiter maschinell ersetzt werden. Amazon verheimlicht dies den Arbeiter*innen nicht und baut somit auch zusätzlichen Druck auf.
Die Automatisierung, bei der noch unklar ist wie weitreichend sie bei Amazon sein wird, ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bringt sie Arbeitslosigkeit hervor und treibt die Prekarisierung voran, andererseits fallen bei Amazon zumindest die krankmachenden Tätigkeiten weg, die selbstverständlich auch nicht so sein müssten wie sie sind. Bei der ganzen Debatte über Digitalisierung der Arbeit darf der Faktor der Gesundheit nicht vergessen werden.
Kurzum – für uns ist Amazon ein Vorreiter bei der Herstellung der neuen Arbeitsbedingungen des digitalen Kapitalismus. Deswegen gehen sie uns alle etwas an. Uber, Foodora usw. sind die Weiterführung ihrer Prinzipien. Es liegt an den proletarischen Kräften dafür zu kämpfen, diese digitalisierten Arbeitsverhältnisse so einzurichten, dass sie möglichst wenig Schaden für das Wohl der Arbeiter*innen anrichten!

Der enorme Anteil an befristeter Beschäftigung, die periodenhafte Anstellung von Saisonarbeiter*innen in der Weihnachtszeit sowie das repressive Vorgehen des Unternehmens gegenüber gewerkschaftlicher Betätigung scheinen betriebliche Organisierung unmöglich zu machen. Wie ist es euch dennoch gelungen eine relative Organisationsmacht dauerhaft herzustellen und welche Möglichkeiten der Interaktion seht ihr zwischen radikaler Linker und Gewerkschaftskampf? Welche strategische Rolle spielt die Logistik dabei für euch? Kann man eurer Meinung nach das Soli-Bündnis als Teil des neu aufkommenden Interesses der Linken an sozialen Kämpfen sehen?
Die Organisationsmacht ist ein Problem. Ich werde nicht über Zahlen sprechen, aber über Praktiken von Amazon, die dazu führen, sie gering zu halten. Der Konzern versucht auf verschiedene Weisen, Arbeiter*innen mit unbefristeten Verträgen – bei den Entfristeten ist selbstverständlich der Organisationgrad deutlich höher – loszuwerden. Das Unternehmen versucht die Arbeiter*innen wegen Bagatellen abzumahnen oder bietet ganz offen Geld an, wenn die Entfristeten gehen. Vielleicht ist der absolute Organisationsgrad gar nicht das Hauptproblem. Amazon stellt auch immer mehr Personal ein, sodass gerade zur Weihnachtszeit, wie Du richtig gesagt hast, der relative Organisationsgrad immer weiter sinkt und die Wirkungen des Arbeitskampfes gering gehalten werden. Diese Strategien gibt es nicht nur in Leipzig, sie wurden zumindest auch von den Kolleg*innen aus Poznań bestätigt.
Außerdem fängt die Gewerkschaft im Grunde bei jedem neuen Warenlager wieder bei Null an. Die Menschen, die dort anfangen, haben in der Regel keine gewerkschaftlichen Vorerfahrungen. Amazon eröffnet praktisch jährlich irgendwo in Europa und im Rest der Welt mindestens ein Warenlager. Jedes neue Warenlager erhöht den Druck auf die anderen.
In vielen dieser Warenlagern schließen sich die unzufriedenen Arbeiter*innen zusammen und versuchen etwas zu verändern. In Leipzig führen die Arbeiter und Arbeiterinnen diesen Kampf organisiert in der DGB-Gewerkschaft ver.di. Linke Aktivist*innen können ganz klassisch selbst bei Amazon anfangen. Die Anforderungen bei Amazon anzufangen sind tatsächlich nicht so hoch. Wie lange man dort durchhält ist eine andere Frage.
Wir haben uns für einen anderen Weg entschieden, der unserer Lebensrealität näher ist. Wir arbeiten mit den Streikenden und vor allem den Vertrauensleuten, den gewählten ver. di-Vertreter*innen im Betrieb, von denen uns einige sehr wohlgesonnen sind, zusammen. Mit ihnen gemeinsam stimmen wir die Strategie ab. Sie haben gemerkt, dass sie außerbetriebliche Unterstützung im Arbeitskampf brauchen oder diese ihnen zumindest hilft. Deswegen werden wir akzeptiert. Die Vertrauensleute erhoffen sich von uns vor allem Unterstützung in der Öffentlichkeitsarbeit. Als die erste Generation von uns sich vor fünf Jahren mit Kaffeekannen den Arbeiter*innen bei einem Streik vorgestellt hat, haben sie sich noch gewundert, was wir Studierende eigentlich da wollen.
Wir unterstützen den Arbeitskampf genau deswegen, weil wir ihn für so zentral für die Entwicklung der Arbeitsbedingungen halten. Der breite Diskurs über Amazon ist unabhängig von uns da, weil die Öffentlichkeit merkt, dass sich was ändert. Auch wenn die Diskussion über Amazon zu oft in befremdliche Faszination bei Journalist*innen oder Wissenschaftler*innen umschlägt. In diesen Diskurs, in dem die öffentliche Meinung über Amazon sich generiert, intervenieren wir, indem wir sagen: Digitalisierung ist ein Feld des Klassenkampfes und nur durch solidarisches Handeln können wir diesen Kampf gewinnen!
Unsere politische Arbeit sehen wir als ein Experiment, in dem die Linke lernt, Klassenallianzen aufzubauen und solidarische Klassenkämpfe zu führen. Ich hoffe, die Linke kann einiges aus diesem Experiment ziehen. Der Unterschied unseres Ansatzes zu anderen ist, dass wir dem Betrieb extern bleiben. Wir führen unser Leben weiter, aber lassen unsere Kollegen nicht im Stich. Wenn wir unsere eigenen Biographien betrachten, dann sind die meisten bestimmt bei einer Welle mitgeschwommen. Gerade die Arbeitskämpfe in Frankreich haben die Linke da bestimmt inspiriert. Die meisten von uns haben früher andere politische Arbeit gemacht, wie bereits erwähnt. Jedoch haben wir unabhängig von diesem Trend, sich mit sozialen Kämpfen in der Sphäre der Arbeitsbeziehungen zu beschäftigen, die Erfahrung gemacht, dass unsere Politik nie die Grenzen des Milieus verlassen hat.Wir haben fast nie versucht jenseits der eigenen Szene Kontakte aufzubauen. Allerdings sind diese Beziehungen die Grundvoraussetzungen für gesellschaftliche Veränderungen. Die Entstehung einer Klasse für sich selbst – und wir gehören auch zur Klasse der Lohnarbeiter*innen, auch wenn wir überwiegend Staatsangestellte sind – ist unserer Meinung nach kein Automatismus, sondern die Folge politischen Handelns.

Amazon kann schnellstens auf Streikaktivitäten reagieren, indem das Unternehmen Bestellungen in andere Fulfillment Center und Versandzentren umleitet, wie beispielsweise nach Poznań in Polen. Welche Rolle spielen die Soli-Bündnisse in der Herstellung transnationaler Orga-Netzwerke wie der Transnational-Social-Strike-Plattform? Welche Bilanz zieht ihr aus der transnationalen Zusammenarbeit in Leipzig mit den polnischen Kolleg*innen, die ja über Bummelstreiks versucht haben keine Streikbrecher*innen für die deutschen Kolleg*innen zu werden?
Eine Sache ist klar, die internationale Vernetzung ist aus den von euch genannten Gründen, gerade in diesem Kampf sehr wichtig. Nicht nur weil Amazon ein international agierender Konzern ist, sondern weil die nationalen Belegschaften gegeneinander als streickbrechende ausgespielt werden. Das haben auch institutionalisierte Gewerkschaften wie ver.di erkannt. Bei der internationalen Vernetzung müssen zwei Ebenen unterschieden werden. Es gibt eine Zusammenarbeit auf der Ebene der Sekretär*innen und Betriebsräte und es gibt die Ebene – und hier kommen wir ins Spiel – der prekarisierten Lohnarbeiter*innen Europas. Über die erste Ebene kann ich nicht viel sagen, da wir ja ein gewerkschaftsnahes, aber doch außergewerkschaftliches Bündnis sind.
Einige von uns haben, ohne schon im Streiksolibündnis aktiv gewesen zu sein, an dem, ich glaube, zweiten Transnational-Social-Strike-Treffen 2015 in Poznań teilgenommen. Wir finden die Idee, die dahinter steckt, sehr wichtig. Wenn wir es hochtrabend formulieren wollen, geht es ja um die Förderung der Bildung der Klasse für sich auf transnationaler Ebene. Allerdings, wir waren auch auf weiteren Treffen, ist uns das Bündnis ein wenig zu unorganisiert und Entscheidungen wirken intransparent auf Leute wie uns, die wenig Zeit haben, sich aktiv dort einzubringen. Unterschiedliche Zeitressourcen sind in solchen großen Bündnissen immer ein Problem. Ich werde aber sobald ich wieder mehr Zeit habe, auf die Treffen fahren und versuchen aktiver zu sein.
Über solche Treffen haben wir dann Kolleg*innen von der polnischen Basisgewerkschaft IP (Inicjatywa Pracownicza) in Poznań kennen gelernt, aber auch andere Kolleg*innen aus Deutschland, etwa Bad Hersfeld. Die Stimmung bei diesen Treffen ist was ganz besonderes, weil dort Leute sind, die verstanden haben, dass nationale Standortpolitik – zumindest für die Branchen, die dort vertreten sind – keinen Sinn hat. Mit Kollegen aus Bad Hersfeld kommen wir leichter ins Gespräch, aber die Organisationform muss gleich eine transnationale sein. Allerdings ist es ja der Anspruch der IP und auch unser Anspruch, dass die Arbeiter*innen aus Poznań und Leipzig zusammenkommen. Bei der IP ist das einfach, weil die IP eine Gewerkschaft ist, die im Warenlager in Poznań die Mehrheit stellt. Es ist natürlich gut, wenn wir den Arbeiter*innen in Leipzig erzählen, dass es in Poznań diese basisdemokratische Gewerkschaft gibt und ihre Mitglieder ihre Jobs in einem Bummelstreik riskieren, um nicht Streikbrechende gegenüber euch zu werden. Aber es ist eine andere Sache, wenn die Kolleg*innen aus Poznań hier auftauchen. Sie waren schließlich am 30. Oktober 2017 im Streikzelt vor dem Leipziger FC mit einer Delegation, haben mit den Kollege*innen direkt gesprochen und zusammen 95 Thesen gegen Amazon verfasst – wir begehen ja in Deutschland 500 Jahre Reformation als Staatsakt. Im Anschluss gab es noch ein Treffen im kleineren Kreis, wo konkretere Schritte geplant wurden. Nun soll es Ende Januar 2018 ein Treffen der Amazon-Arbeiter*innen Europas geben in Leipzig. Wir hoffen, dass Kolleg*innen aus Deutschland, Polen, aber auch aus Frankreich, Italien – in den beiden Ländern wird auch gestreikt – Großbritannien und Spanien vorbeikommen werden.
In einer nationalstaatlich-strukturierten Welt denken auch die meisten Menschen nicht über die Staatsgrenzen hinaus, obwohl die Politik und das Kapital sich längst transnationalisiert haben. Solche Begegnungen sind daher wichtig. Sie brechen das Nationalbewusstsein auf! Es zeigt sich, dass Nationalismus den Interessen der Arbeiter*innen in diesen Branchen widerspricht. Das alles sind selbstverständlich notwendige Stufen bei der Bildung der transnationalen Klasse für sich selbst.

Wie sieht euer konkretes taktisches Vorgehen aus? Blockaden, Konsument*innen-Streik, etc.?
So diskutieren wir natürlich nicht über unsere Taktik. Wir haben kleine Ziele und überlegen uns, mit welchen Mitteln und Praxisformen wir diese erreichen. Da wir, wie ihr schon gemerkt habt, die transnationale Vernetzung so extrem wichtig finden, versuchen wir Aktionen, die die Bildung eines entsprechenden Bewusstseins fördern. Wir hoffen das zumindest! Wir stecken unsere Zeit also in Aktionen wie Organisation und Besuch internationaler Treffen auf der Arbeiter*innen-Ebene oder eben in die Planung niedrigschwelliger, transnationaler Aktionen.
Aber wir haben noch andere Ziele. Wir wollen den Arbeitskampf materiell unterstützen, deshalb haben wir am 24.11. mit 150 Freunden die Arbeiter*innen beim Streik besucht. Dann sind wir mehrmals über die Fußgängerampel bei der LKW-Einfahrt gegangen – natürlich nur wenn für uns grün war. Leider war die Grünphase gleichzeitig mit den abbiegenden LKWs. Ihr wisst schon.Wir machen Aktionen, die die Arbeiter*innen nicht selbst machen können bzw. wollen, weil sie Furcht vor Konsequenzen haben. Doch diese Aktionen erfüllen noch mindestens zwei weitere Ziele. Zum einen haben uns viele Arbeiter*innen gesagt, dass sie die große Solidarität gefreut hat, zum anderen kam es zu vielen Begegnungen zwischen Menschen, die ja letztlich zu einer Klasse gehören. Studierende, Arbeitslose, prekär arbeitende Linke und Amazon-Arbeiter*innen. Amazon hat innerhalb des Warenlagers über Ansprachen der Leads vor unserer Aktion gewarnt, deswegen bin ich froh, dass die Stimmung bei der Belegschaft überwiegend positiv war.
Es ist uns immer wichtig, dass unsere Aktionen, Kampagnen usw. erfolgreich sein können. Für uns heißt das, wir setzen uns Ziele und dann schauen wir, ob wir die Ziele erreicht haben. Das macht Aktionen wie den Konsument*innenstreik schwer. Wir haben diese Aktion vor drei Jahren schon mal initiiert. Es war sehr aufwendig und der Schaden ist schwer messbar. Klar, wir haben auf den Arbeitskonflikt aufmerksam gemacht. Ich denke, solche Aktionen müsste man um einiges größer aufziehen, als wir es getan haben. Wir müssten überall mit Plakaten und Werbeanzeigen auf die Aktion hinweisen. Wir müssten Amazon zu einer öffentlichen Reaktion zwingen, die dann medial für unsere Zwecke genutzt werden kann. Wenn es dann zusätzlich am Stichtag bei der Retour zum Paketstau kommt, wäre es super. Allerdings sehe ich diese Entwicklungen momentan nicht.

Das Unternehmen verfolgt die Strategie, sich vor allem in strukturschwachen Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit anzusiedeln, um so die Kosten für die Ware Arbeitskraft mittels einer Reservearmee senken zu können. Welchen regionalen Zusammenhang seht ihr zwischen dem Arbeitskampf bei Amazon und dem Erstarken der Rechten im sächsischen Raum (die AfD Sachsen erreichte 27% der Stimmen bei der Bundestagswahl 2017)? Welche Rolle spielt das Erstarken der neoliberalen und chauvinistischen AfD in den Auseinandersetzungen bei Amazon?
Es stimmt natürlich, dass Amazon versucht, möglichst wenig für die Arbeitskraft zu zahlen. Ein niedriger Durchschnittslohn, niedrige Lebenshaltungskosten sind für Unternehmen wie Amazon hervorragende Standortfaktoren. Allerdings geht es auch darum, dass die Orte strategisch gut liegen. So sind die in Polen liegenden Warenlager nahe an der deutschen Grenze, obwohl in der Nähe der ukrainischen oder weißrussichen Grenze der Zugriff auf migrantische Arbeitskraft leichter wäre. Dabei muss beachtet werden, dass Amazon in Polen vorrangig für den deutschen Markt Waren ausliefert.
Die Warenlager von Amazon in der BRD sind auf das ganze Land an günstigen Verkehrspunkten verteilt. Aber sie stehen natürlich nicht in Hamburg, München, Frankfurt oder Berlin – außer die Warenlager für den neuen Lebensmittelservice – sondern in nahegelegenen Kleinstädten und Dörfern wie Winsen, Graben, Bad Hersfeld oder Brieselang, wo die Lebenskosten niedriger sind. Leipzig ist da eine Ausnahme. Vom linksalternativen Hipsterviertel zum Warenlager brauchen wir mit dem Fahrrad 10 Minuten. Das macht unsere Arbeit viel einfacher.
Die streikenden Amazon-Arbeiter*innen, mit denen wir im engen Kontakt stehen, sind vor allem Linkspartei-Wähler*innen und sogar Mitglieder. Es gibt auch AfD-Wähler*innen unter den Streikenden. Die fanden es auch nicht so cool, als plötzlich 150 Linke beim Streik aufgetaucht sind. Es scheint jedoch nicht die Mehrheit zu sein. Auch wenn die Gründe des Erstarkens der Neuen Rechten vielschichtiger sind, betreffen zwei Aspekte unsere politische Arbeit:
Wir denken zum einen, dass der Aufstieg der Neuen Rechten eine Folge der politischen Erfahrungen in der Nach-Wende-Zeit sind. Deindustrialisierung, Neoliberalisierung und der staatlich vorangetriebene Aufbau eines Niedriglohnsektors haben ganze konkrete Auswirkungen auf den Alltag vieler Menschen. Die Menschen sind dann enttäuscht von den sogenannten „links-grünen Eliten“, die Deutschland in den letzten Jahren regiert haben und wählen die Protestpartei AfD. Viele werden auch rassistisch und nationalistisch eingestellt sein und zu den Leuten gehören, die schon seit 2013 vor Geflüchtetenunterkünften mit Fackeln aufmarschieren. Es ist für mich noch offen, inwieweit der Hass auf Geflüchtete eine Folge des Statusverlustes und der persönlichen ökonomischen Krisen der Nach-Wende-Zeit ist oder andere Ursachen viel wichtiger sind.
Zum anderen gibt es keine linke Antwort auf die soziale Krise dieser Tage, die das Kernproblem – den Kapitalismus – benennt. Es geht hierbei gar nicht so sehr um Wahlen. Die Selbstorganisierung der Arbeiter*innen in Gewerkschaften ist die traditionelle linke Antwort gegen die täglichen Zugriffe von Kapital und Staat. Die Arbeitendenvereinigungen schafften es aber gerade in Ostdeutschland nur selten, erfolgreiche Streiks zu führen. Es ist eine absolute Ausnahme, dass ver.di seit Jahren so viele Ressourcen in diesen Arbeitskampf steckt. Die Erfahrung von Erfolgen gegen das Kapital, selbst wenn es nur Mikrokonflikte sind, ist sehr wichtig, um eine linke Bewegung aufzubauen. Die letzte größere Bewegung in Ostdeutschland, die nicht von rechts kam (wie z.B. Pegida und die Fackelmärsche) waren die Hartz IV-Proteste. Klar gibt es die immer noch, aber letztlich hat der Staat diese Proteste einfach ausgesessen. Die Menschen vergessen so etwas nicht.
Kurzum, unsere Antwort auf die neoliberale Individualisierung und die rassistische Kanalisierung der Leiderfahrungen im Kapitalismus ist die solidarische, transnationale Klassenpolitik. Wir stehen aber ganz am Anfang und müssen die Antwort in unseren Kämpfen entwickeln.

Amazon ist allgemein als „union buster“ bekannt. In der Vorweihnachtszeit hatte das Unternehmen Prämien für Abstinenz bei Streiks versprochen. Selbst wenn sich Amazon seit ca. vier Jahren Arbeitskampf nach wie vor nicht auf einen Tarifvertrag des Einzelhandels einlässt, gab es doch partielle Erfolge wie Lohnerhöhungen, dezentrale Pausenräume und Weihnachtsgeld. Welche Bilanz zieht ihr nach den vier Jahren Arbeitskampf und was ist eure Zukunftsperspektive?

Du hast vollkommen Recht. Es gibt kontinuierliche Lohnsteigerungen und mittlerweile Weihnachtsgeld. Vertrauensleute bauen immer wieder die Drohkulisse auf: „Wollt ihr, dass die Zustände wieder so wie 2009 sind!“ Mit den Arbeitskämpfen kamen ein Haufen Verbesserungen. Dessen ungeachtet sagt Amazon in Interviews immer wieder, dass die Streiks keinerlei Auswirkungen haben. Dem muss entschieden widersprochen werden.
Ich denke also, dass der Arbeitskampf durchaus kleine Erfolge zeigt. Nur zeigt sich hier ein Problem, das aus der deutschen Gewerkschaftspolitik hervorgeht. Die Gewerkschaften des DGB wollen immer Tarifverträge abschließen, die eine möglichst große Fläche abdecken. Das ist ja erstmal gut. Wenn von diesem Standpunkt dann jedoch die Arbeitskämpfe bewertet werden, dann erscheinen die Erfolge gar nicht mehr so groß. Ver.di kann in ihrer Logik die Erfolge gar nicht wertschätzen. Amazon kann sich dann als Sieger darstellen.
Ich sage nicht, dass man sich mit dem Erreichten zufrieden geben soll, aber es muss anerkannt werden, alles andere sorgt für schlechte Stimmung. Nach sechs Jahren Arbeitskampf geht natürlich auch Motivation verloren. Hier muss die Gewerkschaft mit unserer Hilfe neue Strategien entwickeln. Viele Teile der Belegschaft, vor allem Saisonarbeitskräfte und Migrant*innen, sind viel zu wenig auf dem Schirm der Gewerkschaft. Ein weiterer Aspekt ist, dass wir die transnationale Arbeit intensivieren; hier ist noch viel zu tun.
Wir hoffen, dass die Arbeiter*innen den Arbeitskampf noch lange führen werden, zumindest bis die Gewerkschaft das Ziel erreicht hat. Inwieweit sich die gesellschaftliche Stimmung hinsichtlich der Problematisierung prekärer Arbeit und Ausbeutung ändert, können wir nicht sagen, aber wir versuchen weiter in dieser Richtung eine Stimme zu sein.
Ich und die anderen in meiner Gruppe haben über die Zeit persönlich viel gelernt, was den Arbeitskampf angeht. Unsere Aufgabe besteht nun auch darin diese Erfahrungen anzuwenden und Arbeitskämpfe an unseren Arbeitsplätzen zu führen, wie der Universität. Wenn wir dabei auf die Solidarität der Amazon-Arbeiter*innen zählen können, dann hätten wir wirklich was erreicht.

Marius ist seit 2017 Mitglied der Falken. Die Organisation lernte er über Sommer- und WinterdinX kennen. Er lebt derzeit in Paris, wo er studiert.

Editorial

Liebe Genoss*innen, Liebe Leser*innen,

Für fast alle aus der Redaktion war es das erste Mal, dass sie ein solches Magazin herausgeben haben, das erste Mal nach Artikeln zu suchen, das erste Mal unbekannten Autor*innen zu antworten und auch das erste Mal ein Editorial zu schreiben. Aber das Heft ist fertig geworden und wir freuen uns sehr. Als wir auf der Bundeskonferenz in Erfurt die erste Ausgabe in den Händen hielten und lasen, wurden wir angefixt, es auch selbst mal zu probieren. Durch die Diskussionen, die wir auf dieser Bundeskonferenz geführt haben, fanden wir auch zum Thema, denn für bessere Antworten auf soziale Ungleichheiten zu streiten, schien uns aktueller, als wir es je erlebt hatten. Wir hatten uns erhofft, dass wir auch neue Leute einbinden können und uns Zeit nehmen werden, uns mit unserem Thema nähergehend zu befassen. Wir hofften, dass wir ungeahnten Input bekommen und uns selbst weiterzubilden. Das alles hat geklappt und wir können es jeder Gliederung nur weiterempfehlen, auch wenn so manche Dinge chaotisch waren oder einfach anstrengend und wir gegen Ende hin feststellen mussten, dass wir schlecht aufgestellt sind mit Korrekturlesenden ohne Legastheniehintergrund. Was wir aber auch sagen können ist: unser Themenheft zur sozialen Frage hat selbst die Soziale Frage zum Vorschein gebracht. So haben wir bei unserer Artikelsuche oft Absagen bekommen: „Keine Zeit, muss arbeiten, studieren, mich ausruhen, schlafen“ oder auch „Das trau ich mir nicht zu, so was kann ich nicht, meine Meinung ist doch nicht so wichtig“. Soweit erst mal keine Überraschung, jedoch hatten wir leider bei unserer Autor*innensuche das Gefühl, dass besonders häufig all jene absagten, die nicht studierten und/oder Frauen* waren. Das macht uns traurig und wütend zugleich. Traurig, weil wir uns an den geschätzten Haltungen und Meinungen nicht weiterbilden, reiben und erhellen lassen können und wütend, weil es uns nicht mal im Umfeld der Falken gelingt, ein gesellschaftlich gelerntes Minderwertigkeitsgefühl nicht wirksam werden zu lassen. Es bleibt noch viel zu tun; allein die Geschlechterquote in unserem Redaktionskollektiv ist nichts worauf wir stolz sein können. Zum Thema Selbstbewusstsein im Zusammenhang mit der Sozialen Frage stolperten wir bei der Vorbereitung unverhofft über eine Anekdote, die Werner Seppmann nach einer Begegnung mit Leo Kofler erinnerlich geblieben ist:

„Wir fuhren Ende der 70er Jahre zu einer gewerkschaftlichen Bildungsveranstal- tung nach Dortmund. Vor Beginn nahm der zuständige Bildungsreferent Kofler beiseite und empfahl ihm – um die »didaktische Absicht der Veranstaltung nicht zu gefährden« – sich einer unverfänglichen Begrifflichkeit zu bedienen: »Mit den Begriffen Klassengesellschaft und Arbeiterklasse können unsere Kollegen nichts mehr anfangen; sie werden eher abgeschreckt.« Kofler begann sein Vortrag mit folgenden Worten: »Liebe Kolleginnen und Kollegen, euer Gewerkschaftssekretär hat mir empfohlen, nicht zu viel über Klassengesellschaft zu reden, weil euch für solche Dinge das Verständnis fehlt. Ich habe aber in der Zeit vor dem Beginn unserer Veranstaltung eine eigenartige Beobachtung machen können. Die ersten von euch, die den Saal betraten, haben sich unsicher und verhalten umgeschaut und zunächst die hinteren Sitzreihen belegt. Welch ein Unterschied gegenüber dem Verhalten eines gutsituierten, bürgerlichen Publi- kums, vor dem ich vor einigen Tagen gere- det habe. Diejenigen, die zuerst den Saal betraten, gingen selbstbewusst zu den ersten Reihen und der Saal füllte sich allmählich von vorne nach hinten. Seht ihr, das ist Klassengesellschaft!« Die Reaktion war zustimmender Beifall.“

Wir wollen euch im Editorial keinen verschriftlichten roten Faden durch das Inhaltsverzeichnis an die Hand geben, da es keinen roten Faden gibt. Wir hatten uns bei der Suche nach Artikeln eine große Anzahl von möglichen und spannenden Unterthemen überlegt und einige davon finden sich auch in diesem Heft wieder. Uns war von Anfang an wichtig, über die Soziale Frage nicht nur abstrakt und theoretisierend zu schreiben, sondern auch konkreten Erfahrungen Raum zu geben, deswegen beginnen wir das Heft mit einem sehr persönlichen Beitrag. In unseren Debatten zum Thema der Ausgabe wurde klar, dass wir nicht nur das offensichtliche Verhältnis zwischen arm und reich in den Blick nehmen wollen, sondern tiefer graben, was sich hinter der, fast schon selbst zu Floskel gewordenen, Sozialen Frage noch verbergen kann: Wo prägen Verteilungsfragen gesellschaftlichen Reichtums und gesellschaftlicher Reichtumsproduktion denn überall die Welt, in der wir leben? Und auf welche Art prägen sie damit auch uns ganz persönlich?

Wir wollen an dieser Stelle auch nochmal alle Lesenden darauf hinweisen, dass es die Möglichkeit gibt Antworten, Kommentare und Diskussionsbeiträge zu erschienenen Artikeln in darauffolgenden Ausgaben zu veröffentlichen oder auf dem Blog allen zur Verfügung zu stellen. Dazu einfach eine Mail an thugmag@riseup.net schicken. Debatten sind also ausdrücklich erwünscht. Auf dem Blog findet ihr auch mittlerweile alle Artikel der ersten Ausgabe, falls ihr zu spät für ein gedrucktes Exemplar gewesen seid.

Freundschaft!
Euer Redaktionskollektiv, Mai 2018

Rezension: »Postnazismus revisited«

von Jan Schneider

Der Band »Postnazismus revisited« von Stephan Grigat (Hrsg.) ist die zweite, erweiterte und aktualisierte Auflage von »Transformation des Postnazismus. Der deutsch-österreichische Weg zum demokratischen Faschismus«. Der Text »Die Verhärtung der politischen Form. Das Kapital und die Zukunft des Faschismus am Ende der liberaldemokratischen Epoche« von Johannes Agnoli ist aufgrund von Urheberrechtsstreitigkeiten nicht mehr abgedruckt und auch »Anständiger Widerstand. Der patriotisch-politiksüchtige Protest gegen die demokratische Barbarei« fehlt, die restlichen Texte wurden überarbeitet. Hinzu kamen drei Beiträge von Stephan Grigat, Clemens Nachtmann und Gerhard Scheit.

„Der Nationalsozialismus lebt nach, und bis heute wissen wir nicht, ob bloß als Gespenst dessen, was so monströs war, dass es am eigenen Tode noch nicht starb, oder ob es gar nicht erst zum Tode kam; ob die Bereitschaft zum Unsäglichen fortwest in den Menschen wie in den Verhältnissen, die sie umklammern.“4

Das Buch widmet sich, wenn die Autoren nicht gerade ihr Wissen abladen, vor allem der Frage, woran zu sehen ist, dass der NS in der Gegenwart fortwest und inwieweit das, was sich selbst »Antifaschismus« nennt, anti-faschistisch ist. Damit verbunden ist immer auch die aufschlussreiche Frage, was den NS eigentlich ausgemacht hat. War der NS-Staat ein aufgeblähter Verwaltungsapparat oder ein schlanker Staat? Diktatur oder Demokratie? Die Nazis autoritätshörige Duckmäuser oder antiautoritäre Wutbürger?
Die Autoren wissen, was Adorno sich fragte: der Nazismus lebt nach, nicht in Massenaufmärschen oder im Geschichtsrevisionismus, sondern im Appeasement gegenüber den islamischen Djihadisten und der Delegitimierung des Zionismus. Damit ist eigentlich auch schon das meiste gesagt. Der Rest des Buches ist im Grunde nur Beiwerk.
So entlarvt das Buch den Gegensatz zwischen politischer Mehrheit und Minderheit als „antagonistische Kooperation“ – mit dem Schwerpunkt auf »Kooperation«: Die Linke, die „scheinbar in extremem Gegensatz zur Mehrheit, in Wahrheit deren verschwiegene Sehnsüchte artikulierte, dafür von jener zunächst gehasst und verfolgt wird, was der Minderheit wiederum den moralischen Mehrwert verleiht und die Zähigkeit zum Durchhalten eingibt, bis schließlich die Mehrheit […] sich widerstrebend dem ‚Lauf der Dinge‘ oder dem ‚Zug der Zeit‘ beugen darf und die dann stattfindenden gesellschaftlichen Reformen als Ergebung in ein unabwendbares Schicksal darstellen kann. Und ein Ende dieser Spiegelfechterei ist nicht absehbar, man hat sogar den Eindruck, dass diese um so munterer weitergeht, je scheinhafter die sachlichen Differenzen in Wahrheit sind“.
Eine ähnliche Arbeitsteilung wird der EU in Sachen Israelkritik (ein Kapitel ohne Israel wäre keins) konstatiert: einerseits verkaufen Schweden und Spanien ihre „Enthemmtheit gegenüber Israel als besondere Glaubwürdigkeit“, andererseits muss sich Deutschland nicht „die Finger selber allzu schmutzig“ machen.
Und noch zwei scheinbare Gegner arbeiten in Wirklichkeit auf das Gleiche hin: die Rechte und der Islam. So ähneln sich Umma und Volksgemeinschaft in ihrem Hass auf Differenz und individuelle Unabhängigkeit, ihrer patriarchal-familiären Ordnung und ihrem Antisemitismus so sehr, dass von einer Feindschaft von Nazismus und Islamismus keine Rede sein kann. Ihre Feindschaft rührt nach Meinung der Autoren nicht von der Differenz, sondern gerade von ihrer Gleichartigkeit her. Sie ist die Folge ihrer Konkurrenz um die gleichen Ziele, gepaart mit dem Neid der Rechten auf den Erfolg der Djihadisten, die der Umma näher sind als die Nazis der Volksgemeinschaft. Breivik gilt den Autoren folglich auch nicht als »islamophob« und Feind der Islamisten, sondern als ihr Konkurrent. Auch der politischen Linken wird mit ihrer Begeisterung für »fremde Kulturen«, in denen die Menschen noch unvermittelt aneinander gekettet sind und eine »unhintergehbare Identität« haben, Sympathie für den Islam konstatiert. Und schon stellt sich nur noch die Frage, warum die Linke die Scharia nicht zum Sozialismus erklärt und sich den Islamisten anschließt. Die Antwort soll im Unterschied der Arbeitsfetische zwischen der deutschen (und also postnazistischen) Linken und Rechten und den Islamisten liegen. Erstere fetischisieren die Arbeit als Dienst und Opfer an der Gemeinschaft (gelang doch auch der Holocaust nur als Ergebnis industrialisierter Arbeit). Demgegenüber ist der Islam die Religion derjenigen, die der Weltmarkt nicht braucht, die keine Industrie haben und folglich weder arbeiten können, noch müssen.
Die BRD hat zwar ein Mehrparteiensystem mit Gewaltenteilung und eine kapitalistische Ökonomie mit individueller Freiheit, aber ein Zurück hinter den NS ist in ihr dennoch nicht möglich. Denn die wiederhergestellten ökonomischen und rechtlichen Vermittlungen bleiben scheinhaft. So gibt es in Deutschland keine Klassen mehr, sondern nur noch »vereinzelte Einzelne« (Marx), denen die Relativierung ihrer Interessen und Bedürfnisse in Mark und Bein übergegangen ist. Sie sind eher Ein-Mann-Staaten, die Herrschaft und Unterdrückung von sich aus wollen und gegen sich richten, als Individuen. Ganz von sich aus sorgen sie sich um die nationale Ökonomie und besorgen so gemeinsam-einsam das, was früher der Staat als Großkonsument tat und tun musste. Die bürgerliche Herrschaft muss vom NS nicht gerettet werden, wenn eh schon jeder verinnerlicht hat, dass das Eigeninteresse zuallererst dem Gemeinwohl zu dienen hat, die Wirtschaft eine große Volksfürsorge ist und die Sozialpartner gemeinsam an der reibungs- und krisenlosen Ökonomie arbeiten. Die Parteien sind faktisch eine Einheitspartei, das Recht nur eine dürftige Verkleidung des überrechtlich verlangten Bekenntnisses zur fdGO und noch die individuelle Freiheit ist in Deutschland Staatsziel.
Auch wer sich fragt, ob es jemals die Vereinigten Staaten von Europa geben wird, findet im Buch die Antwort: weil im nationalsozialistischen Europa die Souveränität des (in Wirklichkeit zerfallenden) Staates immer bloß behauptet war und vielmehr der Holocaust die Einheit der Gesellschaft sichergestellt hat, kann es keine EU als echten Souverän geben.

Die Autoren wollten zeigen, dass die „soziale Marktwirtschaft ohne die nazistische Vernichtungsgemeinschaft“ undenkbar, die „Sozialpartnerschaft ohne die Betriebsgemeinschaft des Faschismus“ unmöglich, die „gegen Jugoslawien angewandte Taktik, das ‚Recht auf nationale Selbstbestimmung‘ zur Zerschlagung des letzten Systemfeindes in Anschlag zu bringen, ohne die geschichtliche Erfahrung der Okkupation etwa des Sudetenlandes“ unvorstellbar wäre. Das ist die Zusammenfassung des Buches – sie ist zwei Jahre älter als es selbst.2
Im ganzen Buch wird nicht klar, ob es sich beim Postnazismus nun um eine Ideologie, die auch wieder verschwinden könnte, oder um eine objektive Gegebenheit handeln soll. Ersteres wäre wohl nicht »radikal« genug, aber für letzteres findet sich im Buch kein wirklich überzeugender Beleg, außer dass die BRD auf den NS folgte: es „bleibt darauf zu beharren, dass ähnliche Entwicklungen schon auf Grund der unterschiedlichen historischen Bezüge nicht die gleiche Bedeutung haben“.
Es gelingt dem Buch auch nicht wirklich, nachzuzeichnen, was genau noch der Unterschied zwischen Deutschland und Österreich einerseits und den nicht postnazistischen Ländern andererseits sein soll. Es erscheint auch zweifelhaft, ob ein grundlegender Unterschied überhaupt noch besteht. Faschismus und Nazismus waren die Gesellschaftsform der damaligen sozialen und ökonomischen Situation. Und sie existierten in einer Epoche, in der in den entwickelten Ländern überall die gleichen Tendenzen zu einer solchen Gesellschaftsform vorhanden waren. Auch die USA, Frankreich und Großbritannien waren in diesem Sinne nicht einfach antifaschistisch, was bspw. die »Studien zum autoritären Charakter« oder Leo Löwenthals »Falsche Propheten« beweisen. Die faschistischen und nazistischen Bewegungen haben dort nicht die Oberhand gewonnen und waren noch nicht einmal annähernd so stark wie in Deutschland. Aber sie stellten dennoch nennenswerte gesellschaftliche Strömungen dar. Insofern wird schon damals der zentrale Unterschied zwischen Deutschland, den USA und anderen Ländern nicht die ideologische und ökonomische Qualität der faschistischen und/oder nazistischen Bewegungen, sondern vor allem ihre Größe und Stärke gewesen sein. Warum sich dieser quantitative Unterschied im Laufe der Jahre nicht einebnen oder vielleicht auch völlig umkehren können sollte, wird auch durch die Lektüre des Buches nicht klar. Insofern sollte man m.E. nicht nur vom Postnazismus Deutschlands reden, sondern eher von dem der ganzen Welt. Nicht nur die Deutschen kennen jetzt die »Möglichkeit« der Aufhebung der fesselnden, abstrakten Seite des Kapitals durch die Judenvernichtung. Der Nazismus hat „die ganze Welt qualitativ verändert, das heißt, einen geschichtlichen Umschlagpunkt markiert“.
Der Unterschied zwischen Deutschland und anderen Ländern ist durch die Kapitulation natürlich nicht verschwunden. Aber warum sollte er nie verschwinden können? Mögen Demokratie und Marktwirtschaft bloß Schein gewesen sein, es sieht so aus, als wären sie damit »der Platzhalter der Wahrheit« (Adorno) gewesen. So richtig fällt auch den Autoren nicht mehr ein, als dass Deutschland eben Nazi-Deutschland war und andere Länder nicht. Überzeugende Beispiele oder Indizien dafür, dass sich der deutsche Wahn in die Gegenwart retten konnte, sucht man vergebens. So wird beispielsweise als Beleg dafür „wie die Stimmung im deutschen Südwesten ist und die ersten Schritte in die politische Ökonomie der Barbarei konkret aussehen“, angeführt, dass mal ein CDU Politiker in Baden-Württemberg »Islamic Banking« als ethische Variante des Bankwesens gelobt hat.
Für die Autoren ist Postnazismus offenbar jeder Versuch, kapitalistische Härten oder offensichtliche Asozialität nicht-kommunistisch bekämpfen zu wollen. »Typisch« kapitalistische Ideologien (wie das Gerede vom Allgemeinwohl), eher hilflose Versuchen die Schädlichkeiten dieser Gesellschaft und Ökonomie zu verringern und spezifisch nazistische Einstellungen sind für die Autoren das Gleiche. Für die Autoren scheint es den Gedanken des allgemeinen Wohls vor dem NS nicht gegeben zu haben. Da war noch jedem die rücksichtslose Konkurrenz und allseitige Feindschaft bewusst und wurde bejaht.
Kern der Argumentation sind dabei die scheinbar heiß geliebten »Vermittlungen« wie Recht, Geld, Ware usw., die verdinglichten sozialen Beziehungen der Bürger und Warenhüter. Weil die Nazis sie abgeschafft haben, müssen sie antifaschistisch gewesen sein. Dass der Kapitalismus mit ihnen den Nazismus hervorbringen konnte, scheinen die Autoren vergessen zu haben. Ihre Vermittlungen, also letzten Endes der Wert, ist nichts anderes als die Abwesenheit des Vereins freier Menschen.
Alles in allem ist »Postnazismus revisited« das Buch zum (antideutschen) Film: das gleiche in Langform plus eine Handvoll »Making-Ofs« zu den bekannten antideutschen Bekenntnissen. Wer das immergleiche Kunststück, jeden Sachverhalt auf Israel oder den Islam bezogen zu bekommen, nochmal in Buchform genießen will, wird den Band spannend finden. Allen anderen sei »Endstation« von Wolfgang Pohrt3 empfohlen: es ist erheblich kürzer, kurzweiliger und einleuchtender. Anders als die Autoren macht Pohrt das spezifisch Nazistische, beispielsweise die Angst Jungdeutschlands vor „Verfälschungen durch Machenschaften jüdischer Art“, vor allerlei nicht wahrnehmbaren Gefahren und „abstrakt-chemischen“ Erzeugnissen deutlich. Und im Unterschied zu »Postnazismus revisited« muss man bei ihm nicht schon vor der Lektüre an das Nachleben des Faschismus in der Demokratie glauben.

Stephan Grigat (Hrsg.) (2012): Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert (Freiburg: ça ira-Verlag), 288 Seiten, 18 €.

Autoreninfo: Jan kommt aus Erfurt und lebt in Weimar. Er ist Student und ist bei den Falken in Thüringen aktiv.

  • Joachim Bruhn (2001): Flugschriften. Gegen Deutschland und andere Scheußlichkeiten (Freiburg: ça ira-Verlag), 158 Seiten. [zurück]
  • Wolfgang Pohrt (1983): Endstation. Über die Widergergeburt der Nation – Pamphlete und Essays (Berlin: Rotbuch-Verlag), 139 Seiten. [zurück]
  • Theodor W. Adorno (1977): Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in Gesammelte Schriften 10.2. Kulturkritik und Gesellschaft II: Eingriffe. Stichworte (Suhrkamp: Frankfurt/Main), 555. [zurück]
  • Schlaglichter aus dem Lohnzwang

    Um die Motivation zu steigern, seinem Recht auf freie Berufswahl auch rasch nachkommen zu wollen, empfiehlt das Sozialamt seinen Kund*innen gelegentlich die Bewerbung auf zumutbare Stellen. Als inspirierendes Bewerbungsbeispiel möchten wir euch diese couragierte Leseprobe mit auf den Weg geben:

    „Durch meinen Jobvermittler beim Jobcenter wurde mir empfohlen mich auf die Stelle eines Jobvermittlers beim Jobcenter zu bewerben. Im Rahmen meiner Suche nach sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung habe ich mit diesem Berufsbild bereits erste Erfahrungen gesammelt. […] Es ist mir ein besonderes Anliegen meine Schaffenskraft zum Wohle der gesellschaftlichen Entwicklung unseres Landes mehrwertorientiert einzusetzen, um als Staatsbürgerin meinen Beitrag zum sozio-ökonomischen Fortschritt zu leisten, denn damit werde ich nicht nur meinem Anspruch gerecht. Dieser lautet: Sozial ist was Arbeit schafft. Dafür stehe ich ein und sehe mich in der Position als Jobvermittlerin am richtigen Platz zur richtigen Zeit, um das zu schaffen, was uns allen wichtig ist: Arbeit.“

    Die Autorin ist der Redaktion bekannt.